03.06.2010 · Sicherheitsphobie in Südafrika: Selbst das „Fußballergucken“ am Flughafen ist nicht erlaubt, grimmig blickende Amerikaner mit Sonnenbrillen kümmern sich um verdächtige Milchkannen und Diego Maradona bestellt Spezialtoiletten. Warum? Top secret.
Von Thomas Scheen, JohannesburgEigentlich wollte das Management des Johannesburger Flughafens auch etwas für die Fußball-WM in Südafrika tun. Es hatte versprochen, einen speziellen Aussichtspunkt für die Fans just dort einzurichten, wo die Fußball-Nationalmannschaften abseits der normalen Reisenden bei ihrer Ankunft in Südafrika in Empfang genommen werden. Doch die Flughafenbetreiber hatten die Rechnung offenbar ohne Generalleutnant Shaun Tshabalala von der südafrikanischen Polizei gemacht. Der erklärte nur wenige Stunden vor der Ankunft des ersten Teams in der vergangenen Woche - es waren die Australier -, dass das „Fußballergucken“ am Flughafen aus Sicherheitsgründen „weder erwünscht noch erlaubt“ sei, und riet den enttäuschten Fans, „lieber Fernsehen zu schauen“.
Die Kompromisslosigkeit des Johannesburger Polizeichefs ist indes nicht seinem Ruf als harter Hund geschuldet, sondern Ausdruck der Sicherheitsphobie, die inzwischen alle südafrikanischen Dienste befallen hat. Unangenehm daran ist, dass die Polizei in ihrer Sorge um das Wohlergehen der ausländischen Gäste es teilweise übertreibt mit Kontrollen, Sperrungen und Durchsuchungen und damit jede Form von spontaner Feier bereits im Keim erstickt.
So kam es, dass selbst ein Diego Maradona gut abgeschirmt und fast unbemerkt nach Johannesburg reiste und ihn deshalb niemand fragen konnte, warum er für das Mannschaftshotel in Pretoria Spezialtoiletten geordert hat. Dass die Brasilianer bereits in einem strengbewachten Hotel in Johannesburg Quartier genommen haben, ging ebenso unter wie das Eintreffen der dänischen Mannschaft, die auf ihrem Weg nach Knysna im Westkap schon auf dem Rollfeld in eine andere Maschine verfrachtet wurde.
Mehr Agenten als Spieler
In dieses Bild allgemeiner Sicherheitsbedenken und allgegenwärtiger Vorsichtsmaßnahmen passte auch die Ankunft der Amerikaner, deren Mannschaft am Montag vom Secret Service in Empfang genommen wurde, der für die Rundumbetreuung der „Boys“ anscheinend mehr Agenten aufgeboten hat, als die Mannschaft Spieler zählt.
Die amerikanischen Fußballfans haben mit 160.000 Tickets das mit Abstand größte Kartenkontingent aller ausländischen Gäste gekauft, und dennoch waren bei der Fahrt der Mannschaft in ihre Unterkunft in der Nähe von Pretoria keine wehenden „Stars and Stripes“ zu sehen, sondern nur grimmig blickende Männer mit Sonnenbrillen. Dass der Secret Service bei der Gelegenheit die Straße zum Hotel sperren ließ, mag man ja noch verstehen. Dass die Agenten aber in den umliegenden Farmen sogar Einblick in die Milchkannen begehrten, mochte dem einen oder anderen doch zu weit gehen. 16 weitere Mannschaften sollen noch in dieser Woche in Südafrika eintreffen, zehn weitere folgen in der kommenden Woche, darunter am 7. Juni auch das deutsche Team, das standesbewusst anreist: mit dem ersten Linienflug eines Airbus A380 der Lufthansa.
Mehr Agenten als Spieler
Leonard Goldmann (medaber)
- 03.06.2010, 15:41 Uhr
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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