Home
http://www.faz.net/-gtm-14kmq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rote Apokalypse Liverpools Spiel am Abgrund

28.12.2009 ·  Die „Reds“ plagen hohe Schulden, zerstrittene Besitzer und ein Flop auf dem Spielfeld nach dem anderem. Dabei hat der FC Liverpool das Potential zum dauerhaften Höhenflug - er müsste sich nur endlich zu seinem Marktwert verkaufen.

Von Michael Ashelm
Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (2)

Was passiert, wenn die Banken kein Geld mehr geben, haben die beiden amerikanischen Eigentümer des FC Liverpool schon in der vergangenen Saison beschrieben. Dann, so warnten George Gillett und Tom Hicks in einem internen Papier, das später in die Öffentlichkeit gelangt ist, drohten dem erfolgreichsten englischen Fußballklub nicht nur eine Zehn-Punkte-Strafe in der Premier League und der Notverkauf seiner wichtigsten Spieler Fernando Torres sowie Steven Gerrard, sondern auch die Insolvenz. Das Schreckensszenario ist dann nicht eingetreten, weil die beiden Geschäftsleute im Sommer die wichtigsten Gläubiger von einer Umschuldung ihres Kreditvolumens in Höhe von rund 350 Millionen Pfund überzeugen konnten - allen voran die von der Finanzkrise schwer getroffene Royal Bank of Scotland.

Dass der Verein aber weiterhin in den Abgrund starrt, zeigt sich an den sportlichen Ergebnissen, die wie das riskante Spiel mit den Verbindlichkeiten zu einem existentiellen Problem führen könnten. „Es ist offensichtlich, dass wir Spieler benötigen. Wenn wir Spieler mit großer Qualität dazuholen können, wäre das sehr gut für uns“, sagte Ausnahmestürmer Torres vor Weihnachten, fügte allerdings desillusioniert an: „Aber ich glaube, dass wir uns in einer sehr schwierigen Lage befinden, weil wir wohl nicht das nötige Geld haben, um die besten Spieler zu bekommen.“

Der Zorn der Anhänger richtet sich nicht gegen den Trainer

Liverpool geht schweren Zeiten entgegen. Den Klub drücken hohe Schulden - und die Mannschaft fabriziert auf dem Platz einen Flop nach dem anderen. In der Champions League schied der Sieger von 2005 und Finalist von 2007 dieses Mal schon nach der Gruppenphase aus, was einen hohen finanziellen Schaden bedeutet. In der heimischen Liga hängt die Mannschaft des spanischen Trainers Rafael Benítez ebenfalls hinterher. Am zweiten Weihnachtsfeiertag gab es zur Abwechselung einen wichtigen 2:0-Heimsieg gegen die Wolverhampton Wanderers. Die Tore erzielten Gerrard und Benayoun.

Die Fans müssen sich trotzdem weiterhin Sorgen machen, ob der Klub noch die Chance hat, einen der ersten vier Plätze in der Tabelle zu belegen, die für eine Teilnahme an der europäischen Meisterliga berechtigten. Das wäre bitter nötig, um die Mannschaft zu verstärken und vor allem die Schulden abzutragen. Der Konkurrenzkampf im oberen Tabellendrittel ist nicht zuletzt durch den von Abu Dhabi gesponserten Scheich-Klub Manchester City härter geworden. Manch ein Beobachter sieht die „Reds“ kurz vor einer roten Apokalypse. Der ehemalige Starspieler und Trainer der Liverpooler, Graham Souness, sprach von einer bevorstehenden „Kernschmelze“ und kritisierte Benítez' magere Transferbilanz. Der habe über Jahre mit Millionen einen riesigen Kader aufgebaut, aus dem nur Torres und Gerrard als wahre Anführer hervorträten.

Möglicherweise ziehen die Amerikaner Geld ab

Der Zorn der Anhänger richtet sich jedoch weniger gegen den Trainer. Der wird aufgrund der zurückliegenden Erfolge von den meisten geschätzt, zumal viele wissen, dass Benítez im Vergleich zu den anderen Spitzenklubs der Premier League mit einem engeren finanziellen Spielraum kalkulieren muss. Seine Position scheint auch deshalb gesichert, würde seine Freistellung doch um die 15 oder gar 20 Millionen Pfund kosten, weil er gerade erst einen neuen Fünf-Jahres-Vertrag unterzeichnet hat. Verantwortlich gemacht für das Desaster werden in erster Linie die Klubbesitzer, welche 2007 in Investorenmanier die Kosten der Übernahme dem Klub aufgehalst und bislang nicht wie von den Fans erträumt frisches Geld lockergemacht haben für teure Stars und ein neues Stadion.

Es gibt sogar Hinweise, dass die beiden Amerikaner Geld aus ihrem englischen Fußballinvestment herauszögen, um sich auf anderem Gebiet finanziell zu stabilisieren. So rechnet kaum ein Liverpool-Fan ernsthaft damit, dass ein ansehnlicher Teil jener insgesamt 575 Millionen Dollar beim eigenen Verein landen wird, die Gillett zu Beginn des Monats beim Verkauf seiner Beteiligung an dem Eishockeyklub Montreal Canadiens erlöst hat.

