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Sammer bei den Bayern Strippen ziehen unter Alphatieren

 ·  Matthias Sammer hat seinen Job in München bescheiden begonnen. Aber klar ist: Er wird ein Macher sein, kein Verwalter. Wird er die Gratwanderung zwischen Bayern-Ego und Bayern-Familie hinbekommen?

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© dpa Der Neue im Machtzentrum: Matthias Sammer

Für neue Leute ist es nicht einfach, sich in das Münchner Fußball-Patriarchat einzufügen. Die Welt des FC Bayern hat ihre eigenen Gesetze. Der mit zu ruhiger Hand wirkende Sportdirektor Christian Nerlinger ist gerade an ihnen gescheitert, zuvor stürzten die exzentrischen Dogmatiker Louis van Gaal und Jürgen Klinsmann mit ihren hochfliegenden Plänen ab. Vielleicht lässt sich damit die Vorsicht Matthias Sammers erklären, die er an den Tag legt. Auffällig bescheiden bewegt sich der neue Sportchef des Vereins derzeit durch die rot-weißen Kulissen, wie ein Novize im heiligen Schrein. Sein Trainingsanzug, den er während der Arbeitszeit derzeit meistens trägt, soll wohl vorerst eher die Nähe zum spielenden Personal als die zu den Granden des Vereins symbolisieren. „Ich bin glücklich, dass ich hier arbeiten darf. Wenn ich nicht in der Lage bin, mich trotz einer eigenen Denkweise zu integrieren und anzuerkennen, was hier über Jahre organisatorisch gewachsen ist, dann habe ich auch keine Berechtigung, hier zu sein.“

Aber natürlich ist Sammer nicht gekommen, um nur als Zuarbeiter beim deutschen Rekordmeister mitzuwirken. Seine Dynamik, das Anspruchsdenken und sein Machtstreben sind bekannt und berüchtigt. Die Bayern haben den vorherigen Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit besonderen Kompetenzen ausgestattet. Sammer gehört auf der Ebene des Vorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge mit zum Vorstand der AG. Sein Aufgabenspektrum umfasst nicht nur die Bundesligamannschaft, sondern auch die gesamte Nachwuchsarbeit im Verein und das Scouting. Der Cheftrainer des Klubs, derzeit Jupp Heynckes, steht hierarchisch unter ihm. „Im Gespräch mit Uli Hoeneß habe ich gefragt, ob es die Grundlage gibt, hier Grundsätzliches zu verändern. Er hat es bejaht. Das war für mich die Basis, weiterzuverhandeln“, sagt Sammer. Klar, er wird kein Verwalter sein. Aber ist er der neue Münchner Mächtige? Und die Bayern bald ein FC Sammer?

Wieder einmal soll jemand dem Verein eine Zukunft geben. Bei Klinsmann und van Gaal ist es aus unterschiedlichen Gründen misslungen. Dass Borussia Dortmund den langjährigen Branchenführer seit zwei Spielzeiten demütigte und es zuletzt ebenfalls zweimal in kürzester Zeit nicht klappte mit dem europäischen Top-Titel, hat die Münchner zur Verzweiflung getrieben - und den Druck auf Veränderungen bei ihnen anschwellen lassen. Schon seit einigen Jahren träumen Hoeneß und Co. davon, dass sich die wirtschaftliche Kraft und Solidität des Vereins auch in sportlicher Dominanz vor allem auf internationalem Terrain niederschlagen. Zumal die Fußballbranche drum herum in Europa finanziell bröckelt. Sammer wird der ultimative Schub zugetraut. Wichtige Trophäen müssen her.

Sechs Wochen hat er sich jetzt in seine neue Aufgabe hineingearbeitet. Er war im Trainingslager, flog mit bei der China-Reise, sprach mit allen Spielern, beobachtet fast jede Übungseinheit. Bei den Spielen will er auf der Bank sitzen, bei Trainer Heynckes - auch im Pokalspiel am Montag bei Jahn Regensburg. Er sagt, er müsse sich einfühlen, bevor er weitreichende Entscheidungen treffe. Sein demütiges Auftreten ist wohl eher Taktik, er will natürlich nicht die Fußball-Heiligen des Vereins schon jetzt über Gebühr reizen. Wer wirklich etwas bewegen will in diesem Klub, muss die Gratwanderung beherrschen zwischen Bayern-Ego und Bayern-Familie. Wer Präsident Uli Hoeneß und Vorstandschef Rummenigge zu sehr herausfordert, hat keine Chance. Wer im Clinch liegt mit dem „Bild“-Kolumnisten Franz Beckenbauer kann fast schon einpacken. „Ich kann ja nicht einfach herkommen und sagen, jetzt bin ich da und alle anderen hier sind Vollblinde“, sagt Sammer.

Sein gesteigerter Ehrgeiz ist berüchtigt

Doch man kennt ihn. Seinen Willen. Wie sehr er polarisiert. Die Ellbogen ausfährt. Im Hintergrund die Strippen zieht. Als Spieler ist er manchem Kollegen durch einen gesteigerten Ehrgeiz auf den Nerv gegangen. Doch Sammer war erfolgreich, hat fast alle wichtigen Fußball-Titel gewonnen. Er zählte zu den Spielertypen, von denen sich einige heute in der Nationalmannschaft mehr wünschten. Sammer fand jetzt bei Olympia den Diskuswerfer Harting toll, weil sich der so extrem unter Druck gesetzt und diesem dann standgehalten habe. So etwas hört ein Hoeneß bestimmt gerne.

