13.11.2009 · Der öffentliche Tod Robert Enkes zeigte selbst in den Momenten würdevoller Trauer, woran es dem sensiblen Spitzensportler gefehlt haben mag: an einem stärkeren Resonanzraum für persönliche Befindlichkeiten.
Von Roland ZornRobert Enkes Bühne war die Öffentlichkeit. Er war Torwart des Fußball-Bundesligaklubs Hannover 96 und Nationaltorwart dazu. Tausende glaubten, ihn zu kennen, doch kaum jemand kannte ihn wirklich. Wer er eigentlich war, vielleicht war Robert Enke selbst darüber im Zweifel. Der an seinem Arbeitsplatz unter den Gesetzmäßigkeiten des Hochleistungssports immer wieder bestens „funktionierende“ Torhüter war am Ende seines Lebens mit sich allein. Nicht einmal seine Frau, sein Arzt, sein Berater konnten ihm aus seiner Ausweglosigkeit heraushelfen. Enke, der unter schweren Depressionen litt, nahm sich am Dienstagabend das Leben – in der Öffentlichkeit, an einem Bahnübergang, wo er sich vor einen Zug warf. Eine traurige Geschichte, die Millionen Deutsche tief berührt. Warum es so gekommen sei, fragen sich nun alle, die geglaubt haben, mit dem Leben des Torwarts vertraut gewesen zu sein.
Die Tragödie dieses Profis, dessen Vita vollkommen ausgeleuchtet schien, ist auch am Tag nach seinem Freitod vor allem im öffentlichen Raum betrauert worden. Die Pressekonferenz von Hannover 96 mit Enkes Frau Teresa und seinem Psychiater wurde von mehreren Fernsehsendern live unmittelbar übertragen wie die anschließende Pressekonferenz des Deutschen Fußball-Bundes, in der das geplante Länderspiel am Samstag abgesagt wurde. 35.000 Menschen machten sich am Abend in Hannover nach einem Gedenkgottesdienst der Landesbischöfin Käßmann auf den Weg von der Innenstadt zum Stadion, in dem Enke Woche für Woche die Heldenrolle spielen musste.
Und wenn dort am Sonntag die letzte große Trauerfeier für Robert Enke abgehalten wird, werden bestimmt noch einmal so viele Menschen dabei sein wie auch die Kameras und Reporter der direkt übertragenden Fernsehsender. Sie alle werden ihm, wie es Margot Käßmann am Mittwoch getan hat, den klassischen Fußballslogan „you’ll never walk alone“ nachrufen.
Die Anspruchsgesellschaft nimmt keine Rücksicht
Der öffentliche Tod Robert Enkes zeigte selbst in den Momenten würdevoller Trauer, woran es dem sensiblen Spitzensportler gefehlt haben mag: an einem stärkeren Resonanzraum für persönliche Befindlichkeiten. Den Mut, sich zu offenbaren in seiner Not, die vielleicht noch gesteigert wurde durch den Tod seiner zweijährigen Tochter vor drei Jahren, hat Enke nur gegenüber einem winzigen Kreis engster Vertrauter gehabt. Die Angst, dass seine Seelenkrankheit auch im Showbusiness Fußball bekannt würde, hat dem Schlussmann, der sich nie etwas anmerken ließ, jahrelang schwer zu schaffen gemacht. Er ist damit nur ein heraus stechendes Beispiel in einer Leistungs- und Anspruchsgesellschaft, die auf die Schwächen ihrer Mitarbeiter, auch und gerade ihrer besten, wenig Rücksicht nimmt.
An diesen Gesetzmäßigkeiten einer auf Tempo, Effizienz und Belastbarkeit ausgerichteten Arbeitswelt wird sich vermutlich wenig ändern. Es ist ja meistens nicht einmal so, dass ein prominenter Sportler oder ein mittlerer Firmenangestellter an Umständen krank geworden wäre, die mit der jeweiligen Arbeitssituation in Zusammenhang gebracht werden könnten. Depressionen sind keine körperlichen Verletzungen, die mit einem chirurgischen Eingriff zu heilen sind. Ausgangspunkt und Verlauf einer solchen Erkrankung können genetisch bestimmt sein und sind nur für den Patienten und seinen Arzt erkennbar, aber nicht in jedem Fall heilbar.
Im täglichen Kräftemessen erlebnis- und ergebnishungriger Bundesligaprofis wäre schon einiges erreicht, wenn bei depressiven Kollegen die eigenen Versagensängste durch mehr Verständnis des gesunden Nebenmanns abgebaut werden könnten. Doch selbst dann würden in dieser grellen Szene ohne viel Platz für Rücksichtnahme und persönliche Refugien die Leidensfälle der Sportszene medial ausgeschlachtet. Erst in den eigenen vier Wänden schwach und erschöpft sein zu dürfen und dieses Gefühl alsbald wieder verdrängen zu müssen, um aufs Neue etwa der Held im Tor sein zu müssen, dürfte Enke zermürbt haben. Am Ende hat er das Rollenspiel nicht mehr ausgehalten und seinen geplanten Tod in unausweichlicher Konsequenz verwirklicht.
Täglich neue Geschichten zwischen Jubel und Erschrecken
Der Selbstmord des gerade 32 Jahre alten Fußballprofis, der die Menschen auf eine ähnliche Weise schockierte wie wenige Monate zuvor der Tod der Popmusik-Ikone Michael Jackson, liefert keine Folie für wirklich taugliche Verhinderungsstrategien. Er war zuerst und vor allem eine persönliche Tragödie, die bestenfalls das Bewusstsein für rätselhafte Krankheiten wie eine Depression zu schärfen vermochte. Da aber die Vergesslichkeit in einer Gesellschaft groß ist, der auf dem Boulevard täglich neue Geschichten zwischen Jubel und Erschrecken geliefert werden, wandert auch die Trauergesellschaft schon bald weiter.
So ehrenwert der Vorsatz beim Deutschen Fußball-Bund und bei Hannover 96 sein mag, den Tod Robert Enkes sinnvoll „aufzuarbeiten“ und sich dabei offen zu zeigen für noch mehr seelische Betreuung – der gerade im Sport besonders ausgeprägte ergebnisorientierte Leistungsanspruch wird auch labilen, sensiblen Mitspielern in Zukunft weiter abgefordert.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |