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Schiedsrichter-Skandal Verpfiffene Spiele erschüttern deutschen Fußball

23.01.2005 ·  Der Berliner Schiedsrichter Hoyzer wettet und soll Ergebnisse manipuliert haben. Der Hamburger SV prüft rechtliche Schritte, DFB und DFL treffen sich an diesem Montag zur Krisensitzung.

Von Frank Heike
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Als Bernd Hoffmann am Samstag nachmittag ans Telefon ging und Werner Hackmann ihm das Unglaubliche berichtete, wäre er „fast aus den Puschen gekippt“. Hoffmann, der Vorstandsvorsitzende des Hamburger SV, erfuhr vom Präsidenten der Deutschen Fußball Liga (DFL) in allen bis dahin bekannten Einzelheiten vom vermeintlich größten Skandal der Bundesliga seit 1971: Das Pokalspiel des HSV am 21. August 2004 beim SC Paderborn soll durch Schiedsrichter Robert Hoyzer verschoben worden sein.

Der HSV hatte gegen den Regionalligaklub damals 2:4 verloren. „Das ist ein Image-Desaster für den deutschen Fußball“, sagte Hoffmann im Gespräch mit dieser Zeitung, „dem HSV und dem Fußball ist großer Schaden zugefügt worden. Der Vertrauensverlust ist riesig.“ Gerhard Mayer-Vorfelder, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), sagte am Sonntag: „Das ist schon aus psychologischer Sicht ein unglaublicher Schaden für den DFB und das gesamte Schiedsrichterwesen.“

„Schlechtes Gefühl“

Der 25 Jahre alte Student Hoyzer soll die Partie durch offensichtliche Fehlentscheidungen beeinflußt haben. „Wir alle, auch die Spieler, hatten nach der Partie schon ein schlechtes Gefühl“, sagte Hoffmann, „aber wenn man gegen einen Regionalligaverein ausscheidet, will man nicht auch noch auf den Schiedsrichter zeigen und dann als schlechter Verlierer dastehen.“

Hoffmann erinnert sich an zwei zweifelhafte Elfmeter für Paderborn, den umstrittenen Platzverweis gegen den Hamburger Emile Mpenza und ein Paderborner Tor, das wegen Foulspiels eigentlich hätte abgepfiffen werden müssen. „Wir dachten: ,So ist Fußball, das gleicht sich irgendwann aus'“, sagte Hoffmann rückblickend.

Betrug

Am Sonntag sah er das natürlich anders: „Vielleicht wäre die ganze Saison für uns anders verlaufen, hätten wir dort nicht verloren. Aber das ist Spekulation. Fakt ist, daß wir aufgrund eines Betruges aus dem DFB-Pokal geflogen und erheblichen Schaden erlitten haben. Wir erwarten Wiedergutmachung.“

In der Folge der Pokalniederlage und (weiterer) schwacher Spiele in der Bundesliga wurde Trainer Klaus Toppmöller im Oktober entlassen. Auch er sieht sich nun als Opfer des Skandals. Am Sonntag wollte der HSV juristischen Beistand suchen, um die notwendigen weiteren Schritte zu veranlassen. „Es ist schwierig, wir betreten totales Neuland“, sagte Hoffmann, „es gibt keine Satzungen oder Verbandsordnung, die so etwas regelt“. Am Samstag hatte Hoffmann alle Beteiligten per Telefon informiert, auch Toppmöller.

Generelles Wettverbot?

Hoyzer soll nicht nur das Hamburger Spiel manipuliert, sondern im Zusammenhang mit Sportwetten auch Einfluß auf Ergebnisse mindestens fünf anderer von ihm geleiteter Spiele genommen haben. Dies geschah nach Erkenntnissen des DFB-Kontrollausschuß-Vorsitzenden Horst Hilpert, um an Geld zu kommen: Hoyzer soll auf diese von ihm geleiteten Spiele gewettet haben und gemäß seiner Vorhersage versucht haben, sie zu beeinflussen.

Inzwischen sprach sich Mayer-Vorfelder für ein generelles Wettverbot für Schiedsrichter aus. Der Fall Hoyzer hat die Führung des DFB aufgeschreckt. „Dies ist ein bedauernswerter und durch nichts zu entschuldigender Vorfall. Nach unserem jetzigen Kenntnisstand handelt es sich um einen Einzelfall, der nicht zu pauschaler Kritik an unseren Schiedsrichtern führen darf“, sagte der geschäftsführende DFB-Präsident, Theo Zwanziger.

Hoyzer machte keine Angaben zur Sache

Hohe Wetteinsätze sind offenbar der Grund dafür, daß die Spur zu Hoyzer zurückverfolgt werden konnte. Am vergangenen Mittwoch habe es erste Zeugenhinweise gegeben, heißt es im DFB, daß Hoyzer direkt oder indirekt Geld auf von ihm geleitetete Spiele gesetzt habe. DFB-Sprecher Harald Stenger sagte: „Es hat von seiten des DFB keine Verzögerung des Falles gegeben. Wir haben sofort reagiert, nachdem wir von dem Verdacht erfahren haben.“

Daraufhin hatte Hilpert den Schiedsrichter und Zeugen am Freitag nachmittag befragt. Hoyzer ist inzwischen zurückgetreten und aus seinem Klub ausgetreten. Er war Mitglied von Hertha BSC Berlin. Hoyzer machte bei seiner Vernehmung keine Angaben zur Sache. Er begründete dies so, daß er nach seinem Vereinsaustritt nicht mehr der Disziplinargewalt des DFB unterliege.

Krisensitzung in Frankfurt

Im Gespräch mit Volker Roth, dem Vorsitzenden des Schiedsrichter-Ausschusses des DFB, hatte Hoyzer zuvor die Vorwürfe der Manipulation jedoch zurückgewiesen. Hoyzer stand wegen seiner auffälligen Leistungen ohnehin schon unter Beobachtung, doch der DFB fand zunächst keinen Ansatzpunkt, gegen ihn vorzugehen.

An diesem Montag werden sich Zwanziger, Mayer-Vorfelder, Generalsekretär Horst R. Schmidt sowie Hackmann und Wilfried Straub von der DFL in Frankfurt zu einer außerordentlichen Sitzung treffen. HSV-Chef Hoffmann vertraut den DFB-Gremien: „Es gibt keine Anzeichen, daß dort nichts passiert. Es muß alles erst einmal bewertet werden. Wichtig ist, daß der Skandal komplett aufgerollt wird und daß man mit den beteiligten Vereinen korrekt umgeht.“ Welche Modelle es für eine Wiedergutmachung geben könne, vermochte der Vorstandsvorsitzende des HSV am Sonntag nicht einzuschätzen. Eine Wiederholung der verschobenen Spiele hat der DFB zunächst ausgeschlossen. „Das ist nach erster Prüfung unserer Juristen nicht möglich“, sagte DFB-Pressechef Stenger.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.01.2005, Nr. 19 / Seite 25
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