01.03.2010 · Schon vor dem Test gegen Argentinien hat Joachim Löw den Leverkusener Torhüter René Adler zur Nummer eins im deutschen Tor gekürt. Das ist nach der Entwicklung der vergangenen eineinhalb Jahre zwar nicht ganz überraschend, aber beim Blick auf Adlers bisherige Laufbahn dennoch verblüffend.
Von Michael Horeni, MünchenIn München entscheiden sich deutsche Torhüterkarrieren, das hat nun schon eine gewisse Tradition. Vor vier Jahren bestellte die Nationalmannschaftsführung Oliver Kahn in ein Hotel in der Nähe des Hauptbahnhofs, um ihm die bittere Nachricht zu überbringen, dass er das fast zweijährige unter nationaler Anteilnahme ausgefochtene Duell gegen Jens Lehmann verloren hatte. Nur einen Steinwurf davon entfernt haben Bundestrainer Joachim Löw und Torwarttrainer Andreas Köpke nun, vier Monate vor der Weltmeisterschaft 2010, René Adler in ihr Besprechungszimmer gebeten, um dem Leverkusener mit Leipziger Wurzeln die ersehnte Beförderung zu verkünden.
Der 25 Jahre alte Torhüter von Bayer Leverkusen ist am Montag zur offiziellen Nummer eins im deutschen Tor erklärt worden und wird an diesem Mittwoch in der letzten Testpartie während der Bundesligasaison gegen Argentinien in München eingesetzt. Und wenn ihn keine Verletzung mehr bremst oder ihm keine spektakulären Fehlgriffe in Serie unterlaufen - wie zuletzt beim 2:2 in Bremen -, dann wird René Adler bei der WM in Südafrika die große deutsche Torhütertradition fortsetzen. Das ist nach der Entwicklung der vergangenen eineinhalb Jahre zwar nicht ganz überraschend, aber beim Blick auf Adlers bisherige Laufbahn dennoch verblüffend: Nach nur acht Länderspielen und mit 25 Jahren zur Nummer eins aufzusteigen ist im Land der Torhüter eine einzigartige Erfolgsgeschichte.
Turek, Maier, Schumacher, Illgner, Köpke, Kahn, Lehmann - die Vorgänger von Adler mussten sich zum Teil schier endlose Jahre als Nummer zwei auf der Ersatzbank hochdienen, obwohl sie teilweise längst als Weltklassetorhüter galten und wohl in jedem anderen Land die unbestrittene Nummer eins gewesen wären. In der Politik nennt man das die Ochsentour, und dem Torhüter aus dem Osten ist seine Turbokarriere angesichts dieser deutschen Traditionslinie sehr bewusst. „Ich nehme das als große Herausforderung, um meinen Teil beizutragen, damit wir ein großes Turnier spielen. Ich arbeite daran, dass ich auch mal ein großer Name werde“, sagte Adler.
Tatsächlich haben dem Bayer-Torhüter zwei Länderspiele gereicht, um die Nachfolge von Lehmann anzutreten: die beiden Qualifikationsbegegnungen gegen Russland. Adler durfte sie nur bestreiten, weil Robert Enke sich vor dem Hinspiel verletzt hatte und sich vor dem Rückspiel wegen Depressionsschüben, die sich in einer diagnostizierten Magen-Darm-Erkrankung spiegelten, von der Nationalmannschaft zurückzog. Wenige Wochen später beging Enke Selbstmord.
Neuer die unglückliche Nummer zwei
Adler hat sich nach einem Aufstieg mit tragischen Begleiterscheinungen nun vorgenommen, in der Bundesliga „seine Leistung abzurufen“ und sich „mental“ auf die Rolle als deutsche Nummer eins „einzustellen“, wie er in München erklärte. „Er hat alles in seinen Händen“, sagte Torwarttrainer Köpke mit Blick auf eine Karriere, die für deutsche Torhüterverhältnisse äußerst lange in der Nationalmannschaft andauern könnte.
Bevor Adler die gute Nachricht empfangen durfte, hatten die Trainer seinen Konkurrenten Manuel Neuer beiseite genommen und dem U-21-Europameister die Entscheidung erklärt, die ihn für eine vorerst unbestimmte, aber vermutlich lange Zeit zur unglücklichen deutschen Nummer zwei machen könnte. Dass Neuer, der 23 Jahre alte Schalker Schlussmann, von der Nachricht nicht begeistert war, aber dennoch professionell reagierte, konnten die Trainer erleben.
Verteidiger Philipp Lahm, dem bei der Pressekonferenz die Aufgabe zukam, als erster Nationalspieler die Torhüterentscheidung zu kommentieren, obwohl er noch gar nicht informiert war („Ich habs gar nicht mitbekommen“), reagierte betont zurückhaltend, ja gleichgültig. Er erwähnte Adler nicht mit Namen, lobte ihn mit keinem Wort und sagte nur: „Wichtig ist, dass der Torhüter, der im Tor steht, seine Leistung bringt.“
Wiese nicht von den Trainern informiert
Wie Torhüter Tim Wiese, wegen eines Muskelfaserrisses abwesend, die Information aufnahm, weiß die Nationalmannschaftsführung jedoch nicht. Sie haben ihre Entscheidung dem Bremer, der sich im Torwartmehrkampf latent zurückgesetzt fühlt, gar nicht erst persönlich mitgeteilt. Das ist bemerkenswert, weil Köpke ausdrücklich betonte, wie wichtig es der Führung gewesen sei, die Angelegenheit erst mit den Spielern zu besprechen, bevor sie die Entscheidung öffentlich verkündeten.
Deswegen hätten sie auch entschieden, bis zum Länderspiel in München mit der Bekanntgabe zu warten. Köpke behauptete, die Rangfolge nach Adler sei aber mit Blick auf die WM noch nicht festgelegt. „Wir haben absolutes Vertrauen in die drei Torhüter“, sagte der Torwarttrainer. Es gäbe keine Nummer zwei und keine Nummer drei hinter Adler. Der impulsive Wiese, der von seinem Torwartspiel, aber weniger von seinem Auftreten zum Nationalspielertypus der Ära Löw passt, dürfte das nach dem Schweigen aus München nach der Entscheidung wohl ein bisschen anders sehen.