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Sicherheit im Fußball Zwischen Krawalltourismus und Hysterie

 ·  Nach runden Tischen und Gipfeln bleibt vor der neuen Saison ein Unbehagen, ob sich das Problem in und um die Stadien eindämmen lässt. Schon warnt ein Staatsanwalt vor Rockerbanden als Ordnerdiensten.

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© dapd Fast alltägliches Bild: Ohne Polizei geht es nicht im Fußball

Der hessische Innenminister Boris Rhein (CDU) nahm sich vergangene Woche noch mal die größeren Fußballklubs in Hessen und den zuständigen Verband vor die Brust. Denn niemand weiß, ob die Spieltage diesmal wirklich friedlicher ablaufen. So mahnte Rhein strengere Regeln gegen gewalttätige Fans an, zumal in der bevorstehenden Saison die Polizei allein in Hessen 30 sogenannte Risiko- und weitere 35 Brisanzspiele erwartet.

Der Start in das neue Fußballjahr sorgt eben nicht nur für sportliche Vorfreude. Nach diversen runden Tischen, Gipfeln und Treffen zur Sicherheit im Fußball bleibt ein Unbehagen, ob sich das Problem, dessen Ursachen vielfältig sind, in und um die Stadien eindämmen lässt. Die Erwartungen sind groß - zwischen Politik, Polizei, Fans, Verbänden und Vereinen. Dass in dieser Woche der Verdacht über vermeintliche Spitzel der Polizei aufkam, die angeblich Fangruppen ausspionieren sollen, schafft allerdings schon wieder eine Atmosphäre des Misstrauens - und der Konfrontation. Andererseits ist es nicht so, dass die neue Fußballzeit bisher ohne den üblichen Rabatz ausgekommen ist. Auf Zwischenstation griffen sich unlängst gewalttätige Anhänger von Hansa Rostock und Halle im Würzburger Bahnhof an. Bei einer Tankstelle lieferten sich Fans der Viertligaklubs Eintracht Trier und SC Freiburg II eine Massenschlägerei, während eine Offenbacher Gruppe in der dritten Liga beim Halleschen FC eine Rauchbombe in den gegnerischen Zuschauerblock warf. Geht es wieder so weiter?

Die Polizei stöhnt jetzt schon vor dem, was vor ihr liegt. „Der Einsatz bei Fußballspielen ist für die Beamten inzwischen zu einer enormen Belastung geworden. Während die 50. Bundesligasaison jetzt schon überall gefeiert wird, müssen wir uns fragen, ob sich die Gewaltspirale so weiterdreht“, sagt Jörg Radek, stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Ein irrwitziger Aufwand müsse betrieben werden für die Absicherung der Fußballveranstaltungen. Radek sieht weiterhin Klubs, die bei der Prävention zu wenig tun, und warnt vor einer neuen Dimension der Gewalt, wenn rivalisierende Gruppen schon auf Autobahnraststätten aufeinander losgingen. Die Polizeigewerkschaft organisiert gerade ein Projekt mit dem niedersächsischen Fußballverband. „Die Vereine müssen ihrer Verantwortung gerecht werden. Da liegt der Schlüssel“, sagt der GdP-Mann.

Einer dieser Problemfälle ist nun zurück in der Bundesliga: Eintracht Frankfurt. Einzelne Gruppierungen sind berüchtigt für ihre Brutalität. Eintracht-Fans sorgten mit für die meisten Sachschäden in Bundesbahnzügen. Der Verein musste zuletzt die meisten Strafgelder für Eskapaden der eigenen Anhänger zahlen. Als sich die Frankfurter im vergangenen Jahr am letzten Spieltag der Saison als Absteiger aus der Bundesliga verabschiedeten, verbanden einige Fans den Frust mit ungeheuerlicher Provokation. An einem der Begrenzungszäune der Tribüne im Dortmunder Stadion hingen sie ein riesiges Plakat. In dicken Lettern prangte auf dem Tuch „Deutscher Randalemeister 2011“, dahinter zündelten Randalierer mit mehr als tausend Grad Celsius heißen Leuchtfackeln.

3000 Stadionverbote

Die Vereinsverantwortlichen haben sich intensiv bemüht, nun eine Wende herbeizuführen. Das neue Vorstandsmitglied Axel Hellmann führte in den vergangenen Monaten viele Gespräche mit Fangruppen, suchte den intensiven Austausch, aber redete auch Tacheles zu den Konsequenzen von Störaktionen wie zum Beispiel dem Abbrennen von Pyro-Feuerwerk. Der Verein will in dieser Saison einen eigenen Ordnungsdienst einsetzen, der den Tross der Anhänger auch zu den Auswärtsspielen begleitet, weil dort zu 90 Prozent die Probleme auftauchen. Manchmal aber fühlt sich Hellmann machtlos. „Wir haben bei der Identifizierung von gewalttätigen Störern festgestellt, dass es da mitunter um Leute geht, die gar keinen Bezug zur Eintracht haben. Unsere Sorge geht dahin, dass wir wie bei der Randale am 1. Mai in Berlin oder Hamburg zum Ziel von Krawalltouristen werden“, sagt er.

