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Schiedsrichterskandal „Na, haste auch gewettet?“

28.01.2005 ·  Die deutschen Schiedsrichter stehen vor ihrem schwersten Wochenende. Der Spott der Fans ist ihnen nach dem Geständnis von Robert Hoyzer gewiß. "In den Stadien wird es jetzt sehr, sehr schwer“, sagt Hellmut Krug.

Von Peter Heß
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Die Werbebranche hat den Schiedsricherskandal schon verwurstet. "Darauf können sie wetten", mit diesem speziellen Zusatz unterlegte am Freitag morgen im Radio ein Unternehmen das übliche Versprechen, konkurrenzlos günstig zu sein.

Und natürlich bereicherte der halbamtliche Kommentator des aktuellen Zeitgeschehens, Harald Schmidt, die Diskussion über den Fall Robert Hoyzer: Die griffige Schlußfolgerung des Fernseh-Zynikers lautete: "Das Bundesliga-Wochenende steht vor der Tür und Wettglück muß kein Zufall sein. Die Sportredaktion der ARD hat die Ergebnisse jetzt festgelegt." Wie das vorgegebene Ergebnis der Partie Werder Bremen gegen Hansa Rostock von 0,3:-4 realisiert werden kann, ist noch ein wenig unklar. Aber ohne Zweifel werden die Schiedsrichter an diesem Fußball-Wochenende so stark im Blickpunkt stehen, wie seit dem Bundesligaskandal 1971 nicht mehr.

„Schiedsrichter besitzen eine Kämpfernatur"

"In den Stadien wird es jetzt sehr, sehr schwer für die Schiedsrichter. Sie müssen vor allem Ruhe und Nerven bewahren und selbstbewußt auftreten. Mit dem Druck klar zu kommen, ist ihr Job", sagt Hellmut Krug, Abteilungsleiter Schiedsrichterwesen im Deutschen Fußball-Bund (DFB). Die Verbände bemühen sich, die Unparteiischen in den schweren Stunden zu unterstützen. Es liege ihm "besonders am Herzen", sagt DFB-Präsident Theo Zwanziger, daß "in den Stadien und auf den Sportplätzen in ganz Deutschland die Leistungen der Schiedsrichter mit Respekt begleitet werden."

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) forderte in einem Schreiben alle 36 Profivereine zur Unterstützung der Schiedsrichter auf. "Im Kern geht es darum, die Fans darauf hinzuweisen, daß es vielleicht ein oder mehrere schwarze Schafe geben kann, daß aber die Mehrzahl der Schiedsrichter integer ist. Wir brauchen sie", sagte DFL-Chef Werner Hackmann. Die durch den Skandal ins Zwielicht geratenen Referees geben sich kämpferisch. "Ganz klar, der Druck wird stärker. Wir Älteren unserer Gruppe geben den Jüngeren Mut, damit umzugehen und den Kopf hoch zu nehmen. Schiedsrichter besitzen eine unwahrscheinliche Kämpfernatur", sagte Welt-Schiedsrichter Markus Merk.

In Berlin ist der Zusammenhalt besonders gut

Welche Eigenschaften sind noch typisch für Referees? Die Frage ist für Außenstehende schwierig zu beantworten. Denn Schiedsrichter bilden im Fußballgeschäft eine Klasse für sich, selten erhellt ein Schlaglicht ihr Dasein - nach einer krassen Fehlentscheidung oder einer Auszeichnung. Die Welt des Schiedsrichterwesens bleibt im Dunkel. Und sie tut wenig dazu, sie selbst zu erhellen: "Wenn ständig auf eine Gruppe eingeprügelt wird, hält sie die sehr Reihen dicht", sagt ein ehemaliger Regionalliga-Schiedsrichter.

Der Schiedsrichter-Obmann des Berliner Fußball-Verbandes, Gerhard Müller, mag seine Gemeinschaft zwar nicht als Kaste bezeichnen. "Aber wir halten schon zusammen." In Berlin ist der Zusammenhalt besonders gut, die Schiedsrichtergilde besonders straff organisiert. So gibt es 13 Lehrgemeinschaften, die den Wissensstand der Mitglieder erweitern oder zumindest erhalten wollen. Lehrabende werden veranstaltet, gemeinsame Trainingseinheiten angeboten, Hallenfußallspiele und Fahrten organisiert. Die Schiedsrichtergruppe von Hertha BSC, zu der auch Robert Hoyzer gehörte, ist innerhalb der Gemeinschaft besonders aktiv.

