Einen Denkzettel wollte er ihm verpassen, die Muskeln spielen lassen. So hatte sich Iya Mohammed, Chef des kamerunischen Fußballverbands, das gedacht, als er Samuel Eto’o Ende vergangenen Jahres kurzerhand für 15 Länderspiele sperrte. Damals, im November, war Kameruns Nationalelf während eines Turniers in Marokko nach Spielen gegen den Gastgeber und Sudan zum dritten Spiel gegen Algerien nicht mehr angetreten. Die Spieler hatten nicht die zuvor ausgehandelten Prämien erhalten und waren in Streik getreten.
Eine halbe Million Dollar Vertragsstrafe kostete den wütenden Mohammed und sein Gefolge die Spielverweigerung ihrer Stars. Als Rädelsführer machten sie Teamkapitän Eto’o aus - den Topstar der Mannschaft, Kameruns Fußball-Ikone. An ihm wurde mit der Sperre ein Exempel statuiert. Die Fußball-Welt sollte sehen: Die Herren im Hause des kamerunischen Fußballs sitzen noch immer in der Verbandsetage.
Das aber könnte sich als gewaltige Fehleinschätzung erweisen. Das wurde schon deutlich, als Mohammed und Co. Eto’os Sperre nach Protesten aus der Bevölkerung Ende letzten Jahres auf acht Monate begrenzten. Und als sie den 31-Jährigen nun zum Afrika-Cup-Qualifikationsspiel auf den Kapverden wieder nominierten, ließ Eto’o über seine Website verlauten: „Ich werde nicht spielen. Damit möchte ich gegen die amateurhaften Strukturen im Fußballverband und die Mannschaftsführung im Nationalteam protestieren.“
Kamerun verlor mit 0:2 auf der kleinen westafrikanischen Inselgruppe; es ist die nächste Station auf einem rasanten Abstieg. Der Viertelfinal-Teilnehmer bei der WM 1990 war 2012 noch nicht einmal mehr bei der Endrunde des Afrika-Cups dabei, er ist nach Jahren des Misserfolgs auf Platz 59 der Weltrangliste abgerutscht - so tief wie noch nie. Eto’o hat eine solche Entwicklung möglicherweise schon lange kommen sehen. Schon seit Jahren kämpft und wettert er, der schon als 16-Jähriger mit einem Nachwuchsvertrag nach Europa zu Real Madrid übersiedelte, gegen den Filz, die Vetternwirtschaft und die Veruntreuung von Geldern im Verband.
Ewige Debatten über Prämien und schlampige Spielvorbereitungen sind nicht außergewöhnlich im afrikanischen Fußball. Doch unvergessen ist Eto’os Wutausbruch im Lager des kamerunischen Teams beim Afrika-Cup 2006 in Ägypten, als die Mannschaft nach dem Vormittagstraining im Teamhotel zu Mittag essen wollte, am Buffet aber nur noch trockenes Brot und ein paar Soßen vorfand. Die Verbandsfunktionäre und zwei Dutzend ihrer Verwandten und Bekannten hatten Minuten zuvor die für die Spieler aufgetischten Speisen geplündert.
„Alle raus!“, schrie Eto’o damals in Richtung der Plünderer, zu denen auch Kameruns zweite Fußball-Legende Roger Milla gehörte. Die beiden mögen sich nicht, Eto’o missfällt die Selbstdarstellung des kamerunischen Eckfahnentänzers von 1990. Als Milla vor der WM 2010 in Südafrika sagte, Eto’o habe im Gegensatz zu seinen Topleistungen im Verein „niemals etwas an Kamerun gegeben“, war Eto’o endgültig beleidigt.
Fehlender Einsatz und mangelnde Hingabe fürs Nationalteam sind tatsächlich ein gewagter Vorwurf. Der viermalige afrikanische „Fußballer des Jahres“ gewann mit Kamerun immerhin zweimal den Afrika-Cup, er ist mit 18 Treffern Afrikas erfolgreichster Torschütze der Kontinentalmeisterschaft und hat in mehr als 100 Länderspielen 53 Tore erzielt. Zudem holte er mit Kamerun 2000 in Sydney olympisches Gold.
Bei den Fans genießt der in einem Armenviertel von Kameruns größter Stadt Douala aufgewachsene Vater von vier Kindern den Status eines Superstars. Als die gegen Eto’o verhängte Sperre des Fußballverbands publik wurde, zogen in Douala spontan mehrere tausend Fans protestierend auf die Straßen, Polizei und Politiker mussten die Massen beruhigen und eine baldige Begnadigung des Fußballers in Aussicht stellen, um größere Unruhen zu vermeiden. Mit seiner Weigerung, jetzt für Kamerun zu spielen, riskiert Eto’o eine lebenslange Sperre für das Nationalteam. Wohlwissend allerdings, dass in der Gunst des Volkes zweifelsohne er an einem längeren Hebel sitzt als sein Intimfeind Iya Mohammed.
Denn es sind beileibe nicht nur die sportlichen Erfolge, die Eto’o in Kamerun geradezu unangreifbar machen. Der seit Sommer 2011 für den russischen Erstligaverein Anschi Machatschkala spielende Stürmer unterstützt schon seit Jahren einige gemeinnützige Institutionen in Afrika, was der eigentliche Grund für seine ungeheure Popularität sein dürfte. Eto’o betreibt unter anderem zu 80 Prozent eine Stiftung gegen Noma, eine Krankheit, die nach akuter Unterernährung die Gesichter der Erkrankten entstellt. Zudem engagiert sich der mit einem geschätzten Jahresverdienst von 20 Millionen Euro reich entlohnte Spieler in vielen Fußballprojekten in ganz Afrika.
Während des letzten Afrika-Cups reiste Eto’o in Gabuns Hauptstadt Libreville, um dort in einer feierlichen Zeremonie ein Fußballinternat zu eröffnen, an dem er beträchtliche Anteile besitzt. Mittlerweile sollen es über den Kontinent verteilt über zwei Dutzend solcher Einrichtungen sein, die Eto’o maßgeblich finanziert hat. „Nicht alle haben Glück wie ich und erhalten frühzeitig ein Flugticket nach Europa. Wir müssen den Kids eine Perspektive in Afrika bieten“, sagte er in Libreville. Den Glauben an Afrikas Fußball scheint er nicht verloren zu haben - den an Kameruns Fußballverband hingegen schon lange.