http://www.faz.net/-gtl-8w5zv

Schweinsteiger in Amerika : Das Vorruhestands-Domizil für die Fußball-Altstars

  • -Aktualisiert am

Und er ging nach Chicago: Auch Bastian Schweinsteiger sucht in Amerika eine neue Herausforderung Bild: dpa

Schon bei seinem ersten Auftritt soll Bastian Schweinsteiger Chicago Fire ein bisschen Dampf machen. Der Klub und die Liga haben das bitter nötig – trotz einiger ehemaliger Helden.

          Es sind fast 20 Kilometer Luftlinie vom Zentrum bis in jene „schäbige, von der Industrie geprägte Vorstadt“. Und es ist nicht einfach, das Stadion der Chicago Fire mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Doch John Kass, Politik-Kolumnist der „Chicago Tribune“, hat sich daran gewöhnt. Er ist schließlich Fußballfan und als Jahreskarteninhaber eng mit dem Klub verbandelt, der vor zehn Jahren die handliche Arena mit ihren 20.000 Sitzplätzen und der Trainingsanlage gleich daneben gebaut hat, um hier eine eigene Heimat zu haben. Die Arena ist selten ganz voll, weil nicht alle Anhänger so loyal sind wie Kass.

          Doch auch er fragt sich angesichts der Leistungen immer wieder, wieso man bei Chicago Fire eigentlich keine Mannschaft zusammenbekommt, die zumindest die Play-offs der besten acht Teams erreicht, statt am Tabellenende der Major League Soccer (MLS) festzustecken. Und ausgerechnet diesen Klub hat sich Bastian Schweinsteiger ausgesucht.

          Erster Auftritt gegen Montreal Impact

          Das ständige Verlieren und das scheinbar völlig „indifferente Spiel“, das der Journalist schon häufiger in seiner Zeitung beklagt hat, wird von mehreren Faktoren begünstigt: von einem Liga-Format, in dem es keinen Abstieg gibt. Und von einem Mann namens Andrew Hauptman, der – einst Manager in der Entertainment-Branche – 2007 das Paket aus Stadion und Klub für dem Vernehmen nach 35 Millionen Dollar erwarb.

          Er investiert ungerne in herausragendes Personal. Sport-Fans in Chicago, der Stadt, der Michael Jordan mit den Bulls einst sechs NBA-Titel bescherte, in der die Blackhawks zuletzt dreimal den Stanley Cup gewannen und selbst die ein Jahrhundert lang glücklosen Baseball-Klubs neulich Meister wurden, sind enttäuscht. Sie erwarten, sagt Kass, eine „extreme Anstrengung – nicht nur von den Spielern, sondern auch von den Eigentümern“.

          Nach seinem Engagement bei LA Galaxy hat David Beckham noch andere Pläne in der MLS Bilderstrecke
          Nach seinem Engagement bei LA Galaxy hat David Beckham noch andere Pläne in der MLS :

          Irgendwo auf der Skala dieser Ansprüche wird sich alsbald Schweinsteiger zurechtfinden müssen, der mit 32 Jahren von Manchester United zu Chicago Fire wechselt und an diesem Samstag gegen Montreal Impact seinen ersten Auftritt haben wird (21 Uhr / live auf Eurosport). Schweinsteiger soll Fire ein bisschen Dampf machen – und zum Publikumsliebling werden.

          Er wird, glaubt Kass, Zuschauer ins Stadion bringen – Fußballfans, die damit zufrieden sind, dass die MLS als Vorruhestands-Domizil für illustre Charaktertypen aus dem internationalen Fußball zumindest Flair produziert.

          Da zockelt der Italiener Andrea Pirlo im zarten Manchester-City-Blau der New York FC über den Platz. In Orlando verteilt Ricardo Izecson dos Santos Leite, besser bekannt als Kaká, die Bälle. Der Engländer Ashley Cole tritt für LA Galaxy an, und der ehemalige Juventus-Stürmer Sebastian Giovinco schießt für Toronto FC Tore.

          Ob Schweinsteiger, der mit 4,5 Millionen Dollar im Jahr im Vergleich zu Kaká und Giovinco mit mehr als sieben Millionen Dollar ein geradezu bescheidenes Salär bezieht, ebenfalls Wirkung haben wird, vermag noch niemand zu sagen. Die sportlichen Defizite der Liga, gegründet nach der WM 1994 in den Vereinigten Staaten und nach anfänglichen Schwierigkeiten auf solidem Expansionskurs mit nunmehr 22 Klubs, lassen sich nur zum Teil den Organisatoren in die Schuhe schieben.

          Schweinsteiger amüsiert : Mit Chicago zum Titel? „Alles ist möglich“

          Nordamerika war und ist Entwicklungsland in Sachen Hochleistungs-Fußball und produziert trotz erheblicher Anstrengungen im Juniorenbereich keine herausragenden Spielertypen. Karriere machen nur konditionsstarke, anpassungsfähige Figuren ohne Ecken und Kanten. Der ambitionierte Nachwuchs ist gezwungen, nach Europa zu gehen, um sich dort durchzusetzen.

          Dafür holt man seit ein paar Jahren Altstars wie David Beckham, Thierry Henry, Lothar Matthäus, Frank Lampard oder zuletzt Steven Gerrard als Zugpferde. Für viele gilt, was der „Guardian“ über den Mann aus Liverpool schrieb: Der sei in Los Angeles „ein besserer Tourist als Spieler“ gewesen. Das „Modell Beckham“ – viel Geld für berühmte Namen, sehr wenig Geld für die Wasserträger – funktioniert trotzdem.

          Ein eigener Retortenklub

          Apropos Beckham: Um den Engländer vor zehn Jahren nach Kalifornien zu locken, hatte ihm die Major League Soccer versprochen, dass er nach seiner Karriere als Eigentümer seinen eigenen Retortenklub auf die Beine stellen und sich für den Spottpreis einer Expansions-Gebühr von 25 Millionen Dollar einkaufen dürfe. Sein Augenmerk richtet sich seitdem auf Miami, wo er allerdings nicht vom Fleck kommt.

          Schon die Suche nach einem geeigneten Standort für ein neues Stadion erweist sich seit Jahren als schwierig. Das MLS-Management ist in solchen Dingen aber streng. „Wenn man nicht alle Einnahmemöglichkeiten selbst kontrolliert, kann man in dieser Liga so gut wie kein Geld verdienen“, sagt Professor Victor Matheson von der Universität Holy Cross in Worcester, ein auf Sport spezialisierter Wirtschaftswissenschaftler. Und nur eine solche Rechnung interessiert im Profisport der Vereinigten Staaten wirklich. Selbst beim Kellerkind Chicago Fire stimmen die Zahlen. Sollte der Klub heute auf den Markt kommen, würde er Andrew Hauptman mehr als 150 Millionen Dollar bringen. Die Investition hat sich gelohnt.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.