Es war gut für die serbische Polizei, dass das Fußballspiel zwischen Italien und Serbien, das am Dienstag in Genua nach Krawallen serbischer Gewalttäter abgebrochen werden musste, eine Auswärtsbegegnung für die Serben war. Denn die serbischen Sicherheitskräfte waren schon in den Tagen zuvor in Belgrad besonderen Belastungsproben ausgesetzt, mussten ihre Verletzten versorgen und eine Bilanz über die Schäden an ihrem zertrümmerten Fuhrpark erstellen. Die Gründe für die Großeinsätze der serbischen Sicherheitskräfte waren der Besuch der amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton in Belgrad und vor allem eine „Anti-Homosexuellen-Demonstration“ am Sonntag.
Wie schon bei dem Aufenthalt des amerikanischen Vizepräsidenten Biden im vergangenen Jahr wurden am Dienstag ganze Viertel der serbischen Hauptstadt zeitweise abgesperrt, da Gäste aus Washington (anders als im Kosovo oder in Albanien) in Serbien nicht an der Spitze von Popularitätslisten stehen – schon gar nicht, wenn sie den Namen Clinton tragen: Bill Clinton war Präsident, als Nato-Flugzeuge während des Kosovo-Kriegs 1999 Ziele in Serbien bombardierten. Wenn die Stunden, in denen Belgrad in eine Art Clinton-Starre versetzt wurde, dennoch ohne fernsehtaugliche Zwischenfälle verstrichen, mag das auch daran gelegen haben, dass ein großer Teil der Störenfriede sich schon auf dem Weg nach Italien befand, um in Genua das Serbentum zu verteidigen.
Dort wiederholten sich dann Szenen, die den Belgradern schon vom Sonntag her bekannt waren, als etwa 6000 Demonstranten plündernd und zerstörend durch die Stadt am Zusammenfluss von Donau und Save zogen. Den formalen Anlass für die Zerstörungsorgie bot eine Veranstaltung, bei der sich nach Augenzeugenberichten einige hundert, höchstens aber 1000 Personen zusammengefunden hatten, um für die Rechte von Homosexuellen zu demonstrieren. Im vergangenen Jahr war eine ähnliche Veranstaltung abgesagt worden, da die Behörden nach zahlreichen Drohungen blutige Ausschreitungen fürchteten.
Schon 2001 fand in Belgrad eine ähnliche Kundgebung statt
Schon im Jahr 2001, als erstmals eine ähnliche Kundgebung in Belgrad stattfand, endete das für viele Beteiligte mit längeren Krankenhausaufenthalten. In diesem Jahr hatte sich die Regierung, dem Vernehmen nach vor allem auf Druck der EU, jedoch dazu entschlossen, die Demonstration zu erlauben, damit Serbien sich als weltoffene, europäische Demokratie darstellen könne. Unter starkem Polizeischutz konnte die Veranstaltung auch tatsächlich abgehalten werden. Die „Gegendemonstranten“ zogen derweil durch die Stadt und zerschlugen im Namen serbischer Werte und des serbischen Volkes alles, was ihnen in die Quere kam.
Opfer ihrer Zerstörungswut wurde unter anderem ein mobiles Mammographiegerät in der Belgrader Innenstadt. Ob die Demonstranten damit ausdrücken wollten, dass Brustkrebsvorsorge unserbisch sei, konnte nicht geklärt werden. Womöglich störten sie sich einfach an dem lateinisch klingenden Wort. Außerdem griffen sie die Zentrale der von Staatspräsident Boris Tadic geführten Demokratischen Partei (DS) an und versuchten, das Gebäude in Brand zu stecken. Außer zahlreichen Geschäften wurde schließlich auch ein Gebäude des serbischen Staatsfernsehens Ziel ihrer Attacken, während im Hintergrund pittoresk die in solchen Fällen obligatorische Müllcontainer brannten.
