Der FC Sion zieht weiter von Gericht zu Gericht, Xamax Neuchatel verliert die Lizenz, und Servette Genf steht vor dem Konkurs. Hinter den unangreifbaren Baselern finden seltsame Spielchen statt: Kapriolen und Affären erschüttern den Schweizer Fußball. Christian Constantin, Präsident des FC Sion, hat vergangenen Montag den 30. Trainerabgang in seinen bisher 15 Amtsjahren erlebt. Laurent Roussey warf hin, offenbar aufgerieben durch teaminterne Streitigkeiten wie durch die wachsende Kritik von Constantin. Nun soll es der Franzose Rolland Courbis richten, den der Präsident flugs von der Cote d’Azur mit dem Privatjet ins Wallis fliegen ließ.
Es läuft nicht gut für Constantin, der sich in seiner Wut auf den internationalen (Fifa) und den europäischen Fußballverband (Uefa) weiter von Gericht zu Gericht klagt, mal mit, zuletzt aber immer häufiger ohne Erfolg. Die Verbände hatten seinen Klub zunächst mit einer Transfersperre belegt (Fifa) und im vergangenen Sommer aus der Europa League ausgeschlossen (Uefa). Am 30. Dezember 2011 hatte der Schweizer Fußballverband Sion wegen des Einsatzes der während der Transfersperre verpflichteten Profis auf Druck der Fifa mit einem Punktabzug in rekordverdächtiger Höhe belegt: 36 Punkte.
Fortan inszenierte sich Constantin noch heftiger als unterdrückter Walliser, dem höhere Mächte böse mitspielen. Gab schäumende Interviews, beschimpfte Uefa-Präsident Platini („nicht tragbar“) und Fifa-Pendant Blatter („Diktator“), beklagte bei jeder Gelegenheit das System („mafiös“, „korrupt“) - und klagt selbstverständlich weiter. Sein Klub spielte derweil eine sportlich tadellose Saison: Ohne Abzug wäre Sion Zweiter, hätte auf die Baseler 13 Punkte Rückstand. Nur 13 Punkte. Zum Vergleich: Die beiden Zürcher Klubs, ihrem Selbstverständnis nach die einzig wahren Konkurrenten der Baseler, haben 27 (FCZ) und 37 Punkte Rückstand (Grashoppers), der tatsächliche Zweite Luzern 16.
Doch die wirklich wichtigen Auseinandersetzungen verliert Sion. Meist finden sie fernab der Stadien statt: Am vergangenen Donnerstag entschied die erste Zivilkammer des Berner Obergerichts, dass der Punktabzug in voller Höhe bestehen bleibt. Zuständig für den Einspruch sei der Sportgerichtshof Cas. Jene Institution, auf die Constantin einen großen Teil seiner Wut und Häme richtet, weil er sie als befangen ablehnt. Und so schlugen die Baseler am vergangenen Sonntag zwar die wahrscheinlich zweitbeste Mannschaft der Schweiz, aber eben auch den Tabellenvorletzten. Der nur deshalb nicht direkt absteigen kann, weil der einzige Absteiger längst feststeht: Xamax Neuchatel.
Der vermeintliche Investor Bulat Tschagajew, angeblich zu Geld gekommen im Bau- und Rohstoffgewerbe, war seit Mai 2011 Mehrheitseigner des Klubs im beschaulichen Neuchâtel. In einer seiner ersten öffentlich gewordenen Amtshandlungen drohte Tschagajew seinen Spielern in der Halbzeitpause des letztjährigen Pokalfinals gegen Constantins Sion beim Stand von 0:2: „I will kill you all!“
Der Lohn der Servette-Spieler kam von der Arbeitslosenkasse
Am Spielstand änderte das nichts, alle Xamax-Profis überlebten dennoch. Dem Klub dagegen, mit Uli Stielike 1987 und 1988 Schweizer Meister, war kein langes Leben mehr gegönnt. Tschagajew ließ tschetschenische Volkstänze auf der Anzeigetafel vorführen, aber schon bald keine Gehaltszahlungen mehr anweisen. Mehr als acht Millionen Franken soll er seinen Gläubigern schulden. Die Staatsanwaltschaft, die wegen Urkundenfälschung, Untreue und Betrug ermittelt, beantragte Mitte April erfolgreich die Verlängerung der Untersuchungshaft um drei weitere Monate - Fluchtgefahr. Das letzte Punktspiel bestritt Xamax am 11. Dezember. Vier Wochen später entzog die Liga dem Klub, den 35 Millionen Franken Schulden drücken, die Lizenz. Die Zukunft ohne Tschagajew bringt Zwangsabstieg und Neubeginn, wenn es gut läuft, in der dritten Liga, sonst in der vierten. In jedem Fall dürfte sie weniger bedrohlich werden.
Und Xamax ist längst nicht der einzige Klub in der angeblich so soliden Schweiz, der sein Personal so lange über Schulden finanziert hat, bis der Spielbetrieb in Gefahr gerät. Weder Sion noch der FC Zürich, Young Boys Bern und Servette Genf haben bislang eine Lizenz für die kommende Saison. Bei Servette steht nicht einmal fest, ob die laufende Spielzeit zu Ende gebracht werden kann, denn der iranische Eigentümer Majid Pishyar pflegte ein ähnliches Finanzverständnis wie Tschagajew bei Xamax. Pishyar hatte die Meisterschaft 2014 und den Gewinn der Champions League 2018 als „sicher“ versprochen - und sich Anfang März aus dem Staub gemacht. Die Arbeitslosenkasse des Kantons Genf übernahm die Lohnzahlungen für Spieler und andere Vereinsmitarbeiter und das Westschweizer Fernsehen berichtet von fünf Millionen Franken, die Servette dringend brauche, um die Saison sportlich beenden zu können.
Gegen Pishyar, der bereits bei Admira Wacker in Österreich einen Schuldenberg hinterlassen hatte, ermittelt die Staatsanwaltschaft nicht. Für Servette, inzwischen vom Kanadier Hugh Quennec übernommen, wäre es die zweite Pleite binnen sieben Jahren. Die Konkursrichterin hat Servette Zahlungsaufschub bis zum 19. Mai gewährt. Wird auch Genf die Lizenz entzogen, vermeidet Sion sogar die Relegation gegen den Zweiten der „Challenge League“, der zweiten Schweizer Spielklasse.
Constantin will seine Fehde in jedem Fall bis vor den Europäischen Gerichtshof tragen. Dabei gab es einen kürzeren Weg zurück nach Europa. Vor zwei Wochen stand der Titelverteidiger wieder im Halbfinale des Schweizer Pokals. Es winkte nicht nur das Finale gegen Basel, sondern auch die Qualifikationsrunde zur Europa League im kommenden Sommer und damit schnellstmögliche Satisfaktion, auch wenn Constantin das wahrscheinlich nie zugeben würde. Doch das Heimspiel gegen den FC Luzern ging verloren, 0:1. Wie gesagt: In den wirklich wichtigen Auseinandersetzungen hat der FC Sion im Moment keinen Erfolg. Und einen Schuldigen hat Constantin noch immer gefunden.
Da kommt Rolland Courbis gerade recht. 1995 wurde er wegen Urkundenfälschung und Veruntreuung zu drei Jahren Gefängnis und Geldstrafe 300 000 französischen Francs verurteilt. Die Vergehen tätigte er als Trainer des damaligen Erstligaklubs SC Toulon. 2007, als er bei Transfers von Olympique Marseille illegal mitverdient hatte, kam er besser weg: Courbis wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt.