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Veröffentlicht: 22.08.2012, 10:49 Uhr

Sammer bei den Bayern Strippen ziehen unter Alphatieren

Matthias Sammer hat seinen Job in München bescheiden begonnen. Aber klar ist: Er wird ein Macher sein, kein Verwalter. Wird er die Gratwanderung zwischen Bayern-Ego und Bayern-Familie hinbekommen?

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© dpa Der Neue im Machtzentrum: Matthias Sammer

Für neue Leute ist es nicht einfach, sich in das Münchner Fußball-Patriarchat einzufügen. Die Welt des FC Bayern hat ihre eigenen Gesetze. Der mit zu ruhiger Hand wirkende Sportdirektor Christian Nerlinger ist gerade an ihnen gescheitert, zuvor stürzten die exzentrischen Dogmatiker Louis van Gaal und Jürgen Klinsmann mit ihren hochfliegenden Plänen ab. Vielleicht lässt sich damit die Vorsicht Matthias Sammers erklären, die er an den Tag legt. Auffällig bescheiden bewegt sich der neue Sportchef des Vereins derzeit durch die rot-weißen Kulissen, wie ein Novize im heiligen Schrein. Sein Trainingsanzug, den er während der Arbeitszeit derzeit meistens trägt, soll wohl vorerst eher die Nähe zum spielenden Personal als die zu den Granden des Vereins symbolisieren. „Ich bin glücklich, dass ich hier arbeiten darf. Wenn ich nicht in der Lage bin, mich trotz einer eigenen Denkweise zu integrieren und anzuerkennen, was hier über Jahre organisatorisch gewachsen ist, dann habe ich auch keine Berechtigung, hier zu sein.“

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Aber natürlich ist Sammer nicht gekommen, um nur als Zuarbeiter beim deutschen Rekordmeister mitzuwirken. Seine Dynamik, das Anspruchsdenken und sein Machtstreben sind bekannt und berüchtigt. Die Bayern haben den vorherigen Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit besonderen Kompetenzen ausgestattet. Sammer gehört auf der Ebene des Vorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge mit zum Vorstand der AG. Sein Aufgabenspektrum umfasst nicht nur die Bundesligamannschaft, sondern auch die gesamte Nachwuchsarbeit im Verein und das Scouting. Der Cheftrainer des Klubs, derzeit Jupp Heynckes, steht hierarchisch unter ihm. „Im Gespräch mit Uli Hoeneß habe ich gefragt, ob es die Grundlage gibt, hier Grundsätzliches zu verändern. Er hat es bejaht. Das war für mich die Basis, weiterzuverhandeln“, sagt Sammer. Klar, er wird kein Verwalter sein. Aber ist er der neue Münchner Mächtige? Und die Bayern bald ein FC Sammer?

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Wieder einmal soll jemand dem Verein eine Zukunft geben. Bei Klinsmann und van Gaal ist es aus unterschiedlichen Gründen misslungen. Dass Borussia Dortmund den langjährigen Branchenführer seit zwei Spielzeiten demütigte und es zuletzt ebenfalls zweimal in kürzester Zeit nicht klappte mit dem europäischen Top-Titel, hat die Münchner zur Verzweiflung getrieben - und den Druck auf Veränderungen bei ihnen anschwellen lassen. Schon seit einigen Jahren träumen Hoeneß und Co. davon, dass sich die wirtschaftliche Kraft und Solidität des Vereins auch in sportlicher Dominanz vor allem auf internationalem Terrain niederschlagen. Zumal die Fußballbranche drum herum in Europa finanziell bröckelt. Sammer wird der ultimative Schub zugetraut. Wichtige Trophäen müssen her.

Sechs Wochen hat er sich jetzt in seine neue Aufgabe hineingearbeitet. Er war im Trainingslager, flog mit bei der China-Reise, sprach mit allen Spielern, beobachtet fast jede Übungseinheit. Bei den Spielen will er auf der Bank sitzen, bei Trainer Heynckes - auch im Pokalspiel am Montag bei Jahn Regensburg. Er sagt, er müsse sich einfühlen, bevor er weitreichende Entscheidungen treffe. Sein demütiges Auftreten ist wohl eher Taktik, er will natürlich nicht die Fußball-Heiligen des Vereins schon jetzt über Gebühr reizen. Wer wirklich etwas bewegen will in diesem Klub, muss die Gratwanderung beherrschen zwischen Bayern-Ego und Bayern-Familie. Wer Präsident Uli Hoeneß und Vorstandschef Rummenigge zu sehr herausfordert, hat keine Chance. Wer im Clinch liegt mit dem „Bild“-Kolumnisten Franz Beckenbauer kann fast schon einpacken. „Ich kann ja nicht einfach herkommen und sagen, jetzt bin ich da und alle anderen hier sind Vollblinde“, sagt Sammer.

Sein gesteigerter Ehrgeiz ist berüchtigt

Doch man kennt ihn. Seinen Willen. Wie sehr er polarisiert. Die Ellbogen ausfährt. Im Hintergrund die Strippen zieht. Als Spieler ist er manchem Kollegen durch einen gesteigerten Ehrgeiz auf den Nerv gegangen. Doch Sammer war erfolgreich, hat fast alle wichtigen Fußball-Titel gewonnen. Er zählte zu den Spielertypen, von denen sich einige heute in der Nationalmannschaft mehr wünschten. Sammer fand jetzt bei Olympia den Diskuswerfer Harting toll, weil sich der so extrem unter Druck gesetzt und diesem dann standgehalten habe. So etwas hört ein Hoeneß bestimmt gerne.

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