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Ronaldinho Es ist das Ende des Wegs

31.03.2008 ·  Was ist bloß aus dem echten Ronaldinho geworden? Es gibt ihn nur noch virtuell - er kickt bei Youtube. Beim FC Barcelona darf er nicht mehr spielen. Liegt sein Problem tatsächlich im rechten Oberschenkel? Oder höher? Das Drehbuch einer Demontage.

Von Christian Eichler
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Er hat den Fußball verwandelt. Mit Fußfegern, Hüftknicks, Tippkick-Toren. Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes nahm man ihm sogar den digital manipulierten Werbefilm als Wahrheit ab, in dem er den Ball viermal von der Strafraumgrenze an die Latte knallt und ihn jedes Mal wieder aufnimmt und weiterjongliert. Ein solches Naturereignis wie Ronaldinho am Ball hatte man seit Maradona nicht gesehen.

Und heute? Seine Tricks sind tausendfach kopiert und durchschaut. Es war, als hätten die Gegenspieler irgendwann den Ronaldinho-Code geknackt. Er kam nicht mehr vorbei. Seinem Ruhm tat das nichts. Sein Lächeln, seine Bewegungen hatten ihn längst zu etwas gemacht, das in der globalen Bilderflut rar geworden ist: einen festen, unverwechselbaren Teil des visuellen Gedächtnisses. Diesen virtuellen Ronaldinho gibt es immer noch. Bei Youtube, im Video-Spiel, im Kopf. Was aber ist aus dem echten Ronaldinho geworden? Ihn gibt es derzeit nicht mehr als Spieler, nur als Spielball: im großen 24-Stunden-Big-Brother-Container des neurotischen Medienfußballs.

„Stammplatz“ nur im Nachtleben

Gleich vier spanische Sporttageszeitungen versorgen täglich fast fünf Millionen Leser mit jeweils mindestens zwölf Seiten über Real Madrid oder den FC Barcelona. Selten hatten sie dabei solch saftigen Stoff wie im Monat März. Das Drehbuch einer Demontage.

1. März: Der frühere "Weltfußballer", den am Tag vor Heiligabend beim 0:1 gegen Real das eigene Publikum ausbuhte und der den Stammplatz verlor, darf sich wieder einmal zeigen. Gegen Atlético ist er in der Startformation. Er schießt ein Traumtor per Fallrückzieher. Barcelona verliert 2:4.

4. März: Mit Ronaldinho gelingt ein 3:2 bei Celtic Glasgow. Er sagt: "Die letzten Monate waren wirklich hart. Aber das ist vorbei. Jetzt bin ich stärker als je zuvor."

9. März: Barça unterliegt Villarreal 1:2. Ronaldinho trifft in der 90. Minute per Freistoß die Latte. In der folgenden Woche geschieht etwas, das dafür sorgt, dass diese Aktion seine bis heute letzte im Barça-Trikot geblieben ist. Nur: Was genau ist es?

17. März: Ronaldinho ist gegen Almería (2:2) nicht aufgestellt worden. Begründung: Muskelbeschwerden. In den Zeitungen Gerüchte über andere Gründe: sein Nachtleben ("Wenigstens dort hast du einen Stammplatz", so ein Blatt). In der Woche vor der Almería-Partie soll er nach einer Party-Nacht angetrunken zum Training erschienen sein. Am Morgen nach dem Spiel kommt er nüchtern, läuft zweieinhalb Runden, verschwindet nach sechs Minuten.

18. März: Der Klub veröffentlicht ein medizinisches Dossier. Demnach ist die Verletzung, die Ronaldinho beklagt, nicht zu diagnostizieren. Urteil der Klubärzte: Er ist fit. "El Mundo Déportivo" schreibt: "Barça stellt Ronaldinho bloß."

20. März: Im Interview sagt Ronaldinho: "Es gibt offenbar Leute, die furchtbar neidisch auf mich sind und gezielt Gerüchte streuen. Aber niemand kann einen Ronaldinho zerstören." Trotz der angeblichen Verletzung will er im Pokal gegen Valencia spielen. Trotz der Diagnose, er sei unverletzt, stellt ihn der Klub nicht auf.

21. März: Beim Training am Karfreitag feiern Fans den Star an dessen 28. Geburtstag. Das Team, das ohne ihn am Abend im Pokal ausgeschieden ist, wird beschimpft.

