Sami Khedira wirkte zurückhaltend wie immer, als er seinen großen Tag in Barcelona würdigte. Man habe mit dem Sieg „viel Selbstvertrauen getankt“ für das Spiel gegen Bayern München an diesem Mittwoch, ein Spiel, „das wir nicht verlieren dürfen“. Sollte sich Selbstvertrauen tatsächlich auf solche Art zapfen lassen, an der Siegessäule sozusagen, dann hat Sami Khedira mit Real Madrid am Samstag in Barcelona randvoll getankt.
Zusammen mit Xabi Alonso, dem Kollegen im defensiven Mittelfeld, engte er Lionel Messi so sehr ein, dass der weltbeste Fußballer auf keinen einzigen Torschuss kam. Dafür Khedira: Mit seinem Stochertor brachte er Real Madrid auf den Weg zum 2:1-Sieg.
Das bedeutete neuen spanischen Rekord: Es war der 108. Liga-Treffer der Saison für Real. „Kaum zu glauben, dass ausgerechnet einem Spieler wie Khedira dieses historische Tor gelang“, schrieb das Sportblatt „Marca“. Es verriet damit die übliche Ignoranz jenes madrilenischen Luxuspublikums, das seine Mannschaft am liebsten nur aus strahlenden Superhelden und zirzensischen Ballkünstlern zusammengestellt sähe.
Mourinho wusste, was er an Makelele hatte
Bis vor ein paar Jahren handelte der Klub auch danach. Doch das Konzept der „Galacticos“ um Zidane, Figo, Beckham & und Co. scheiterte, als Real den unentbehrlichen Mittelfeldarbeiter Claude Makelele 2003 lieber weggehen ließ, als ihm auch nur ein Drittel des Gehalts der Superstars zu bezahlen. Chelsea nahm den Franzosen mit Kusshand, und für den ein Jahr später kommenden neuen Trainer José Mourinho wurde Makelele sein „wichtigster Spieler“ in London - während in Madrid auseinanderfiel, was Makelele zusammengehalten hatte.
Nun, nach fast zehn Jahren im europäischen Mittelmaß, hat erst Mourinho bei Real alles wieder zusammengefügt. Er hat ein Team geformt, das sich stark genug fühlt, erstmals seit 2002 die Champions League zu gewinnen. Dafür muss es an diesem Mittwoch aber erst etwas wiederholen, was damals im Viertelfinale gelungen war: eine 1:2-Hinspielniederlage gegen den FC Bayern wettzumachen.
Mourinho weiß, dass Erfolge auf diesem Niveau schon lange nicht mehr mit Pirouetten im blütenweißen Trikot möglich sind, sondern nur mit der verdichteten defensiven Organisation und hohen Umschaltgeschwindigkeit von Abwehr und Angriff, die Real am Samstag in Barcelona vorführte. Deshalb muss sich Khedira keine Sorgen machen, dass die populären Rufe nach mehr Magie und weniger Maloche beim Boss Gehör finden.
„Normal bleiben“
Mourinho weiß, dass er für jeden Özil mindestens einen Khedira braucht. Auch nach Verletzung und Sperre blieb der Deutsch-Tunesier erste Wahl - zum Leidwesen von Nuri Sahin, der seit dem Wechsel aus Dortmund in Madrid bisher kaum eine Chance bekam. Mourinho hat ein Faible für körperlich starke, nervlich stabile und hellwache Spieler wie Khedira, der trotz seiner Liaison mit Lena Gercke, der ersten Gewinnerin von „Germany’s Next Topmodel“, ein diskretes Privatleben abseits der Promi-Szene führt.
Sein wichtigster Rat an den 18-jährigen Bruder Rani, der sich beim VfB Stuttgart II auf den Sprung in den Profifußball vorbereitet, verrät viel über sich selbst: „Normal bleiben und einen klaren Kopf behalten.“ Sami wisse „genau, wo er herkommt und wem er was zu verdanken hat“, erzählte Rani in einem Interview.
Ein inoffizielles Länderspiel im Bernabéu
Sami Khedira ist auch in der Welt der „Galaktischen“ auf dem Boden geblieben, obwohl er, als er 2010 vom VfB Stuttgart kam, auf Anhieb eine feste Größe wurde. Auch gegen die Bayern dürfte er zur Real-Elf gehören und damit das Halbfinale zu einem inoffiziellen Länderspiel des deutschen EM-Teams machen. Denn zusammen mit Mesut Özil wird er im Zentrum wohl dem Rest des deutschen Mittelfelds, Schweinsteiger, Kroos und Müller, gegenüberstehen, so dass mit den weiteren Bayern Neuer, Boateng, Badstuber, Lahm und Gomez zehn der elf Spieler des möglichen deutschen EM-Teams im Bernabéu-Stadion auf dem Platz stehen werden.
Da stehen die Chancen nicht schlecht, dass endlich mal wieder ein Deutscher etwas noch Erstaunlicheres schafft als Khedira gegen Messi vergangene Woche: nämlich den Gewinn der Champions League. Zeit wäre es. Der Letzte war Dietmar Hamann 2005 mit Liverpool.