28.01.2005 · Nach dem überraschenden Geständnis von Schiedsrichter Robert Hoyzer droht dem deutschen Fußball im Jahr vor der WM 2006 ein Skandal noch ungeahnten Ausmaßes. Sein Anwalt sagt, Hoyzer sei „nicht alleine“. Fifa-Präsident Blatter kritisiert den DFB.
Nach dem überraschenden Geständnis von Schiedsrichter Robert Hoyzer droht dem deutschen Fußball im Jahr vor der WM 2006 ein Skandal noch ungeahnten Ausmaßes.
Der 25 Jahre alte Berliner, der seit knapp einer Woche verdächtigt wird, Fußballspiele verschoben zu haben, hat unter Tränen in der Essener Anwaltskanzlei seines Rechtsbeistands Stephan Holthoff-Pförtner die Manipulationen bestätigt und weitere nicht genannte Personen aus der Fußballbranche beschuldigt.
Ein „sehr sehr immenses Ausmaß“
Völlig überraschend gestand Hoyzer die ihm zur Last gelegten Wettmanipulationen und kündigte weitere Enthüllungen an. Vor TV-Kameras sagte er in der Essener Kanzlei seines Anwalts, Stephan Holthoff-Pförtner, die Vorfälle hätten ein „sehr sehr immenses Ausmaß“ für den Fußball. Holthoff-Pförtner sagte, Hoyzer sei „nicht alleine“.
Es habe wohl „ein Zusammenwirken von Personen in mehreren Funktionen“ gegeben. Darunter seien sowohl Spieler als auch Schiedsrichter. Der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ sagte der Rechtsanwalt, er schätze seinen Mandanten nur als „ein kleines Rädchen“ ein. Der Fall habe ein viel größeres Ausmaß. Hoyzer kündigte an, bei der Aufklärung „schonungslos mit allen zusammenzuarbeiten“.
Blatter kritisiert DFB
Unterdessen reagierte Sepp Blatter als Präsident des Weltverbandes Fifa mit großer Betroffenheit und kritisierte indirekt auch den DFB. „Die Fifa ist schockiert, daß ein junger, viel versprechender Schiedsrichter die Anforderungen in schlimmster Weise verletzt hat, und daß seine Machenschaften während einiger Zeit unentdeckt geblieben sind“, sagte der Schweizer.
In einem Schreiben an den DFB forderte Blatter die lückenlose Aufklärung des Falles. „Etwas mehr als ein Jahr vor der WM 2006 steht der deutsche Fußball und damit auch der DFB im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Sie sind deshalb besonders gefordert, die Ermittlungen der Strafuntersuchungsbehörden weiterhin mit allen Kräften zu unterstützen und gleichzeitig innerhalb der verbandseigenen Strukturen weitere Abklärungen vorzunehmen.“
Weitere Verhöre und Zeugen
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat zwar noch keine Anhaltspunkte für eine Verwicklung weiterer Personen, verhört aber nach eigenen Angaben derzeit 14 weitere Schiedsrichter und Assistenten als Zeugen.
Der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses, Horst Hilpert, sprach in Frankfurt am Main vom größten Skandal im deutschen Fußball seit 1971. Der Geschäftsführende DFB-Präsident Theo Zwanziger sagte den „Stuttgarter Nachrichten“, daß nicht mehr ausgeschlossen werden könne, daß im ganzen Land Spieler oder Funktionäre verwickelt seien.
„Bislang kein zweites schwarzes Schaf“
„Die in der Öffentlichkeit erhobenen Anschuldigungen gegen mich sind im Kern zutreffend. Ich bedauere mein Verhalten zutiefst und entschuldige mich gegenüber dem DFB, meinen Schiedsrichterkollegen und allen Fußball-Fans“, hieß es in einer schriftlichen Erklärung von Hoyzer, der sich nun als Kronzeuge zur Verfügung stellen will.
Der Kontrollausschuß reagierte auf die Nachricht mit der Vorladung von weiteren 14 Zeugen aus dem Kreis der Schiedsrichter und Assistenten, die vornehmlich in der 2. Bundesliga und der Regionalliga Nord zum Einsatz gekommen waren. Deren Vernehmung in der DFB-Zentrale dauerte am Donnerstag nachmittag an. „Wir gehen aber weiter davon aus, daß es ein Einzelfall ist. Ich habe bislang kein zweites schwarzes Schaf ausgemacht“, erklärte der Kontrollausschuß-Vorsitzende Horst Hilpert.
Kronzeuge weiterer Ermittlungen?
Dies gelte auch für den Berliner Unparteiischen Dominik Marks, der bereits am Dienstag zum Selbstschutz von der Leitung des Zweitligaspiels Alemannia Aachen gegen LR Ahlen entbunden wurde. Im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Hoyzer waren in der Öffentlichkeit auch gegen Marks Anschuldigungen erhoben worden. „Ich sehe nichts, was einen größeren Verdacht gegen Marks auslösen könnte“, sagte Hilpert, der nun erst einmal die Vernehmung von Hoyzer abwarten will.
