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Schmidtgal gegen Deutschland : Plötzlich ein Kasache

  • -Aktualisiert am

Kasache im Schnellverfahren: Heinrich Schmidtgal Bild: dapd

Der Deutsche Heinrich Schmidtgal spielt nun für Kasachstan, das Heimatland seiner Vorfahren. Der Oberhausener Zweitligaprofi freut sich auf das Duell mit Deutschland am Dienstagabend - zumal er schnell Leistungsträger geworden ist.

          Ohne Internet wäre der deutsche Fußballprofi Heinrich Schmidtgal vom Zweitligaverein Rot-Weiß Oberhausen wohl kaum Nationalspieler von Kasachstan geworden. Und das ist die Geschichte zu der Meldung „Oberhausens Schmidtgal für Kasachstan gegen DFB“ (Dienstag, 19 Uhr/ FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker) vom vergangenen Dienstag. Als der mittelblonde Mittelfeldspieler vor zwei Jahren noch für den VfL Bochum in der Bundesliga kickte, sprach ihn nach einem Spiel ein Mann an, stellte sich als Bernd Storck vor und fragte mit Ruhrpott-Akzent: „Kannst du dir vorstellen, für Kasachstan zu spielen?“ Schmidtgal war baff. „Ich bin Deutscher.“ Storck aber wusste: „Du bist in Kasachstan geboren.“ Stimmt.

          Bernd Storck, 47 Jahre alt, einst Bundesliga-Profi beim VfL Bochum und bei Borussia Dortmund, lebt seit mehr als zwei Jahren in der ehemaligen kasachischen Hauptstadt Almaty, dem einstigen Alma Ata. Er trainierte den Klub FC Almaty und die U 21 von Kasachstan. Im Januar 2009 wurde Storck zum Cheftrainer der Nationalmannschaft befördert. Da er sich nicht nur im Fußball, sondern offenbar auch in Geschichte auskennt, wusste Storck: Stalin hatte die Wolgadeutschen auch in das Nomadenland Kasachstan deportiert. Die Russlanddeutschen, so der Sammelbegriff für die Aussiedler aus allen ehemaligen Sowjetrepubliken, leben heute größtenteils in Deutschland.

          Also durchsuchte Storck nach seinem Amtsantritt die Internetseiten der Bundesliga-Klubs nach den Geburtsorten der Spieler. Der Cheftrainer wurde fündig: Sergej Karimow (VfL Wolfsburg), geboren in Saran, Kasachstan. Juri Judt (1. FC Nürnberg), geboren in Karaganda, Kasachstan, Heinrich Schmidtgal (VfL Bochum), geboren in Issyk, Kasachstan, einer Stadt im Südosten des neuntgrößten Landes der Welt, fünfzig Kilometer von Almaty entfernt. „Nachdem er mich in zwei Spielen des VfL Bochum beobachtet hatte, habe ich über ein Jahr nichts mehr von Storck gehört“, sagt Schmidtgal. Er war nach Oberhausen in die zweite Liga gewechselt. „Bis er mich vor den beiden ersten EM-Qualifikationsspielen Anfang September gegen die Türkei und Österreich anrief: ,Bist du bereit?' Das schon. Aber ich hatte nur einen deutschen Pass, keinen kasachischen.“

          Kein Problem im Staat des Alleinherrschers Nursultan Nasarbajew. Vor dem Heimspiel gegen die Türkei (0:3) musste Schmidtgal erst nach Almaty fliegen, dort erhielt er auf die Schnelle einen vorläufigen kasachischen Pass für das Debüt. Dieses provisorische Dokument wird aber im Ausland nicht anerkannt. Für das Spiel in Wien bekam Schmidtgal daher vom Fußball-Weltverband Fifa keine Spielgenehmigung. Inzwischen besitzt er zwei überall gültige Ausweise.

          „Alles nette Jungs“

          Gegen Belgien, bei der 0:2-Niederlage am Freitagabend, bestritt Schmidtgal sein zweites Länderspiel und war „einer meiner Besten“, sagt Storck. „Er spielte dynamisch, intelligent, athletisch im linken Mittelfeld.“ Bei einer Hereingabe von Schmidtgal habe Daniel van Buyten ganz klar mit der Hand den Ball abgewehrt. „Der Elfmeterpfiff blieb aus“, klagte der Trainer. „Solches Pech passiert eben einem kleinen Fußballland.“ Die erste Halbzeit sei die beste gewesen, seit er die kasachische Nationalmannschaft trainiert. „Wir hatten Torchancen, die Belgier nur einen Weitschuss. Dann mussten wir dem hohen Tempo Tribut zollen.“

          Heinrich Schmidtgal ist 24 Jahre alt. Als seine Eltern 1987 nach Deutschland aussiedelten, von Issyk nach Verl, war er zwei Jahre alt. „Es war schon ein sehr komisches Gefühl, nach zweiundzwanzig Jahren so unvorbereitet erstmals in mein Geburtsland zurückzukehren“, sagt er nun. Schmidtgal wuchs zweisprachig auf, denn in der Familie wurde weiterhin Russisch gesprochen. Das habe ihm geholfen, sich sofort in der Mannschaft zu integrieren. „Alles nette Jungs, von denen drei in Russland spielen.“ Karimow fehlt diesmal wegen Verletzung. Judt gab Storck einen Korb. „Sein Berater sagte mir, Juri wolle sich nur auf den 1. FC Nürnberg konzentrieren.“ Also wird nur ein Deutscher für Kasachstan am Dienstag gegen Deutschland auflaufen: Heinrich Schmidtgal, der Linksfuß.

          Die Schmidtgals betrieben am Rande Issyks einen kleinen Bauernhof. Der Vater arbeitete außerdem als Baggerführer „und war ein erfolgreicher Ringer. Ringen ist in Kasachstan sehr populär“, sagt der Sohn. Die Mutter verdiente als Buchhalterin hinzu. Nun steht also „die besondere Begegnung meines Heimatlandes gegen das Heimatland meiner Eltern“ an. Heinrich Schmidtgal sagt es mit gemischten Gefühlen. „Ich habe mein ganzes Leben in Deutschland verbracht, werde aber alles für Kasachstan geben, aus Stolz auf meine Eltern. Ich freue mich auf dieses Spiel.“

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