27.08.2008 · Mit Argentinien wurde Sergio Agüero Olympiasieger, nun soll er Atlético Madrid beim Rückspiel gegen Schalke 04 in die Champions League führen. Als Erbe Maradonas verbindet ihn einiges mit seinem Idol - nicht nur auf dem Fußballplatz.
Von Paul Ingendaay, MadridEr bleibt der hübsche, nette Junge. Dass in Internet-Blogs tausendfache Liebeserklärungen junger Frauen an ihn herumschwirren, weil er aussieht wie der Frontsänger einer Boygroup, ist nicht seine Schuld. Wenn er dann mit seinem weichen argentinischen Akzent über den Gegner von diesem Mittwochabend (20.45 Uhr / Live in der ARD und im FAZ.NET-Liveticker) Auskunft gibt, mag man kaum glauben, dass dieser 1,74-Meter-Mann mit seinen Dribbelkünsten und seinem Torinstinkt Spiele allein gewinnen kann.
„Auch wenn Schalke einige Ausfälle zu beklagen hat“, sagt Sergio Agüero höflich, „ist das Team ein harter Brocken. Es ist Schalke 04.“ Nein, sagt er dann noch zu den Journalisten und Fans, die ihn vergangenen Sonntag am Flughafen von Madrid begrüßten, die Goldmedaille von Peking könne er ihnen gerade nicht zeigen, die sei noch im Koffer.
Atlético will in die „Königsklasse“ - dank Agüero
Es war dieser Olympiasieg mit der argentinischen Nationalmannschaft, der den Fans von Atlético Madrid das Warten auf den großen Tag, das Rückspiel gegen Schalke 04 um die Qualifikation für die Champions League, versüßt hat. „Gold für Atlético“, titelte „El Mundo Deportivo“ nach dem 1:0 Argentiniens gegen Nigeria. Jetzt soll das Spiel gegen Schalke nach zwölf Jahren Abstinenz die Rückkehr von Atlético unter die Granden des europäischen Fußballs bringen. Und Sergio „Kun“ Agüero – der Spitzname bezieht sich auf eine japanische Comicfigur – ist für die Rolle des Messias ausersehen.
Bisher steckt der Zwanzigjährige den Rummel um seine Person gut weg, lächelt und antwortet ohne Allüren. Nein, sagt er wieder, er sei nicht der Erlöser seines Klubs, für den das ehrgeizige Projekt der nächsten Jahre auf dem Spiel steht. Er werde alles dafür tun, dass Atlético sich gegen Schalke qualifiziert, aber der Erlöser sei er nicht.
Maradona platzt vor Stolz - wegen Agüero
Doch wie kann Agüero die Rolle ablehnen, wenn der kleine, kompakte Mann neben ihm mit jeder Geste, jedem Augenrollen und jeder schützenden Umarmung zeigt, dass dieser blutjunge Stürmer zu besonderen Taten berufen ist? Kein Geringerer als Diego Maradona, sein Schwiegervater, hat „Kun“ von Peking nach Madrid begleitet, um auf der Tribüne des Calderón-Stadions seinen hochmögenden Beistand zu gewähren. Als die Journalisten das Wort an Maradona richten, will der größte argentinische Spieler der Fußballgeschichte keine Erklärung abgeben und schiebt seinen Schwiegersohn vor – doch er platzt vor Stolz.
Da ist seine Tochter Giannina, die von Agüero ein Kind erwartet. Und da sind die Genialitäten des neuen argentinischen Fußballs. Die beiden phänomenal begabten Stürmer Messi und Agüero ließen im Halbfinale von Peking selbst Brasilien alt aussehen. Maradona ist so etwas wie der Pate des Zwergenduos. 4:2 hieß es am Ende in Agüeros bester Olympiapartie, und der Mann von Atlético krönte die Demontage von Ronaldinho und Co. mit zwei Toren.
Atlético hat das beste Sturmduo - mit Agüero
Agüero, der an den Brasilianer Romário erinnert, sich aber dreimal eleganter bewegt, war schon immer früh dabei. Mit fünfzehn debütierte er 2003 als jüngster Spieler überhaupt in der argentinischen Liga und überbot damit sogar den Frühreife-Rekord Maradonas. Mit sechzehn dann war er bei Independiente Stammspieler, und mit achtzehn ging er für zwanzig Millionen Euro Ablöse zu Atlético Madrid. Auch das war eine Rekordsumme, einmal für den argentinischen Fußball, dann für den Erstligaklub, der seit der Saison 1995/96 nicht mehr spanischer Meister war und zur Jahrtausendwende sogar zwei Spielzeiten in der zweiten Liga verbringen musste.
Agüeros Statistik ist beeindruckend. Im ersten Jahr, noch mit Sturmführer Fernando Torres und dem Uruguayer Forlán neben sich, brachte er es auf sechs, im Jahr darauf schon auf 19 Treffer. Der Weggang von Kapitän Torres zum FC Liverpool machte den Weg frei für den schlitzohrigen Filigrantechniker, der zusammen mit Forlán das torgefährlichste Duo der Primera División stellte und mit Platz vier den größten Atlético-Erfolg seit 13 Jahren einfuhr.
Der Weg in die „Königsklasse“ ist frei - für Agüero
Jetzt kommt es auf Agüero an. Wie in der vergangenen Spielzeit, als seine Brillanz immer wieder ein schlappes Mittelfeld und eine desorganisierte Abwehr vergessen machte. Doch es ist auch jede Menge Nervenflattern zu spüren im Atlético-Umfeld. Was, wenn die Mannschaft gegen Schalke nicht weiterkommt?
Zwanzig Millionen Euro wären weg, die Rückkehr in die europäische Ruhmeshalle des Fußballs wieder mal verbaut, und wer könnte schon sagen, für wie lange diesmal? Sergio „Kun“ Agüero, jeder weiß es, ist der eine Mann im Team, der für die Champions League geboren wurde und sie spielen wird, eher früher als später. Egal, in welchem Trikot.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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