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Saisonvorschau Keine Konkurrenz, nirgends

26.07.2005 ·  Ein starker Herausforderer für den deutschen Fußball-Meister Bayern München ist nicht in Sicht. Heute abend wird der Titelfavorit im Ligapokal-Halbfinale vom VfB Stuttgart und seinem früheren Trainer Giovanni Trapattoni erstmals getestet.

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Der FC Bayern München plant seinen nächsten Coup. Es ist bald drei Monate her, da gelang dem Rekordmeister der 19. Streich. Jetzt heißt es: Der nächste Titel folge sogleich! Die anderen Fußballklubs der Ersten Bundesliga erkennen die bayrische Überlegenheit an, ohne an ihr Gefallen zu finden. Heute abend will der amtierende Titelträger seine Klasse im ersten Pflichtspiel der Saison gleich einmal beweisen. Im Ligapokal-Halbfinale gibt es in der neuen Allianz-Arena ein Wiedersehen mit dem früheren Bayern-Trainer Giovanni Trapattoni, der jetzt den VfB Stuttgart trainiert und natürlich liebend gerne für die erste Überraschung der Saison sorgen möchte.

„Deutschland will keinen Abonnement-Meister“, sagt der Leverkusener Trainer Klaus Augenthaler, der mit einem weitgehend unveränderten Bayer-Kader zum erweiterten Kreis der Konkurrenten gehören könnte. „Das ist langweilig.“ Womöglich droht beim Titelrennen in der 43. Bundesligasaison aber genau das - Langeweile. Vier Vereine fühlen sich dennoch gut gerüstet. Zumindest für den Kampf um die Plätze.

FC Schalke 04: Die letzte Gier fehlt

Bei der Fahndung nach einem Herausforderer des FC Bayern führt wieder eine wichtige Spur nach Schalke. Eine ambitionierte Transferpolitik unterstreicht den Willen des diesjährigen Meisterschaftszweiten zur Titeljagd. In Kuranyi und Ernst haben sie zwei Nationalspieler verpflichtet. Nach dem Weggang von Ailton und Hanke fehlt den Schalkern aber ein vierter Stürmer von Format. Ob der Däne Sören Larsen vor dem Saisonstart die Freigabe erhält, ist ungewiß. Auch in der Abwehr fehlt es noch ein wenig an Substanz. Trainer Rangnick wünscht sich noch zwei Verteidiger internationaler Klasse. Die Suche läuft seit vielen Wochen, bisher ohne (sichtbares) Ergebnis.

Dennoch wird die Sehnsucht der Fans nach der Meisterschale jedes Jahr größer. Den letzten Meistertitel gewann Schalke 1958. Spätestens, wenn sich dieser Triumph zum fünfzigsten Mal jährt, will Sportdirektor Müller die nächste Meisterschaft feiern, darauf hat er gewettet. Ganz so eilig ist es also nicht. Manager Assauer hat oft betont, wie sehr er den zweiten Platz zu schätzen wisse. Nach dem Motto: Reicht ja auch für die Champions League. Die Mannschaft ist so gut besetzt wie seit vielen Jahren nicht mehr. Um die Bayern zu überflügeln, muß Schalke aber selbstbewußter und gieriger werden.

Werder Bremen: Zuviel Wechsel

Normalerweise sprechen Thomas Schaaf und Klaus Allofs eine Sprache. Dieses Mal nicht. Allofs sagte: „Wir wollen unseren Spielern verständlich machen, daß wir Meister werden wollen und daß wir Pokalsieger werden wollen.“ Hoppla! Das aus dem beschaulichen Bremen, wo es immer noch etwas weniger aufgeregt zugeht als an anderen Bundesliga-Schauplätzen? Prompt wurde Werder zum Bayern-Jäger ausgerufen. Schaaf sagt: „Wir wollen um die vorderen Plätze mitspielen.“ So kennt man ihn, Schaaf ist der größere Realist. Werder wird es ganz schwer haben, mit den Bayern mitzuhalten, denn die wichtigsten Spieler der letzten Serie sind weg - Ernst und Ismael. Ernst war die Lunge des Spiels, Verteidiger Ismael das Herz.