22. März: Zeichen eines Zerwürfnisses zwischen Ronaldinho und Trainer Frank Rijkaard, zuvor tapferer Verteidiger seines Stars. Rijkaard, ebenfalls unter Beschuss einiger Medien, sagt süffisant: "Ronaldinho spielt nicht, weil er gesagt hat, dass er Schmerzen im Bein hat." Auf die Frage, ob der Star trainiert und sich angestrengt habe, antwortet er: "Heute ja".

24. März: "Wo war Ronaldinho?", fragt die Zeitung "Sport". Barça hat gewonnen, 4:1 gegen Valladolid. Anders als die verletzten Deco und Marquez saß der Brasilianer nicht mal auf der Tribüne. Kollege Sylvinho springt ihm bei: "Er braucht viel Liebe." Was man auch anders verstehen könnte: als Erklärung für nächtlichen Bewegungsdrang.

25. März: Sein früherer Trainer Luis Fernandez enthüllt in seinen Memoiren das Lotterleben des Brasilianers bei Paris St-Germain. Ronaldinho habe "getan, was er wollte. Im Trainingslager holte er sich Frauen aufs Zimmer." Die Kollegen hätten sich beschwert, "sie hatten Angst, dass ihre Ehefrauen über die Presse Wind von Ronaldinhos Frauengeschichten bekamen. Die hätten sonst denken können, das sei allgemein üblich gewesen."

26. März: Nach einer Klubsitzung schreibt "Marca", Barça habe "die Nase voll" von Ronaldinho. Es sei beschlossen, ihn im Sommer loszuwerden - was Präsident Joan Laporta zurückweist (schon um den Preis nicht zu verderben). Bis zu 90 Millionen Euro wolle Fenerbahce Istanbul für den Brasilianer hinblättern, so zitiert ein Blatt dessen Landsmann Roberto Carlos. Die früher kolportierten Avancen von Topklubs wie Milan oder Chelsea sind wohl passé. Es wagen nun schon zweite bis dritte Adressen wie Fenerbahce oder Tottenham, Interesse an Ronaldinho zu zeigen.

27. März: Sein Bruder und Manager lässt verlauten, dass Ronaldinho Barça viel billiger als für die fixierte Ablöse von 125 Millionen Euro verlassen könne. Laut Fifa-Paragraph 17 könne er sich "freikaufen" - mit einer Summe in Höhe der ihm für den Rest der Vertragszeit (bis 2010) zustehenden Gehälter: 16 Millionen Euro.

29. März: Ronaldinho muss wieder zu Hause bleiben. Er fehlt auch bei Betis Sevilla, im vierten Spiel nacheinander. Begründung: Adduktorenbeschwerden.

Liegt Ronaldinhos Problem tatsächlich im rechten Oberschenkel? Oder höher? Ist das Dilemma vielleicht ein ganz anderes: Ein Burn-Out-Syndrom? Ein Orientierungsverlust? Eine in brasilianischen Genen liegende Unmöglichkeit, das asketische Leben eines europäischen Fußball-Mönchs zu führen? Oder ist es die normale Lebenslust eines jungen Mannes auf dem Gipfel seiner finanziellen wie sexuellen Möglichkeiten? Oder vielleicht nur: eine Formkrise, wie sie jeder mal hat - nur eben bei ihm unter dem Medien-Mikroskop ins Riesenhafte vergrößert? Die Antwort bleibt vage. Doch es scheint, hier gehe etwas kaputt.

"É pau, é pedra, é o fim do caminho", so beginnt das berühmteste brasilianische Lied, "Aguas de Marco", die "Wasser des März" von Antonio Jobim: "Es ist Stock, es ist Stein, es ist das Ende des Wegs". Die "Wasser des März" sind in Brasilien der Abschied vom Sommer. Ist es das auch für Ronaldinho? Es wäre ein Jammer. Dieser Mann hätte noch viele Geschenke zu machen. Vielleicht schon am Dienstag in der Champions League auf Schalke. Vielleicht spielt dort ja doch Ronaldinho. Vielleicht sogar der alte Ronaldinho. Der, der nicht Barça gehört, sondern allen, die Fußball lieben. Es wäre, nach diesem März, ein perfekter Aprilscherz.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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