Falsch wäre zu behaupten, der Fußball hätte sich in der Sommerpause nicht der Aufgaben angenommen. Es gab auch genug Druck aus der Politik, dass sich etwas ändern muss. Aber reichen die Maßnahmen? Deutscher Fußball-Bund (DFB) und Deutsche Fußball Liga (DFL) haben nach eigener Angabe vor allem Wert auf den „intensiven Dialog“ mit den Fans gelegt, wie der DFB-Sicherheitschef Hendrik Große Lefert sagt. „Jede Form der unnötigen Provokation und Konfrontation würde die Lage nicht verbessern.“ Doch in der nächsten Woche tagt hinter verschlossenen Türen schon wieder die Arbeitsgruppe Stadionverbote, welche darüber berät, die Laufzeiten für Ausschlüsse zu verlängern. Fanvertreter bringt das auf die Palme.

Es gibt derzeit 3000 Stadionverbote für Gewalttäter oder Störer im Stadion. Insgesamt sieht Große Lefert den Fußball zur neuen Saison gut vorbereitet und auf einem hohen Sicherheitsniveau. Genauso wie sein Kollege Holger Hieronymus, Geschäftsführer bei der DFL. „Die Kommunikation zwischen Vereinen, Fanbeauftragten, Behörden, Sicherheitsbeauftragten und Ordnungsdiensten hat sich deutlich verbessert“, sagt dieser. Die Klubs wurden nochmals eingeschworen. Einige verbesserten aus eigenem Antrieb heraus die Videotechnik im Stadion zur Identifizierung von Störern. Aber reicht das? Eintracht-Vorstand Hellmann fehlt weiterhin ein „funktionierendes Gesamtsystem“ mit einheitlichem Standard. „Damit wir auch die wirklichen Täter bestrafen können.“

15.000 gewaltbereite Fußballfans

Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze der Polizei (Zis), die bundesweit die Szene beobachtet, geht insgesamt von rund 15.000 gewaltbereiten Fußballfans aus, 3600 davon regelrecht Gewalt suchend. Die Zis erkennt die Bemühungen der Vereine an, aber weist zugleich darauf hin, dass das Problemfeld noch nicht ausreichend beackert ist. „Die Gewalt beim Fußball befindet sich auf einem unverantwortlich hohen Niveau“, sagt Katja Kruse von der Zis. Sie fordert von den Klubs, sich mit den Fans zusammenzusetzen und gemeinsame Kodizes als Verhaltensregel zu entwickeln. Zudem würde es Katja Kruse bei der Bekämpfung der Gewalt begrüßen, wenn es mehr Staatsanwaltschaften gäbe, die sich auf das Thema spezialisierten und ein schlagkräftiges Netzwerk bildeten.

In Berlin gibt es eine solch intensive Aufklärung. Oberstaatsanwalt Ralph Knispel leitet dort eine Abteilung, die Straftaten bei sportlichen Großveranstaltungen verfolgt. Er stellt in der Praxis fest, dass Delikte in Fußballstadien durch Körperverletzung überproportional zunehmen. Der Umgang untereinander sei rücksichtsloser geworden, die Aggressivität gegen Polizeibeamte nehme zu. Wichtig sei die frühe Abschreckung. So werde bei ihnen auch der Fußballfan verfolgt, der ein Hemd trägt oder das Plakat hochhält mit der Aufschrift „ACAB“ - All Cops Are Bastards. Handlungsbedarf sieht Knispel, zugleich Vorsitzender der Vereinigung Berliner Staatsanwälte, beim privaten Sicherheitspersonal, das die Vereine für ihre Spiele anheuern. „Darunter sind Personen, die am Rande der Legalität arbeiten und gewissen Fangruppen durchaus verbunden sind. Wir müssen aufpassen, dass nicht Rockerbanden die Sicherheitsdienste im Fußball unterwandern, so wie sie das Türsteher-Geschäft bei Diskotheken schon beherrschen.“ Polizeigewerkschafter Radek hört von seinen Kollegen draußen im Einsatz ähnliche Bedenken. „Häufig mangelt es an der kritischen Distanz gegenüber der Zuschauermenge.“

Fans fühlen sich kriminalisiert

Bei vielen einfachen Fans sorgt die Sicherheitsdebatte für Verärgerung. Sie sehen sich kriminalisiert. In der Szene kochten in dieser Woche die Emotionen hoch, als aus Nürnberg der Fall eines Anhängers zu erfahren war, der angeblich konspirativ von der Polizei angeworben werden sollte, um als Spitzel tätig zu werden. Es gibt dafür keine Bestätigung von staatlicher Seite. Aber auch kein Dementi. Sogenannte Vertrauenspersonen, die als Gegenleistung Geld oder anderweitige Hilfe erhalten, werden von den Ermittlungsbehörden in Fällen der Schwerkriminalität eingesetzt.

„Wir sind jetzt völlig verunsichert“, sagt Ralf Peisl, der die mutmaßliche Spitzelaffäre öffentlich gemacht hat. Er ist Rechtsanwalt, sitzt als Fanvertreter im Aufsichtsrat des 1. FC Nürnberg und hilft Anhängern, die Probleme mit der Staatsgewalt haben. „Wir müssen dieser Paranoia entgegensteuern und zur Normalität zurückkehren“, fordert Peisl. Er ist auch Mitglied der bundesweit aktiven Arbeitsgemeinschaft Fananwälte, die Fußballanhänger in Strafverfahren vertritt. Die Fananwälte warnen vor dem Eingriff in die Bürgerrechte und sehen eine Kampagne gegen Fußballfans. Für Peisl hat die Gewaltdiskussion inzwischen „hysterische Züge“. So unterschiedlich kann die Wahrnehmung zur Sicherheitslage im Fußball sein.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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