Wenn das Wochenende nicht mehr weit ist, hat Christian Streich mit Fragen zu tun, wie jeder andere Trainer der Fußball-Bundesliga auch. Standard so weit. Wen er aufstellt, wer auf die Bank oder die Tribüne muss, wem er was ermöglichen oder zumuten muss - das ist Teil des Spiels. Eine Frage allerdings gehört nicht gerade zum Standardrepertoire im Fach Pädagogik für Fußballlehrer: „Wie geht es den Alten?“ Streich formuliert sie mit einem Schmunzeln. Etwas ernster sagt der Trainer des SC Freiburg: „Natürlich gibt es die latente Gefahr, dass Spieler mir misstrauen.“ Er meint ältere, erfahrene Spieler.
Und so natürlich ist es deshalb, weil kaum einer in der Bundesliga so konsequent auf junge Spieler baut wie er. Und weil sich kein Verein so sehr über seine Talentförderung definiert, so stark von ihr abhängig ist, sie zur eigenen Identität gemacht hat. Dass Streich in der Bundesliga Woche für Woche viele frühere Spieler aus der Freiburger Fußballschule in seine Startelf nimmt, ist üblich, es können schon mal fünf oder sechs sein. Eine bemerkenswerte Quote. Er nennt diese Schule „ein Symbol“, sie sei „ein besonderer Ort“. Er war ihr Sportlicher Leiter, bevor er Ende 2011 in größter sportlicher Not zu den Profis kam.
Kleines Stadion, kleines Budget, eingeschränkte Möglichkeiten
Das Symbol liegt am Stadtrand von Freiburg, der hier gleichzeitig Waldrand ist, ein idyllischer Ort. Und fußballhistorisch wichtiges Terrain, denn den modernen, etwa 12 Millionen Euro teuren Bau ließ der Sportclub 2001 auf dem Geländes des früher mal viel bedeutenderen Freiburger FC bauen, das ist der deutsche Meister von 1907. Damals bekamen die Freiburger viel Lob für ihr Nachwuchsleistungszentrum, der Deutsche Fußball-Bund nannte es ein Vorbild, es war nach Ausstattung und Konzept ein Muster an Nachhaltigkeit. Eine Investition in „Steine statt Beine“, wie der damalige Trainer Volker Finke sagte, der dem Verein mit dem kleinen Stadion, dem kleinen Budget und den eingeschränkten Möglichkeiten auf dem Transfermarkt ein Fundament für den Existenzkampf im Profifußball geben wollte.
Zum Bau war „ein bisschen Geld da“, wie Streich sagt, eingenommen in der Bundesliga und im Europapokal, den der Sportclub zweimal erreichte. Fortan war er einer der ersten Klubs im deutschen Profifußball, der sich explizit als Ausbildungsverein definierte. Lange bevor sich die TSG Hoffenheim dafür feiern ließ, dass sie ein ähnliches Ausbildungszentrum errichtete und es wie eine Revolution in der Nachwuchsförderung inszenierte, machten sie in Freiburg schon ernst mit dem Thema. Mit einer massiven Investition in qualifizierte Trainer, Internatsplätze, eine duale Ausbildung auf Fußballplatz und Schulbank. In eine Infrastruktur also, die dem Verein Wettbewerbsvorteile gegenüber weniger entschlossenen Vereinen gab und eine regionale Antwort auf die Ausbildungsmisere im deutschen Fußball war. Inzwischen muss jeder Verein aus der ersten und zweiten Liga ein solches Zentrum haben, der Deutsche Fußball-Bund vergibt zusammen mit der Deutschen Fußball Liga alle drei Jahre Sterne zur Belohnung, drei für die Besten. Freiburg hatte noch nie nur zwei. Der Sportclub lässt sich seine Fußballschule 3,3 Millionen Euro im Jahr kosten, er war deutscher Meister mit den A-Junioren und dreimal Junioren-Pokalsieger des DFB. Der Trainer hieß Christian Streich.