„Viel Zeit zur Weiterbildung"

Auffallend viele Schiedsrichter sind jung, unter 30, und Studenten. Obmann Müller bestätigt den Eindruck: "Ja, die Schiedsrichterszene hat sich stark gewandelt in den vergangenen Jahren. Die meisten haben jetzt Abitur, studieren oder sind selbständig. Ein normaler Handwerker, kann das ja heutzutage kaum noch leisten." Wer seine Zeit nicht einigermaßen frei einteilen kann, hat keine Chance aufzusteigen und in der Spitze zu bleiben. Kurzfristige Spielansetzungen seien nur das eine. "Man braucht viel Zeit zur Weiterbildung."

Robert Hoyzer hatte die Zeit, den Ehrgeiz und das Talent nach oben zu kommen - und die Unterstützung der Berliner Schiedsrichter-Gemeinschaft. Es ist erstaunlich, welchen Einsatz die Berliner Schiedsrichter zeigen, jungen Kollegen den Weg in die Bundesliga zu ebnen. Müller erläutert: "Wie der Frauenfußball durch den Gewinn der WM einen Aufschwung erhielt, profitieren wir davon, wenn wir viele Spitzenschiedsrichter haben. Stolz schwingt mit, wenn Müller aufzählt: "Als kleiner Landesverband stellen wir zwei Bundesliga-Schiedsrichter, einen Zweitligaschiedsrichter und einen in der Regionalliga."

Unauffällig, angepaßt und ein wenig eitel

Erreicht wird die Qualität durch ein Fördersystem. Die 20 besten jungen Berliner Schiedsrichter kommen in den Genuß von Sonderlehrgängen und einer Sonderbetreuung. Erfahrene Kollegen, sogar mit Erstliga-Reputation, beobachten ihre Einsätze in untersten Klassen regelmäßig und diskutieren ihre Entscheidungen. Dafür wird von den Auserwählten Teamfähigkeit, Ernsthaftigkeit und ein auch ansonsten integrer Charakter erwartet. Diven oder Frohnaturen würden irgendwann aus dem Fahrstuhl nach oben geschubst.

So ist es kein Wunder, daß die Schiedsrichter in Deutschland ein recht einheitliches Bild abgeben. Unauffällig, konservativ, angepaßt, mit hohem Gerechtigkeitsempfinden und ein wenig eitel. Fast alle mögen rein-schwarze Fußballschuhe, selbst rote Fersenlaschen sind bei den meisten verpönt, fast alle tragen spezielle Schiedsrichterunterwäsche in schwarz, damit nichts Buntes hervorlugen kann. Aus dem selben Grund sind Stutzen out und Strümpfe in, damit kein Stücken weiß der Socke das Gesamtbild stört.

"Es wird nicht leicht“

Die Zeiten bunter Vögel, mit dem Drang zum Feiern und zur Selbstdarstellung wie Walter Eschweiler und Wolf-Dieter Ahlenfelder gehören der Vergangenheit an: Obmann Müller bestätigt: "Feuchtfröhlich geht es nur noch bei den Schiedsrichter-Senioren über 50 zu."

Robert Hoyzer bildete keine Ausnahme in seiner Seriosität - bis vor wenigen Monaten. "Er war beliebt. Daß ein paar neidisch auf ihn blickten, ist doch klar", sagt der Berliner Schiedsrichter-Obmann. Daß Hoyzer Spiele verpfeifen könnte, wäre Gerhard Müller "im Traum nicht eingefallen." Auf einer turnusgemäßen Schiedsrichtertagung am Montag nutzte es die Gelegenheit, seine Referees auf das kommende Wochenende vorzubereiten: "Ihr müßt damit rechnen, daß ihr von Spielern und Funktionären angemacht werden", sagte er seinen Leuten. Er empfahl, gelassen auf Bemerkungen zu reagieren wie: "Na, haste auch gewettet?" Konkrete Betrugsvorwürfe seien allerdings mit individuellen Strafen zu ahnden. Eines ist Müller klar: "Es wird nicht leicht werden für die Kollegen."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Jahrgang 1959, Sportredakteur.

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