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Rio de Janeiro Wiederbelebung einer verlorenen Stadt

Rio de Janeiro will sich nach Jahren der Rückschläge durch die Fußball-WM 2014 und vor allem durch Olympia 2016 neu erfinden - und sieht sich auf einem guten Weg.

© AFP Rio de Janeiro hofft auf einen Imagewechsel und Investitionen durch die WM 2014 und Olympia 2016

Der Weg ins Büro erinnert Leonardo Gryner jeden Tag daran, welche Probleme auf die Olympia-Stadt Rio de Janeiro in den nächsten dreieinhalb Jahren noch zukommen werden. Stoßstange an Stoßstange quälen sich die Autos im Stadtteil Barra voran, Rio und sein täglicher Verkehrsinfarkt reicht bis unmittelbar vor das Eingangstor des Büros des brasilianischen Organisationskomitees. Der OK-Generaldirektor lädt um 7.30 Uhr in aller Frühe zum Kaffee, der Terminplan ist voll. Wer mit einem der wichtigsten Männer hinter den Kulissen der Olympischen Spiele von 2016 sprechen will, muss früh aufstehen.

Doch der Besuch in Rios Schaltzentrale des olympischen Traumes lohnt sich. Die weiße Farbe ist an den Bürowänden nach einer Renovierung gerade erst getrocknet, ansonsten versprüht der Betonbau - rund eine staufreie halbe Autostunde von der Copacabana entfernt - den spröden Charme eines Großraumbüros einer Versicherungsgesellschaft: Bescheidenheit statt Protzerei ist nicht die schlechteste Voraussetzung für eine realistische Planung. Von hier aus lenken OK-Chef Carlos Arthur Nuzman und Gryner jeden Schritt und jede Idee. „Wenn ich einmal Rentner bin, dann will ich meinen Enkeln erzählen, wie toll Rio 2016 war“, sagt der erfahrene Funktionär.

Große Depression statt Aufbruch

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 werden diese Stadt nachhaltig verändern, davon ist Gryner überzeugt. Er selbst ist in Rio geboren, erlebte das Auf und Ab der Stadt mit ihren Berghängen, wunderbaren Stränden, aber auch mit ihren brutalen Drogengangs. Gryner ist ein überzeugter „Carioca“ wie sich die Einwohner Rios nennen. „Diese Stadt war doch fast schon verloren. Als Brasília zur neuen Hauptstadt Brasiliens erkoren wurde, gab es einen Exodus nach São Paulo und Brasilia. Firmen wanderten ab, die Gewalt nahm zu, die Menschen ließen die Köpfe hängen“, sagt Gryner. Es war, als habe eine große Depression wie Mehltau über dieser Stadt gelegen, Stagnation statt Aufbruch.

Vor allem deshalb glaubt Gryner an die olympische Chance: „Jetzt haben wir wieder ein Ziel, auf das alle hinarbeiten. Eine Vision, eine Zukunft.“ Rio will seine einmalige Chance nutzen, sich seinen Platz auf der Weltkarte der wichtigsten Städte zurückzuholen. Wer Gryner zuhört, spürt: Ein halbes Jahrhundert Leidenszeit soll mit der WM und Olympia zu Ende gehen. Gut, Brasília ist die Hauptstadt, São Paulo ist das Wirtschafts- und Finanzzentrum. Aber Rio de Janeiro, darauf wird schon bald die ganze Welt blicken. Endlich.

Noch viel zu tun

Bis es so weit ist, müssen die Menschen die Ärmel hochkrempeln. „Wir liegen im Zeitplan. Sowohl bei den Hotels, als auch bei den Sportstätten“, beteuert Gryner. Als ehemaliger Marketing- und Kommunikationsdirektor der Olympia-Bewerbung ist er es gewohnt, routiniert Problemfelder abzuarbeiten. Er kann Meinungen und Bilder verkaufen, weiß aber, dass es sich nicht lohnt, die Realität zu verleugnen. Behindertengerecht sei Rio überhaupt nicht, gibt er zu. Nicht einmal der Zuckerhut habe bis zuletzt über einen rollstuhltauglichen Aufzug verfügt. „Da ist mit Blick auf die Paralympics noch viel Nachholbedarf.“

Lieber spricht er über Tausende neue Hotelzimmer, die in den vergangenen Monaten dazugekommen seien. Das ist ein heikles Thema, denn das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist wegen der fehlenden Hotelkapazitäten ernsthaft besorgt. Die große Trumpfkarte, die Rio ziehen kann, ist der bislang einmalige zeitliche Ablauf. Erst die WM 2014 und dann Rio 2016. Keine Olympiastadt der Welt hatte das Glück, zwei Jahre vor dem Ernstfall Schauplatz eines Fußball-WM-Finales zu sein. Gryner: „Der große Unterschied zwischen 2014 und 2016 wird sein, dass sich die Touristen dann in einer Stadt und nicht im ganzen Land verteilen. Das ist eine logistische Herausforderung.“

„Wir werden dann eine andere Stadt sein“

Vielleicht ist es genau das, was die Olympia-Macher in Rio so gelassen aussehen lässt: Viele Baustellen müssen schon zwei Jahre vor Olympia fertiggestellt sein. U-Bahn-Stationen, Stadien, Autobahnauffahrten, alles soll möglichst schon 2014 hergerichtet sein. Die Fehler, die vielleicht bei der WM gemacht werden, kann das OK von Rio 2016 in Ruhe analysieren, um es dann besser zu machen. Eine gelungene, störungsfreie WM würde den Ausländern auch die Angst vor der Gewalt in Rio nehmen. „Die Wirtschaftswelt ist immer ein guter Indikator dafür, wie es künftig um ein Land bestellt ist“, sagt Gryner. „Viele Unternehmen sind schon längst nach Brasilien und nach Rio gekommen. Der internationale Flughafen ist wieder vernetzt mit den großen Metropolen dieser Welt. Das war viele Jahre nicht der Fall. Die Manager aus der Wirtschaft haben ein gutes Gespür dafür, wo es sich lohnt zu investieren, und wo es eine interessante Zukunft gibt.“

Der Mann, der Olympia organisieren soll, vertraut auf die Selbstheilungskräfte seiner Heimatstadt. „Sollte ich noch einmal wiedergeboren werden, dann in einem Rio de Janeiro nach 2016.“ Dann, so ist der Olympia-Manager überzeugt, werden all diese Investitionen in Infrastruktur und Bildung ihre volle Wucht entfalten. „Wir werden dann eine andere Stadt sein.“

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Quelle: F.A.Z.

 
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