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Spanien im WM-Finale Ein Lehrstück, aber die Krönung steht noch aus

10.07.2010 ·  Spanien zelebriert seinen Fußball in dem Moment, als es darauf ankommt - im WM-Halbfinale. Weil die Ordnung stimmt, kann auch jeder Spieler seine große individuelle Klasse zeigen. Das Beste wollen sie am Sonntag im Finale bieten.

Von Roland Zorn, Durban
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Im Nachhinein fielen die Erklärungen leicht. „Die beste Art, Fußball zu spielen“, dozierte Vicente del Bosque nach dem 1:0-Erfolg seiner Spanier über Deutschland im Weltmeisterschafts-Halbfinale, „ist, den Ball zu erobern, ihn zu behalten und möglichst nicht mehr herzugeben.“ So sprach der Chefcoach der besten Ballbesitzer der Welt nach dem jetzt schon historischen Erfolg der spanischen Fußball-Nationalmannschaft.

Sie steht am Sonntag (20.30 Uhr / FAZ.NET-Liveticker) im Soccer City Stadion von Johannesburg erstmals in einem WM-Finale und kann sich mit einem Sieg über die Niederlande nach dem Gewinn des Europameistertitels 2008 auch noch die Krone des Weltfußballs aufsetzen. Diesen Doppeltriumph binnen zwei Jahren hat bisher nur Deutschland 1972 und 1974 geschafft (Frankreich wurde 1998 erst Weltmeister und dann 2000 Europameister).

Die Deutschen sind derzeit Spaniens Lieblingsgegner. Wie im EM-Finale triumphierte die Seleccion auch zwei Jahre später in der WM-Vorschlussrunde über einen Gegner, der kaum eine Chance besaß, diese Partie zu wenden. „Wir standen“, sagte del Bosque im Vergleich zum WM-Viertelfinale gegen Paraguay (1:0) und zum entscheidenden Gruppenspiel gegen Chile (2:1), „bei weitem nicht so unter Druck wie in diesen beiden Begegnungen. Wir waren in jeder Beziehung besser als Deutschland und haben genauso gespielt, wie wir uns das vorgenommen haben.“

Spanische Herrschaft im Mittelfeld unantastbar

Mit langen Ballpassagen, genauem Kombinationsfußball, der Geduld des geübten Champions und dem Bewusstsein der eigenen Klasse beherrschte das Team seinen in den Spielen zuvor noch so glänzenden Gegner nach Belieben. Am Ende fiel der 1:0-Erfolg durch Puyols wuchtiges Kopfballtor (73. Minute) vor 60.000 Zuschauern im Moses-Mabhida-Stadion von Durban fast noch zu knapp aus - so groß mutete die Überlegenheit der Sieger an.

Spanien ist nun nur noch einen Schritt von der ultimativen Reifeprüfung entfernt. Wenn del Bosques Mannschaft auch die Holländer mit ihrem Fußballschach für Großmeister matt setzen sollte, hat der Aufschwung des in Barcelona konzipierten spanischen Nationalmannschaftsfußballs seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. In Durban demonstrierte das von Luis Aragones zur Europameisterschaft geführte und danach von del Bosque weiterentwickelte Team all die bewundernswerten Qualitäten, die sonst nur vom FC Barcelona, der Keimzelle des spanischen Nationalmannschaftsfußballs, ausgespielt werden.

Mit sechs, nimmt man Neuzugang David Villa hinzu, sogar sieben Barca-Profis in der Anfangsformation beherrschten die Spanier eine deutsche Mannschaft, die sich nie aus ihrer passiven, respektvollen, fast verängstigten Haltung befreien konnte. Im Mittelfeld, da, wo Spiele entschieden werden, war die spanische Herrschaft am Mittwochabend unantastbar. „Wenn dort Ordnung herrscht“, sagte der stets väterlich wirkende del Bosque, „kann man auch seine individuelle Klasse ausspielen.“

Del Bosque: „Das Beste kann ja noch kommen

Wer einen diesmal herausragenden Xavi und einen Iniesta, die Großhirne des FC Barcelona, in seinen Reihen hat, kennt von vornherein keine Strukturprobleme. Diese beiden, dazu die im Hinterland des Mittelfeldes wirkenden Aufbauhelfer Xabi Alonso und Busquets zeichneten gegen Deutschland die Linien dieser Mittelfeldstrategie, die von einer kühlen Ästhetik und einem untrüglichen Stilempfinden gezeichnet war.

Spanien hat sein eigenes Spiel seit Jahren gefunden und es den jungen Deutschen demonstrativ vor Augen geführt. „Wir haben gespielt wie wir wollten“, urteilte Xavi, der Mann mit dem magischen Auge für den besten Pass zum richtigen Zeitpunkt, über die bisher beste Turnierleistung des Europameisters bei dieser WM. Und del Bosque lächelte unter seinem grauen Schnauzbart, als er hinzufügte: „Das Beste kann ja noch kommen.“

„Wir müssen ihnen Profil und Fußball aufzwingen“

Gegen die im defensiven Mittelfeld mit van Bommel und de Jong robuster als die Deutschen zur Sache gehenden Holländer wird sich Spanien natürlich treu bleiben. „Wir müssen ihnen“, fordert Xavi, „unser Profil und unseren Fußball aufzwingen. Wenn wir gegen Holland so spielen wie gegen Deutschland haben wir eine große Chance auf den Weltmeistertitel.“ Für Bundestrainer Joachim Löw, einen erklärten Bewunderer des spanischen Flach- und Kurzpasswirbels, sind die Iberer sowieso der Favorit im Finale.

Del Bosque aber rief alle, denen jetzt schon feierlich zumute sein sollte, zur Mäßigung auf. „Wir müssen einen kühlen Kopf bewahren, wir lassen uns nicht von dem blenden, was wir bisher erreicht haben.“ Schließlich hat Spanien anders als die Niederländer, die all ihre acht WM-Qualifikationsspiele und ihre sechs WM-Partien gewannen, bei der Weltmeisterschaft schon einmal verloren. Unglücklich zwar und wohl auch unverdient 0:1 gegen die Schweiz, doch wurde bei diesem Fehlschlag gleich zu Beginn des Turniers sichtbar, dass auch die Kombinationsmaschine der „Furia roja“ von einem kurzfristigen Stromausfall bedroht sein kann.

„Das ist ein Augenblick für die spanische Geschichte“

Entfaltet das spanische Kunstwerk erst einmal seinen ganzen Zauber wie gegen Deutschland, ist es ein Unikat in der Welt des Fußballs. Nachahmer, die mit ähnlich „blindem“ Gemeinschaftsverständnis vom rechten Verteidiger bis zum Linksaußen über eine vergleichbar unangreifbare Balltechnik verfügten, sind weltweit nicht in Sicht. „Wenn wir den Ball haben“, sagt del Bosque, „leiden wir nicht.“ Im Spiel gegen Deutschland litt nur der Gegner, der dem Ball oft rat- und fassungslos hinterhersah.

„Wir haben tolle, junge Spieler mit großer internationaler Erfahrung“, pries del Bosque sein Team, „und damit verfügen wir über eine starke Substanz für unser Spiel. Da fällt dann alles leichter.“ Gegen die Deutschen feierten die Spanier geradezu entspannt einen Triumph ihrer Art des Fußballs. „Wir sind bereit für den großen Moment“, sagte der diesmal torlos gebliebene Stürmerstar David Villa, „wir im Finale, das ist ein Augenblick für die spanische Geschichte.“

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