http://www.faz.net/-gtl-8vkfv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 13.03.2017, 21:16 Uhr

Milliardengeschäft Fußball Die neue Macht der Spielerberater

Berateragenturen spielen im Fußball eine immer wichtigere Rolle, auch wenn ihr Ruf nicht immer der beste ist. Die Big Player sind aufgestellt wie Großklubs – nur mit einem Unterschied.

von
© Jan Bazing Sie haben überall ihre Hände mit im Spiel: Berater gelten im Profifußball nicht gerade als beliebt.

Das Portefeuille von Dirk Hebel kann sich sehen lassen. Er berät mit seinem Kompagnon Volker Struth etwa 80 Fußballprofis. Dazu gehören die drei Nationalspieler Toni Kroos, Marco Reus und Benedikt Höwedes. Nach Marktwerten der Klienten liegt ihre Agentur Sports Total derzeit mit mehr als 270 Millionen Euro unter den Top-5-Anbietern in Europa. Das Unternehmen gehört zu den größten auf dem Markt. Dieser wird immer mehr von breit aufgestellten Agenturen beherrscht, die damit ihre Machtposition gegenüber den Vereinen ausbauen. Allerdings: Die Branche der Spielerberater muss weiterhin gegen ihren schlechten Ruf ankämpfen. Menschenhändler, Abzocker, dubiose Schattenmänner – es gibt da so einige Bezeichnungen.

Michael Ashelm Folgen:

Hebel sitzt im Büro in Köln und sagt: „Der Ruf ist zum Teil selbst verschuldet. Es gab in den Anfängen des Spielerberaterwesens sicherlich Methoden, die nicht immer astrein waren.“ Aber die Branche habe sich stark verändert. Heute konkurrierten viele Berater und Beratungsagenturen um die Spieler, es gehe um Dienstleistungen. Jeder Fehler eines Beraters könne dazu führen, dass sich Spieler anders orientierten. „Das sorgt dafür, dass fragwürdige Machenschaften vom Markt verschwinden und sich die Qualität der Beratung deutlich verbessert hat.“

45230834 Weltfußballer Cristiano Ronaldo mit Jorge Mendes (l.). Der portugiesische Spielerberater gilt als einflussreichster Mann seines Jobs. Bei den … © dpa Bilderstrecke 

Im Dezember schien die Bombe zu platzen. Gefüttert von anonymen Enthüllungsaktivisten des Netzwerks Football Leaks, berichteten einige Medien in Europa über nebulöse Verbindungen zwischen Klubs, Agenten und Fonds in Steueroasen. Es ging um windige Steuersparmodelle spanischer Großklubs. Betroffen war auch Superstar Cristiano Ronaldo. Und genannt wurden stets einige Spielerberater als vermeintliche Drahtzieher – angeblich ein Riesenskandal. Passiert ist bisher nicht viel. Offenbar tun sich Ermittlungsbehörden schwer, eine strafrechtliche Relevanz zu erkennen.

Messi schleuste mehrere Millionen am Finanzamt vorbei

Dass reiche Fußballer bisweilen am Finanzamt vorbeidribbeln und damit dem Gemeinwohl schaden, zeigte der Fall Lionel Messi, der argentinische Superstar wurde im vergangenen Jahr in einem länger zurückliegenden Fall wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Trotz solcher Fälle und Verdächtigungen sehen sich Agenten vor allem hierzulande pauschal zu negativ bewertet.

Mehr zum Thema

„Ich kann die ganze Aufregung um Spielerberater nicht nachvollziehen. Es ist eine Branche wie jede andere“, sagt der Berliner Jörg Neubauer. Er vertritt Spieler wie das Schalker Mittelfeldtalent Leon Goretzka oder die Torhüter Kevin Trapp und René Adler. Wenn so getan werde, als sei es üblich im Fußball, dass Profis Steuern hinterzögen und mit Hilfe ihrer Berater Geld in Steueroasen schafften, entspreche dies nicht der Wirklichkeit, sagt Hebel. Speziell in Deutschland könne er sich das nicht vorstellen. Der Berater aus Köln bestätigt zwar, dass ihm schon Vereine im Ausland Angebote zur Steueroptimierung gemacht hätten. „Wir haben das allerdings im Sinne aller Beteiligten stets kategorisch abgelehnt.“ Für alle von der Agentur vertretenen Spieler gelte exakt das Gleiche: „Alle Einnahmen werden grundsätzlich klassisch versteuert, gestützt und geprüft durch externe Steuerberater und Anwälte. Dazu gibt es für uns keine Alternative.“