2008 brannte die Botschaft der Vereinigten Staaten
Neu ist das Phänomen nicht: Im Februar 2008 brannte in Belgrad im Anschluss an eine friedliche Massenkundgebung gegen die Unabhängigkeit des Kosovos die Botschaft der Vereinigten Staaten, außerdem wurden ebenfalls mehrere Straßen verwüstet. Als im Juli 2008 der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadžic festgenommen wurde, kam es zu ähnlichen Szenen. Schon damals fiel auf, dass viele Gewalttäter mit Bussen und Zügen aus der serbischen Provinz in die Stadt kamen – seinerzeit sogar auf Kosten der damaligen Regierung von Ministerpräsident Koštunica, die freie Fahrt angeordnet hatte. Das hat sich inzwischen geändert. Die nun von Präsident Tadic kontrollierte Regierung lässt den Gewalttätern keine Unterstützung zukommen.
Dennoch ist das Netzwerk offenbar weiterhin jederzeit fähig, Belgrad (und seit der Aufhebung der Visumpflicht für Serbien im vergangenen Jahr auch eine andere europäische Stadt) für mehrere Stunden ins Chaos zu stürzen. Am Sonntag verhaftete die Polizei etwa 250 Personen, von denen nach Angaben des Innenministeriums wiederum 60 Prozent nicht aus Belgrad stammten. Auffallend viele waren Minderjährige, Arbeitslose, am Rande der Gesellschaft Stehende, die allerdings bestens organisiert auftraten. Aufgeteilt in eigenständige Hundertschaften, zogen die Gewalttäter die Kräfte der Polizei weit auseinander, bis sich schließlich überall Lücken für ihre Zerstörungswut auftaten.
Es gebe keinen Zweifel daran, dass die Ausschreitungen einen politischen Hintergrund hätten, sagte Bojan Pajti, der populäre Regierungschef in Serbiens Nordprovinz Vojvodina, aus der viele der Gewalttäter kamen. Diese Kräfte würden immer dann auf den Plan gerufen, wenn es in Serbien europäische Werte – in diesem Fall den der Toleranz – zu bekämpfen gelte, sagte Pajtic sinngemäß. Doch wer ruft sie auf den Plan? Die Belgrader Staatsanwaltschaft hat derzeit unter anderem die rechtsradikale Organisation „Obraz“ („Ehre“) im Auge, deren Anführer am Sonntag verhaftet worden war. Serbische Zeitungen berichteten, zunächst solle untersucht werden, wie sich „Obraz“ finanziere und wer womöglich noch hinter der Organisation stehe.
In Serbien vergiften reaktionäre Popen und nationalistische Politiker das Klima
Eine mögliche und überraschend deutliche Antwort auf diese Frage war bereits von Serbiens Justizministerin Snežana Malovic zu hören. „Die Aussagen von einigen Repräsentanten der serbischen orthodoxen Kirche, einiger Politiker sowie die Berichte mancher Medien, die die Spannungen vor den Ereignissen gesteigert haben, sind unstatthaft“, sagte die Ministerin. So deutlich hat noch selten eine serbische Politikerin darauf hingewiesen, dass in Serbien eine Koalition aus reaktionären Popen sowie nationalistischen Journalisten und Politikern das gesellschaftliche Klima vergiftet und dazu auf eine leicht manipulierbare Armee von Verlierern aus der Provinz zugreift.
In den neunziger Jahren waren es Menschen von diesem Schlage, die unter dem Gewaltherrscher Slobodan Miloševic die alleinige Macht hatten in Belgrad. Serbien wurde von einem Prekariat aus Kriminellen und Schlägertypen beherrscht, die Anständigen hatte sich zu ducken. Diese Minderheit ist immer noch vorhanden. Da sie zehn Jahre nach dem Sturz Miloševics jedoch an den Rand gedrängt ist, können ihre Anführer sich nur noch selten so in Szene setzen wie dieser Tage in Belgrad und in Genua.
Hoffentlich bald in der EU!
Lena Gerstenburg (Gerstenburg)
- 13.10.2010, 20:18 Uhr
Da dürften auch
Kerzenmacher Boris (zombie1969)
- 13.10.2010, 20:22 Uhr
@Lena Gerstenburg
Michael Scheffler (Striesner)
- 13.10.2010, 21:19 Uhr
in die EU .. ?
W Herchenbach (Analyst12)
- 13.10.2010, 22:13 Uhr
Eine passende Steilvorlage für Hr.Martens.
Psolos Rufianidis (Aristotelov)
- 13.10.2010, 22:55 Uhr