Politik der Frühförderung
Viele, die er damals trainiert hat, sind heute Profis, und dass er eine besondere emotionale Verbindung zu den Talenten von einst hat, gibt er gerne zu. „Ich weiß, wie diese Spieler denken, wie sie sind“, sagt er. Und er lässt sie oft spielen. Torwart Oliver Baumann zum Beispiel, Innenverteidiger Matthias Ginter, Außenverteidiger Oliver Sorg und Offensivspieler Jonathan Schmid stehen eigentlich immer in der Startelf, wenn sie gesund sind. Ginter ist 18 Jahre alt, die anderen sind jeweils 22. Vier von insgesamt zehn früheren SC-Schülern im Profikader. Diese Politik der Frühförderung gilt als beispielhaft, aber nicht alle macht sie glücklich. Es gab schon Spieler, die wähnten sich in einem Verein im Jugendwahn - und sich selbst im Abseits. „Ich muss aufpassen, nicht in diese Ecke gerückt zu werden“, sagt Streich. Dabei kann er sich Sentimentalitäten und Bevorzugung im Verdrängungswettbewerb der ersten Liga gar nicht leisten. „Es geht immer nur um Qualität“, sagt er, „um nichts anderes.“
Wer hier ausgebildet wurde, hat die Spielidee des SC - viele kurze Pässe, kurze Ballkontaktzeiten, Beteiligung möglichst vieler Spieler in Ballnähe - verinnerlicht. Inklusive der Umgangsformen, die hier erwartet werden, auf dem Platz und außerhalb. Disziplin sei wichtig, Gruppentauglichkeit, sagt Torwart Oliver Baumann, der seit zwölf Jahren beim SC spielt. Er sagt, Streich sei, schon in der Fußballschule „eine Autorität auf dem Platz“ gewesen, „man hört ihm gerne zu“. Mit einem Grinsen fügt er über seine Ausbildungszeit hinzu. „Du solltest hier keinen Scheiß bauen.“ Aber die Gefahr sich daneben zu benehmen oder abzuheben sei ohnehin nicht sehr groß. Jochen Saier, der Leiter der Fußballschule, sagt: „Wir kommen stark vom Kollektiv, Diven-Gehabe hat hier keine Chance.“ Seine Aufgabe beschreibt er, was das große Ganze betrifft, so: „Wir müssen aus weniger mehr machen, und das in allen Bereichen.“ Aus weniger Geld und einem kleineren Einzugsgebiet vor allem. Saier sagt auch, dass Freiburg „keine Nische mehr“ sei und dass andere „stark aufgeholt“ haben bei der Ausbildung. Bleibt als entscheidender Freiburger Vorteil die hohe Durchlässigkeit in die Profimannschaft.
Von der U12 an wird in der Fußballschule ausgebildet, in jeder Bundesliga, die es im Nachwuchsbereich gibt, ist der SC vertreten. Davon haben auch schon andere Vereine profitiert. Der frühere SC-Schüler Dennis Aogo spielt heute beim HSV, Daniel Schwaab und Ömer Toprak sind in Leverkusen unter Vertrag, Sascha Riether ist über Wolfsburg und Köln beim FC Fulham in der Premier League gelandet. Verkäufe gehören in Freiburg zum Alltag. Und mitunter kleinere Rückschläge: Bei U-19-Nationalspieler Matthias Ginter etwa wurde vor dem Spiel am Samstag bei Hannover 96 ein Haarriss an einem Rückenwirbel festgestellt, er wird in diesem Jahr nicht mehr spielen können. „Wachstum und Leistungssport können eine Ursache sein“, sagte Trainer Streich. Ginter wird seine Ruhe bekommen. Denn Spieler wie ihn brauchen sie hier noch länger.
Freiburg, Mainz und Fürth sind Vorbilder!
Markus Irmscher (Jimmy64)
- 17.11.2012, 19:06 Uhr
Not oder Tugend...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 17.11.2012, 11:34 Uhr