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Silvia Neid Das Gesicht des deutschen Frauenfußballs

28.09.2007 ·  Am Sonntag kann die Frauen-Nationalmannschaft Weltmeister werden. Ein wesentlicher Baustein des Erfolgs ist die Bundestrainerin. Weil beim Team das Kollektiv im Mittelpunkt steht, ist Silvia Neid zum Gesicht des deutschen Frauenfußballs geworden. Doch das ist ihr gar nicht so recht.

Von Michael Horeni, Tianjin
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Es gibt ein Wort, ohne das Silvia Neid bei dieser Weltmeisterschaft nicht auskommt. Sie verwendet es immer wieder, vor jedem Spiel und auch danach, und um nichts anderes dreht sich seit Monaten ihre Arbeit. Das Wort, das zur Bundestrainerin gehört, als sei es Teil ihrer selbst geworden, lautet: Mannschaft. Es ist ein Wort, das alles erklären soll, und in seiner ewigen Wiederkehr klingt es wie ein Mantra.

Es verschwindet einfach nicht in diesen WM-Tagen. Auch nicht, als Silvia Neid nach dem glanzvollen 3:0 im Halbfinale gegen Norwegen gefragt wird, was diese herausragende Leistung und der Einzug ins Finale am Sonntag gegen Brasilien für sie ganz persönlich bedeutet. „Für mich ist es eine Riesenfreude, weil wir als Mannschaft drei Monate hart gearbeitet haben“, sagt sie. In diesem Satz werden die Bundestrainerin und die Mannschaft eins, und es sieht so aus, als kann sich Silvia Neid gar nicht mehr getrennt von ihrer Mannschaft sehen. Sie will es wohl auch nicht.

Prinz über Neid: „Sie war damals der Superstar“

Die Verschmelzung, die bei der Weltmeisterschaft zwischen Trainerin und Mannschaft stattfindet, hat Folgen, und eine davon ist, dass das deutsche Kollektiv an Stärke gewonnen hat, aber die Konturen der Spielerinnen auf eigentümliche Weise unscharf geblieben sind. Sicher, es gibt Birgit Prinz. Aber die anderen? Wo im Erfolg die Gesichter fehlen, entsteht in der öffentlichen Wahrnehmung ein Vakuum, und dieses Vakuum füllt nach den Regeln der Medienwelt nun ganz automatisch die Bundestrainerin. Man kann das auch anders formulieren: Je gleicher die Mannschaft, desto größer die Trainerin.

Silvia Neid will das natürlich nicht so sehen, aber es ist ganz unvermeidlich, wenn eine Mannschaft zum Star wird, dass der Macherin der Mannschaft die Hauptrolle zufällt. So kommt es, dass Silvia Neid in China zum Gesicht des deutschen Frauenfußballs geworden ist, wieder einmal. Diese Rolle hatte sie schon früher als Spielerin besetzt, gewehrt, wie jetzt Birgit Prinz, hat sie sich dagegen nicht. „Sie war damals der Superstar“, sagt Birgit Prinz, und sie erzählt von der Distanz, die damals zu einer jungen Spielerin wie ihr herrschte. Silvia Neid spielte hervorragend Fußball und sie sah auch noch gut aus, das hatte Starappeal, den der Frauenfußball damals noch ganz dringend brauchte. Diese Zeiten sind spätestens seit dem Titelgewinn 2003 vorbei.

„Wir haben einen Weg gefunden, sie auszuspielen“

Beim Turnier in den Vereinigten Staaten war Silvia Neid noch die Assistentin von Tina Theune-Meyer. Im Blickpunkt standen damals andere. Nun aber hat sie am Sonntag die Chance, ihren ersten WM-Titel zu gewinnen. Als Spielerin blieb ihr das verwehrt. Die Art und Weise jedoch, wie das deutsche Team in Tianjin die Norwegerinnen besiegte, war schon jetzt ein kleines Trainer-Meisterstück. „Wir haben einen Weg gefunden, sie auszuspielen“, sagte sie zufrieden über einen taktisch erstklassigen Auftritt. „Dabei haben viele geglaubt, dass Norwegen Weltmeister wird. Sie selbst haben das auch geglaubt.“ Die Bundestrainerin aber hatte aus einem schmeichelhaften 2:2 im letzten Vorbereitungsspiel gegen die Skandinavierinnen und deren WM-Auftritten in China genau die richtigen taktischen Schlüsse gezogen, die den souveränen Sieg erst ermöglichten.

Silvia Neid sieht sich jetzt in ihrem Weg der behutsamen Verjüngung rundum bestätigt und auch mit der Aufbauarbeit der vergangenen drei Monate. „Es gibt immer Zweifel, ob man die Leistung dann auch tatsächlich auf den Punkt umsetzen kann“, sagt die Bundestrainerin nach dem Einzug ins Finale, „aber dass die Mannschaft zu einigem fähig ist, das hatte sich schon in den Lehrgängen gezeigt.“Sie hat es in dieser Zeit verstanden, die Qualitäten des Teams immer weiter zu entwickeln.

Die Bundestrainerin als klassische Fußball-Lehrerin

Die taktischen Fähigkeiten sind neben der konditionellen Stärke das große Plus dieses immer präziser arbeitenden Kollektivs. Die Frauen-Nationalmannschaft spielt schon seit Mitte der neunziger Jahre mit einer Viererkette, viel früher, als sich dies bei den Männern durchsetzte. Silvia Neid hat das immer gemocht. Und auch die taktisch so variable Raute im Mittelfeld gehört bei den Frauen weitaus länger zum taktischen Arsenal als bei vielen männlichen Profiteams in Deutschland. Auch das hat mit Silvia Neid zu tun.

Es ist bei aller taktischen Innovation trotzdem nicht falsch, die Bundestrainerin als eine klassische Fußball-Lehrerin zu bezeichnen. Es fällt auf, dass die jungen Spielerinnen sie als „Frau Neid“ansprechen, mit den älteren ist die Bundestrainerin auf du und du. Der Umgang mit ihnen wirkt deutlich vertrauter und alles auch ziemlich hierarchisch. In der langen Vorbereitungs- und WM-Zeit war es der Bundestrainerin auch nicht wichtig, die Spielerinnen anderen Reizen auszusetzen und mit besonderen Programmpunkten mal ein bisschen abzulenken.

Überwältigende Zustimmung zur Vertragsverlängerung

Das wirkte ein wenig wie DFB von gestern, aber vielleicht braucht es solche Angebote auch gar nicht so sehr für eine Auswahl von arbeitenden und studierenden Spielerinnen, für die Fußball ohnehin nicht alles ist. DFB-Präsident Theo Zwanziger hat bei der WM die Vertragsverlängerung von Silvia Neid bis 2011 verkündet, und bei den Meinungsführern der Nationalmannschaft ist er damit jedenfalls auf überwältigende Zustimmung gestoßen.

„Sie ist Teil der Mannschaft“, sagt Spielführerin Birgit Prinz vor dem Finale über eine Erfolgsvoraussetzung bei der WM. „Wenn der Trainer von der Motivation und der Ansprache nicht zur Mannschaft passt, dann kann man nichts gewinnen.“Am Sonntag kann Deutschland Weltmeister werden, und damit, findet Birgit Prinz, ist über die Qualitäten der Bundestrainerin alles gesagt. Diesem Kompliment würde Silvia Neid sicher zustimmen. Es kommt ja aus der Mannschaft.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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