Mendes-Agentur mit Spielerwerten wie Jahresbudget des FC Bayern

Mit der Kommerzialisierung des Fußballs sind die Spielerberater immer wichtiger geworden. Sie beliefern die Vereine mit dem Talent für das große Spektakel in den Arenen. Der 44 Jahre alte Hebel war früher selbst Profikicker, spielte in der ersten türkischen Liga und in England unterhalb der Premier League. Neubauer ist Rechtsanwalt und kam ins Geschäft, als er zur Wende beim Fußballverband der DDR arbeitete. Sein erster Transfer war Andreas Thom, der 1990 vom BFC Dynamo Berlin zu Bayer Leverkusen wechselte.

Der Einzelkämpfer unter den Spielerberatern allerdings wird von größeren Agenturen verdrängt. Eine Art Weltmarktführer ist der Portugiese Jorge Mendes mit seiner Firma Gestifute. Bei ihm sind laut Fachportal Transfermarkt.de Spielerwerte von mehr als 630 Millionen Euro gesammelt. Die Summe entspricht dem Jahresbudget des FC Bayern München. Zu seinen Klienten zählen Ronaldo, Angel de María oder auch Trainer José Mourinho. Der Italiener Mino Raiola vertritt Profis wie Paul Pogba und Zlatan Ibrahimovic. Die Marktwerte liegen bei mehr als 320 Millionen Euro. Raiola soll im vergangenen Sommer für Transfers 30 Millionen Provisionen eingestrichen haben. Ihn oder Mendes umgibt jedoch stets Misstrauen.

 
Sie fädeln nicht nur Verträge und Transfers ein: Spielerberater bekommen immer mehr Macht im Profifußball

Zwar geht es bei der Dienstleistung des Beraters im Kern um das passende Arbeitsverhältnis für Spieler. Größere Agenturen bieten inzwischen aber eine breite Angebotspalette: Versicherungen, Steuern, Umzugshilfe, Urlaubsplanung, private Werbeverträge, juristische Unterstützung. Firmen wie Sports Total beschäftigen 20 Mitarbeiter, haben eigene Talentsucher, aber auch Videoscouts, die nach jedem Wochenende die Spielszenen zusammenschneiden. So können sich die Spieler unabhängig von den Vereinen ein zusätzliches Bild über ihre Leistungen machen. „Es gehört natürlich auch dazu, dass wir die subjektive Meinung des Spielers zu seiner Leistung jederzeit kritisch hinterfragen. Wir decken alles ab, womit sich ein Fußballprofi heutzutage befassen muss“, sagt Hebel. So sind manche Agenturen ähnlich aufgestellt wie Klubs. Einziger Unterschied: „Wir haben doppelt so viele Spieler im Kader“, frotzelt ein anderer Großberater, der aber nicht genannt werden möchte.

© Perform Die wichtigsten News: Video-Kanal zur Bundesliga

Das Selbstbewusstsein ist groß unter den Agenten. Talente sind bei den Klubs heiß begehrt. Bei manchen Tiefschlägen oder Eskapaden ihrer Klienten scheint es allerdings so, als sei nicht jeder Berater wirklich so nah am Spieler. Oft lautet der Vorwurf, ihnen fehle das Knowhow für ihre Aufgabe, zumal sie großen Einfluss auf junge Menschen haben. Mit der Zahlung einer Registrierungsgebühr von 500 Euro an den Deutschen Fußball-Bund und der Abgabe eines polizeilichen Führungszeugnisses kann jeder hierzulande Agent im Fußball werden. Es gibt rund 400 eingetragene Berater in Deutschland. Dazu zählen auch ehemalige Pizzabäcker, Gemüsehändler und Klempner - meist angelockt vom vielen Geld, das im Profigeschäft kursiert.

Regulierung und Kontrolle durch die Verbände fanden in der Vergangenheit kaum statt. Hebel argumentiert, dass die Deutsche Fußball Liga jeden Arbeitsvertrag und jeden Provisionsvertrag vorgelegt bekomme. Die Dokumente gingen parallel auch zum Fußball-Weltverband Fifa. Dazu gebe es die regelmäßigen Prüfungen des Finanzamts. Es gehöre definitiv kriminelle Energie dazu, hier zu betrügen.

