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Schalkes Trainer Keller Unbeugsamer Underdog

 ·  Von wegen schläfrig: Jens Keller zeigt sich beim FC Schalke hellwach. Der Trainer, der schon als gescheitert galt, könnte nach den jüngsten Erfolgen länger im Amt bleiben.

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© AFP Vergrößern Unter Spannung: Keller arbeitet unter schwierigen Bedingungen am eigenen Renommee

Jens Keller hört genau zu, auch wenn er gerade nicht an der Reihe ist. Am Tag vor dem Achtelfinal-Rückspiel gegen Galatasaray Istanbul (20.45 live im Cahmpions-League-Liveticker bei FAZ.NET) sitzt der Trainer des FC Schalke 04 auf dem Podium des Medienzentrums neben Julian Draxler, dem jungen Himmelsstürmer der Königsblauen. Eine Reporterin fragt den Neunzehnjährigen, wie sich der Wegfall der schulischen Belastung nach dem bestandenen Fachabitur auf den Arbeitsalltag als „Vollprofi“ auswirke. Bevor Draxler antworten kann, raunt der Trainer: „Er kann jetzt morgens länger schlafen.“

So viel Witz ist man von Keller nicht gewohnt, wenn er vor die Medien tritt. Aber die jüngsten Erfolge gehen auch an Keller offenbar nicht spurlos vorbei. Nicht nur Draxler wirkt derzeit ausgeschlafen, wenn er auf dem Fußballplatz seiner Arbeit nachgeht. Auch der Fußball-Lehrer zeigt sich hellwach, gar nicht so schläfrig, wie es ihm viele seiner Kritiker nach den ersten Auftritten in seiner neuen Position vorgeworfen hatten, nachdem er im Dezember Huub Stevens abgelöst hatte. Keller hatte keinen guten Start hingelegt, Schalke lief Gefahr, die hochgesteckten Ziele, den Verbleib in der aktuellen Champions League und die Qualifikation für die nächste Auflage dieses Wettbewerbs, aus den Augen zu verlieren. Weil er nicht sonderlich viel Esprit verströmte, galt Keller als gescheitert, ehe er richtig angefangen hatte.

Dennoch blieb der Trainer ruhig, wie es seinem Naturell entspricht. Er machte einfach weiter, anscheinend ohne sich um die Kritiker zu scheren. Die Mannschaft scheint ihn besser zu verstehen, als viele dachten, und begann, wieder erfolgreicher Fußball zu spielen. In der Bundesliga gewann Schalke zuletzt drei Spiele nacheinander, dazu gelang es den Westfalen, beim 1:1 in Istanbul ein Ergebnis zu erzielen, das gute Chancen eröffnet, an diesem Dienstag das Viertelfinale der europäischen „Königsklasse“ zu erreichen. Seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte der Aufschwung jüngst beim 2:1 gegen den Erzrivalen Borussia Dortmund.

Schalkes Sportdirektor Horst Heldt, ein großer Förderer Kellers, bestaunte in diesem Derby „eine der besten ersten Spielhälften, die ich je gesehen habe“. Auch ein Lob für Keller, der wiederum beobachtet haben will, dass die Mannschaft inzwischen vieles von dem, was er trainieren lässt, in die Tat umsetzt. „Wir haben nicht nur gegen Dortmund gut gespielt. Wir nehmen das Selbstbewusstsein, das wir uns in den letzten Wochen erarbeitet haben, mit in das Spiel gegen Galatasaray“, sagt der 42 Jahre alte Trainer, der beim VfB Stuttgart schon einmal für ein paar Wochen den Chef gespielt hatte, ohne sich für ein dauerhaftes Engagement empfehlen zu können.

Auch ein Trainer verdient eine Chance

Aus der Mannschaft sind Stimmen zu vernehmen, die Kellers Sicht bestätigen. „Der Trainer hatte keinen leichten Stand, es freut mich, dass seine Arbeit jetzt Früchte trägt“, sagt Kapitän Benedikt Höwedes. Auch Torhüter Timo Hildebrand hält das von vornherein massive Misstrauen gegenüber dem vormaligen U-17-Trainer des Klubs für unbegründet und fordert, „ihm einfach mal eine Chance zu geben“. Für Hildebrand hatte sich der Wechsel schon ausgezahlt, als Teile der Mannschaft noch ziemlich durcheinander wirkten. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger benannte Keller für die Planstelle zwischen den Pfosten eine klare Nummer eins, und seine Wahl fiel auf Hildebrand.

Zeitweise waren in der öffentlichen Debatte sogar Zweifel aufgekommen, ob Keller seinen Job überhaupt bis zum Saisonende würde ausüben dürfen. Inzwischen hat diese Perspektive nicht nur einen verbalen Hintergrund - an Bekenntnissen der Vereinsführung hat es nicht gemangelt -, sondern auch einen realen. Das aktuelle Hoch versetzt das Management in die Lage, den im Dezember verkündeten Fahrplan für weiterhin gültig zu erklären. Danach soll Keller bis zum Ende der Spielzeit Cheftrainer bleiben, anschließend will Heldt entscheiden, ob aus der Übergangs- eine Dauerlösung wird oder ob ein profilierter Mann den Vorzug erhält. In diesem Zusammenhang fällt des Öfteren der Name des aktuellen Frankfurter Trainers Armin Veh, dessen Vertrag Ende Juni ausläuft.

Angesichts des Schalker Aufschwungs scheint ein Verbleib Kellers über das Frühjahr hinaus nicht (mehr) ausgeschlossen. „Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen“, sagt Heldt. Solange die Mannschaft Spiele gewinnt, gewinnt die Vereinsführung Zeit. Der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies sagt, er sehe derzeit keinen Grund, Keller in Frage zu stellen. „Ich finde, er ist ein guter Trainer, und er passt zu Schalke.“

Keine Luftsprünge, keine Depression

Zumindest solange die Mannschaft so Fußball spielt wie in der ersten Halbzeit gegen Dortmund. Aber auch im Erfolg zeigt sich Keller immun gegen zu viel Emotion. Aufschwung hin, Derbysieg her - die Stimmung auf Schalke, auch was den Trainer betrifft, sei in erster Linie ein Produkt der Medienmaschinerie, behauptet Keller. Er selbst lasse sich davon nicht beeinflussen. „Ich mache jetzt keine Luftsprünge, so wie ich vorher auch nicht in Depressionen verfallen bin“, sagt er.

Unabhängig von wechselnden Stimmen und Stimmungen strahlt Keller die Unbeugsamkeit eines Underdogs aus, der entschlossen ist, sich gegen Widerstände durchzusetzen. Die Chance, sich als Cheftrainer des FC Schalke zu etablieren, mag geringer sein als die Chance der Mannschaft, gegen Galatasaray weiterzukommen. Aber sie ist in den vergangenen Wochen ein bisschen größer geworden.

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