Als jüngster Trainer der Bundesligageschichte gewann Sammer 2002 mit Dortmund die Meisterschaft. Aber seine Art war verkniffen perfektionistisch. Als Sportdirektor beim DFB wurde ihm eine Zeitlang nachgesagt, er bereite nur den Sturz Joachim Löws vor, um den Job als Bundestrainer selbst zu übernehmen. Sammer hat das bestritten. Trotzdem eskalierte der Kompetenzstreit zwischen Löw und Bierhoff als Nationalmannschaftsmanager auf der einen Seite und dem Sportdirektor. Doch Sammer wird selbst von internen Kritikern beim DFB zugestanden, dass er im Nachwuchsbereich den lahmen Trainern des Verbandes Beine gemacht und die Talentförderung insgesamt professionalisiert hat. „Matthias hat alles hinterfragt und viel positive Unruhe hereingebracht. Davon haben wir profitiert. Ich habe mit kaum einem anderen so gestritten wie mit ihm - aber immer mit offenem Visier und sehr konstruktiv“, sagt DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.

Sammer wusste die jungen Spieler in den Nachwuchsteams richtig anzupacken. Er hat sich da sehr engagiert, auch wenn er nicht oft in der DFB-Zentrale in Frankfurt zu sehen war. In seiner Zeit wurden Titel gewonnen - bei der EM 2009 mit der U-21-Auswahl, zu der damals Spieler wie Neuer, Hummels oder Özil gehörten. Zuletzt blieben die Erfolge allerdings aus.

„Erziehung“, „Ehre“, „Charakter“

Sammer hat seinen „wissenschaftlichen Mitarbeiter“ mitgenommen zum FC Bayern, mit dem er schon beim DFB zusammen das Nachwuchskonzept entworfen hat. Karsten Schumann ist sein Schattenmann. Er schafft vor allem andere Verbindungen zum Spitzensport außerhalb des Fußballs. Es solle Kontakte geben zum erfolgreichen Hockey-Bundestrainer Markus Weise, der mit den Männern bei Olympia Gold gewann, sagt Sammer.

Wenn er über junge Fußballspieler spricht, bringt er oft Begriffe wie „Erziehung“, „Ehre“ oder „Charakter“ vor. Für manche klingt das antiquiert. Ein fader Beigeschmack blieb in dieser Hinsicht, als Sammer selbst, eigentlich einig Anfang 2011 mit dem Hamburger SV, über Nacht als Sportdirektor zurückzog. Ein dunkler Moment für den selbsternannten Prinzipien-Mann.

Sammer hat ein großes Mitteilungsbedürfnis und dabei die Tendenz, die Welt von seinen Ideen überzeugen zu wollen. Er ufert dann rhetorisch schnell mal aus, wenn er zum Beispiel von einer „geistigen Verantwortung“ der Spieler spricht. Wie gut er sich bei den Bayern behaupten kann zwischen selbstbewussten Stars auf dem Platz, der Alphatierfraktion an der Spitze des Vereins und den hohen Erwartungen des Umfelds, wird man sehen. Seine Arbeit müsste nun mit dem Saisonstart langsam Konturen gewinnen.

Rückendeckung von den Meinungsmachern

Dass der neue Jugendkoordinator Hans Jörg Butt plötzlich hinschmiss, wurde schon in Zusammenhang mit Sammer gebracht. Im Verhältnis zu Trainer Heynckes, der in der vergangenen Saison während der Hauptschwächephase seines Teams öffentlich in Bedrängnis geriet, versucht der neue Sportchef alles, um ein harmonisches Bild zu zeichnen. Sammer schloss nicht aus, mit dem 67 Jahre alten Hoeneß-Freund Heynckes sogar bis 2014 zu verlängern. Interessant wird’s, wenn es in dieser Saison wieder nicht läuft. Was passiert dann? Sammers erste große Aufgabe wird sein, alsbald den perfekten Trainer für den FC Bayern bei seiner Suche einzukreisen, mit dem sich eine neue sportliche Ära begründen lässt. Hier muss er sich bewähren, auch davon hängt seine eigene Position ab. Einfluss auf Spielertransfers - wie jetzt beim möglichen Wechsel des Spaniers Javier Martínez - konnte er bisher nicht nehmen. Auch das wird kommen.

Prominenter Rückendeckung kann sich der FCB-Neuling Sammer bei seinen ersten Schritten sicher sein. Er unterhält enge Kontakte zu den ehemaligen Bayern-Stars Mehmet Scholl, Oliver Kahn und Stefan Effenberg - sie leben ebenfalls in München, nicht weit voneinander entfernt. Scholl ist Trainer der zweiten Mannschaft. Alle drei sind bei verschiedenen Fernsehsendern als Fußballexperten im Einsatz und machen damit Meinung. Ein wichtiger Faktor für Sammer. Und vielleicht fallen sie ja alle irgendwann zurück in den Schoß der Bayern-Familie. Dem über allem thronenden Patron Uli Hoeneß schössen dann vor Sentimentalität sicher die Tränen in die Augen.

Der 1. Bundesliga-Spieltag

Freitag, 20.30 Uhr
Borussia Dortmund - Werder Bremen

Samstag, 15.30 Uhr
Mönchengladbach - Hoffenheim
SC Freiburg - 1. FSV Mainz 05
FC Augsburg - Fortuna Düsseldorf
Hamburger SV - 1. FC Nürnberg
Greuther Fürth - Bayern München

Samstag, 18.30 Uhr
Eintracht Frankfurt - Bayer Leverkusen

Samstag, 20.45 Uhr
VfB Stuttgart - VfL Wolfsburg

Sonntag, 17.30 Uhr
Hannover 96 - FC Schalke 04

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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