Die emotionale Strahlkraft des Arbeiterclubs muss wiederauferstehen

Die Atmosphäre ist aufgeheizt, immer wieder gibt es Gerüchte über einen Verkauf des FC Liverpool an reiche Gönner aus Kuweit, Dubai und Saudi-Arabien oder wie zuletzt ein Konsortium aus Fernost. Zudem liegen Hicks und Gillett über Kreuz, werden von den Fans nur noch als „Tom and Jerry“ verspottet - in Anlehnung an das streitbare Pärchen aus der Comicwelt. Neue, wohlgeordnete Besitzverhältnisse wären vielen wünschenswert. „Aber es ist nicht gut für den Verkauf, wenn der Klub jede Woche mit einem anderen Interessenten in Verbindung gebracht wird. Zum schlechten Bild kommt, dass sich die beiden Eigentümer nicht mehr verstehen“, sagt der Chef des Sportvermarkters Kentaro, Philipp Grothe.

Er vermittelt selbst Vereinsübernahmen wie in der Vergangenheit bei Manchester City und kennt die Gegebenheiten des Marktes. An einen kapitalen Crash des Klubs glaubt er nicht. „Ich halte den FC Liverpool derzeit für das interessanteste Übernahmeobjekt im internationalen Fußball. Der Klub hat eine beispiellose Erfolgsbilanz und steht ganz besonders für die Tradition des englischen Fußballs. Vor allem verfügt er mit seiner Geschichte als Arbeiterklub über eine hohe emotionale Strahlkraft. Eine solche Marke gibt es nicht noch einmal im Weltfußball.“ Wie interessant die Marke sei, zeige sich am jüngsten Trikotsponsorvertrag. Vom nächsten Jahr an wird die Standard Chartered Bank jede Saison bis 2014 zwanzig Millionen Pfund zahlen. Damit befinden sich die „Reds“ auf einer Stufe mit Manchester United und Real Madrid.

Wirtschaftlich würde der Verein aber trotzdem noch unter Wert geschlagen, sagt Grothe. Ein Problem sei vor allem das alte, zu kleine Stadion mit zu wenigen Logen und Business-Sitzen. Während Arsenal in seiner neuen Arena einen Umsatz pro Spieltag von etwa sechs Millionen Pfund mache, erreiche Liverpool davon nur ein Drittel. Das wahre Potential des Klubs ist wohl noch lange nicht ausgeschöpft. Unter den aktuellen Eigentümerverhältnissen erscheint eine sportliche und finanzielle Neuausrichtung des FC Liverpool allerdings unmöglich.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Fußball
 Bundesliga 
 2. Bundesliga 
  Verein Sp Diff Pkt.  
1.  Logo: Borussia Dortmund
Borussia Dortmund   34  55   81 Gleichheit zur Vorwoche
2.  Logo: Bayern München
Bayern München   34  55   73 Gleichheit zur Vorwoche
3.  Logo: FC Schalke 04
FC Schalke 04   34  30   64 Gleichheit zur Vorwoche
4.  Logo: Bor. Mönchengladbach
Bor. Mönchengladbach   34  25   60 Gleichheit zur Vorwoche
5.  Logo: Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen   34  8   54 Gleichheit zur Vorwoche
6.  Logo: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart   34  17   53 Gleichheit zur Vorwoche
7.  Logo: Hannover 96
Hannover 96   34  -4   48 Gleichheit zur Vorwoche
8.  Logo: VfL Wolfsburg
VfL Wolfsburg   34  -13   44 Gleichheit zur Vorwoche
9.  Logo: Werder Bremen
Werder Bremen   34  -9   42 Gleichheit zur Vorwoche
10.  Logo: 1. FC Nürnberg
1. FC Nürnberg   34  -11   42 Gleichheit zur Vorwoche
11.  Logo: 1899 Hoffenheim
1899 Hoffenheim   34  -6   41 Gleichheit zur Vorwoche
12.  Logo: SC Freiburg
SC Freiburg   34  -16   40 Gleichheit zur Vorwoche
13.  Logo: FSV Mainz 05
FSV Mainz 05   34  -4   39 Gleichheit zur Vorwoche
14.  Logo: FC Augsburg
FC Augsburg   34  -13   38 Verbesserung zur Vorwoche
15.  Logo: Hamburger SV
Hamburger SV   34  -22   36 Verschlechterung zur Vorwoche
16.  Logo: Hertha BSC
Hertha BSC   34  -26   31 Verbesserung zur Vorwoche
17.  Logo: 1. FC Köln
1. FC Köln   34  -36   30 Verschlechterung zur Vorwoche
18.  Logo: 1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern   34  -30   23 Gleichheit zur Vorwoche

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1

Ergebnisse, Tabellen und Statistik