„Ich habe heute vollständig und schonungslos mein Verhalten und mein gesamtes Wissen über alle mir in diesem Zusammenhang bekannten Sachverhalte und Personen dokumentiert und stehe der Staatsanwaltschaft und dem DFB zur vollumfänglichen Aufklärung zur Verfügung“, kündigte Hoyzer in der von seinen Rechtsanwälten verbreiteten Erklärung an. Die Berliner Staatsanwaltschaft will die Hilfe annehmen. „Wenn er das in die Tat umsetzt, dann wird uns das helfen“, sagte Sprecher Michael Grunwald.
Auf Anzeige des DFB und eines Privatmannes ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft gegen Hoyzer. Der DFB schrieb in der Anzeige, daß „Herr Hoyzer Kontakt zu Wettkunden aus einem bestimmten, vorwiegend von Kroaten besuchten Lokal in Berlin hatte“, wo offenbar gezielt auf von ihm geleitete Spiele gesetzt worden sei. Laut Staatsanwaltschaft übermittelte der DFB auch einen Hinweis der Staatlichen Lotterieverwaltung München und die Aussagen zweier Schiedsrichter-Kollegen.
„Das ist unverzeihlich“
Wer außer ihm in die Affäre verstrickt sein soll, ließ Hoyzer offen. Genauso, ob es sich dabei um Schiedsrichterkollegen, Spieler, Funktionäre oder Außenstehende handelt. Dem Fernseh-Regionalsender TV.BERLIN sagte Hoyzer, er habe für die Manipulation von Spielen einen fünfstelligen Betrag bekommen. Nach Ansicht seines Anwaltes Holthoff-Pförtner sei er aber nur ein „kleines Rädchen“. Der Fall selbst habe ein viel größeres Ausmaß. „Da geht es um ein Zusammenwirken mehrerer Personen in unterschiedlichen Positionen“, erklärte er.
Schiedsrichter-Chef Volker Roth war sichtlich geschockt. „Dieser ganze Vorgang geht mir schon unglaublich nahe. Das ist unverzeihlich“, sagte der frühere Fifa-Referee. Es seien ideelle Werte verraten und verkauft worden, „und das ist unentschuldbar“, meinte Roth. „Wir sind schockiert, wir haben so etwas nie für möglich gehalten. Aber gegen kriminelle Energien kann man nichts machen.“ Roth befürchtet, daß das Vertrauen in die Schiedsrichter „über Jahre“ gestört sein werde. „Wir müssen da durch, wir haben an die Schiedsrichter appelliert, jetzt nicht überzureagieren“. In der weiteren Bewältigung der Affäre kündigte er an, „gnadenlos und ohne Rücksicht auf Personen aufzuräumen“.
„Konnte und wollte mit dieser Situation nicht mehr leben“
In der Frankfurter Verbandszentrale hatte man bereits seit Sommer Hinweise auf Unregelmäßigkeiten beim DFB-Pokalspiel der ersten Runde zwischen dem SC Paderborn und dem Hamburger SV. Erste Ermittlungen nach hohen Wetteinsätzen verliefen aber im Sande, nachdem der Anzeiger seine Anschuldigungen zurückgezogen hatte. Erst am Mittwoch vergangener Woche hatten sich vier Schiedsrichter als Zeugen beim DFB gemeldet, daraufhin nahm der Kontrollausschuß unter Vorsitz von Hilpert die Ermittlungen auf. Bis zum Donnerstag hatte Hoyzer alle Vorwürfe bestritten. „Ich stand die letzten Tage unter enormem Druck. Ich konnte und wollte mit dieser Situation nicht mehr leben“, begründete er sein überraschendes Geständnis.
Der DFB will künftig mit einem „Frühwarnsystem“ und einem Wettverbot für die Referees weiteren Manipulationen vorbeugen. Wie das Fachmagazin „kicker“ berichtet, werde die DFL einen Vertrag mit der Firma „Betradar.com“ abschließen. Das Unternehmen zählt zu den führenden Informationslieferanten der Welt für Buchmacher. Zukünftig soll die DFL umgehend benachrichtigt werden, wenn ungewöhnlich hohe Wetteinsätze zu verzeichnen sind.
Außerdem sollen die Schiedsrichteransetzungen künftig nicht zehn, sondern erst zwei Tage vor der Partie bekannt gegeben werden. Zudem werden in Zukunft auch alle DFB-Pokalspiele der ersten Runde von Schiedsrichterbeobachtern begleitet. Dies bestätigte Roth nach einer Krisensitzung der DFB-Schiedsrichter.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 21 | 32 | 46 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 21 | 35 | 44 | ![]() |
| 3. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 21 | 22 | 43 | ![]() |
| 4. | ![]() |
FC Schalke 04 | 21 | 18 | 41 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 21 | -1 | 33 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 21 | 0 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 21 | -2 | 31 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 21 | -11 | 27 | ![]() |
| 9. | ![]() |
VfB Stuttgart | 21 | 3 | 26 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 21 | -2 | 25 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1. FC Köln | 20 | -11 | 24 | ![]() |
| 12. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 21 | -6 | 23 | ![]() |
| 13. | ![]() |
Hamburger SV | 20 | -9 | 23 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 20 | -12 | 21 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 21 | -11 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 21 | -11 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 20 | -14 | 17 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 21 | -20 | 17 | ![]() |