Nun sollen es die unsicheren Kantonisten Baumann und Pasanen in der Innenverteidigung richten; Pasanen kann das, aber an der Seite des oft angeschlagenen Baumann, der viel lieber ins Mittelfeld möchte? Daß Frings, in der Mannschaft schon beim ersten Werder-Gastspiel hoch angesehen, Ernst ersetzen kann, steht außer Frage. Erst einmal aber müssen Hierarchien gefunden werden, und man muß sehen, wie der intern isolierte Micoud ohne seinen einzigen Freund zurechtkommt, den nach England gegangenen Stalteri. Insgesamt ist es diesmal zuviel Wechsel an der Weser, als daß Bremen ein Titelkandidat sein kann. Weil nämlich auch, die Qualifikation vorausgesetzt, die Champions League jede Menge Kraft und Konzentration kosten wird.

Hertha BSC Berlin: Ohne Sturm nichts los

Das Dilemma von Hertha BSC Berlin zeigt sich in Person von Alexander Madlung. Den Abwehrhünen führt die Torstatistik der vorigen Saison mit vier Treffern auf gleicher Höhe mit den Angreifern Bobic, Wichniarek und Reina - wenn man deren Tore zusammenzählt. Die bemerkenswerte Qualität des Hertha-Kaders zeigt sich dadurch, daß sich die Mannschaft für den Uefa-Pokal qualifizieren konnte, obwohl sie praktisch ohne Sturmreihe angetreten ist. Dem entgegen steht der Anspruch, daß sich Berlin auch in der Bundesligatabelle als Hauptstadt des Landes präsentieren will. Hertha läßt mit der zweithöchsten Etatplanung der Liga von 53,7 Millionen Euro aufhorchen.

Eine Offensivkraft, die 12 bis 15 Treffer garantiert, lautet daher die Suchmeldung von Manager Dieter Hoeneß. Doch die weltweite Sturmfahndung brachte auch in dieser Sommerpause bislang keinen Erfolg. Da Wunschkandidat Santa Cruz wieder in der Gunst des FC Bayern steigt und sich der Mexikaner Borgetti für einen Rentenvertrag in Saudi-Arabien entschieden hat, wird Hertha wohl auch in der nächsten Spielzeit sturmlos dem eigenen Anspruch hinterher hinken. Einen Hoffnungsschimmer bietet eine Sensationsmeldung aus dem Trainingslager in Österreich: Wichniarek hat im letzten Testspiel zwei Tore erzielt. Beim 7:1 gegen den Verbandsligaklub FV Ravensburg.

VfB Stuttgart: Kreativität verloren

Vor einigen Wochen noch wirkte der VfB Stuttgart wie ein hoffnungsloser Fall: ein Klub ohne Trainer und ohne drei Stammspieler, die bereits weg oder auf dem Absprung waren. Dann kam mit Trapattoni ein „Gewinnertyp“, wie VfB-Präsident Staudt den Titelsammler aus Italien nennt, und plötzlich schöpften die Schwaben neuen Mut, der sich zur Genugtuung steigerte, als der Transfer des dänischen Nationalstürmers Tomasson verkündet wurde. Seit diesem Coup fühlt sich der VfB stark, redet nicht mehr nur von Platz fünf, sondern sieht eine „Tendenz nach oben“ (Staudt) oder spricht gar von der Champions League (Tomasson).

Die Ambitionen sind sprunghaft gestiegen in einem Umfeld, das höchste Ansprüche hegt. In Wirklichkeit bleiben viele Fragezeichen: Wie kann der Klub die Abgänge der kreativen Achse von Lahm, Hleb und Kuranyi verkraften, deren Abschiede die Epoche der „jungen Wilden“ beendete? Wie nimmt die Mannschaft das System Trapattonis auf, dem eine Vorliebe für starke Verteidigungslinien nachgesagt wird? Den ersten Rückschlag müssen die Stuttgarter schon verkraften, weil der verletzte Neuzugang Bierofka für Monate ausfällt. Trapattonis Taktik und Tomassons Tore, das nährt Hoffnung beim VfB, lehrt aber den FC Bayern nicht das Fürchten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.07.2005, Nr. 29 / Seite 19, ril., fei., bhe., kle.,
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