Vereinigung will Qualität der Spielerberater steigern

Seit einiger Zeit versucht die Beraterbranche, ihr Erscheinungsbild zu verbessern. Die Verbandsmitglieder wollten sich abgrenzen von den sogenannten „Abenteurern“ in diesem Geschäft, die in der Hoffnung auf ein paar tausend Euro 14- oder 15-Jährige beschwatzten, sagt Hebel. In der Deutschen Fußballspieler-Vermittler-Vereinigung (DFVV) sind derzeit allerdings nur 67 der 400 beim DFB registrierten Agenten organisiert. Dazu gehört auch Hebel, Neubauer nicht. Die Rechtsanwälte in dem Geschäft sehen sich aufgrund der gesetzlichen Verankerung zur Rechtsberatung in einer hervorgehobenen Position. „Für uns als Verband geht es in den nächsten Jahren um eine bessere Reputation der Branche und mehr Qualität bei jedem einzelnen Spielerberater“, sagt Gregor Reiter. Er ist DFVV-Geschäftsführer und Rechtsanwalt.

In der Regel erhält der Berater von dem Klub, der den Profi verpflichtet oder den Vertrag mit jenem verlängert, über die gesamte Vertragslaufzeit etwa zehn Prozent des Spielerbruttogehalts. Es gibt zudem Erfolgsbeteiligungen, wenn ein Agent vom Klub beauftragt wird, einen Spieler zu veräußern. Auch sind Prämien üblich, wenn ein Spieler zum Beispiel mehr als zehn Ligaspiele absolviert oder mit Gewinn weiterverkauft werden kann.

© Picture-Alliance, reuters Chinesen holen sich Fußball-Nachhilfe in Deutschland

Das Transfergeschäft ist ein Wachstumsfeld. 2016 fanden in Europa mehr als 8300 Spielerwechsel statt. Hinzu kommt der neue Markt China. Die dortige Super League stellte mit 388 Millionen Euro gerade einen Transferrekord auf. Die englische Premier League kam im Januarfenster auf 259 Millionen, die Bundesliga investierte 102 Millionen. Die achtzehn Topklubs in Deutschland investierten in einer Saison mehr als eine Milliarde Euro in Gehälter der Spieler und Trainer. Das Durchschnittseinkommen eines Bundesligaprofis beträgt 1,9 Millionen Euro.

Provisionen sind nicht Gewinn der Agenturen

Das Bild vom reichen Berater, der mit drei Anrufen Millionen verdiene, sei jedoch reines Klischee, sagt Hebel. „Es wäre sehr schön, wenn es so einfach wäre.“ Beraterprovisionen würden in der Öffentlichkeit immer nur dann diskutiert, wenn es um die ganz großen Deals in der Branche gehe. „Der Alltag ist viel unspektakulärer, steiniger und umfangreicher. Die Konkurrenz ist groß auf dem Markt. Das ist gut für die Spieler, die wählen können.“ Die DFVV weist darauf hin, dass die Provisionen nicht den Gewinn des Beraters, sondern den Umsatz darstellten.

Klubvertreter monieren gerne die Höhe der Beraterhonorare. Das wirkt effekthascherisch wie bei dem früheren Bremer Manager Willi Lemke, selbst einst Großverdiener im Fußball. Er beklagte zuletzt in einem F.A.Z.-Interview, dass sich manche Agenten „dumm und dämlich“ verdienten. Bezahlt wird jedoch für eine oft genutzte Dienstleistung. Auch im Model- oder Künstlergeschäft nehmen Agenten Provisionen.

„Wenn sich Vereine über Spielerberater beklagen, dann nutzen sie das gern, um von eigenen Belangen abzulenken“, sagt Neubauer. Kürzlich unterstrich DFL-Geschäftsführer Christian Seifert die Legitimation der Berater zur Interessenvertretung der Spieler. Und das mit den Honoraren sei wie bei Immobilien, fügte er an. Wenn die Preise stiegen, erhielten auch die Makler anteilig mehr. Auf dem Weg zu mehr Transparenz ist es allerdings unverständlich, weshalb die Liga nun nicht mehr die jährlich angefallenen Beraterhonorare aller 18 Vereine veröffentlichen will. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt mehr als 127 Millionen Euro genannt – das waren etwa fünf Prozent des gesamten Bundesligaumsatzes.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

Die Bel Etage des Fußballs im Visier

Von Christoph Becker

Festnahmen in Barcelona, Durchsuchungen in Paris: Die Ermittlungen zur Organisierten Kriminalität, Geschäftszweig Fußball, werden immer interessanter. Und ein Ende ist längst nicht in Sicht. Ein Kommentar. Mehr 4 10

Zur Homepage