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Real-Trainer Mourinho Demontage eines Denkmals

 ·  Will José Mourinho bei Real Madrid seinen Rauswurf provozieren? Mit seiner Mannschaft und Teilen der Fans hat es sich der Trainerstar jedenfalls nach Kräften verdorben, nachdem er Nationalkeeper und Volksheld Iker Casillas zweimal auf der Bank Platz nehmen ließ.

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© AFP Vergrößern Ein spezieller Fall: Mourinho hat sich bei den „Königlichen“ selbst isoliert

Die letzten Strahlen der Wintersonne kriechen ins Bernabéu-Stadion, als der Sprecher den Ersatztorwart der Hausherren ankündigt: „Ikeeeer Casillas!“ Beifall bricht los wie bei keinem anderen Spieler von Real Madrid. Die Fans unterstützen den Mann, der gerade zum fünften Mal in Folge zum weltbesten Torwart gewählt wurde und den sein Coach offenbar mutwillig zum zweiten Mal auf der Ersatzbank Platz nehmen lässt - zum ersten Mal vor heimischem Publikum.

Kurz darauf nennt der Stadionsprecher den Namen von José Mourinho, und ein gellendes Pfeifkonzert ertönt. Die Leute haben die Geduld verloren mit den Allüren des Portugiesen. Viele vermuten, „the special one“ wolle durch konstante Tabubrüche seinen Rauswurf erzwingen und zwanzig Millionen Euro Entschädigung mitnehmen. Keiner jedenfalls weiß, warum der Welt- und Europameister, den sie wegen seiner unglaublichen Paraden den „heiligen Iker“ nennen, im Zenit seiner Laufbahn auf die Bank muss. Keiner wüsste zu sagen, ob es Mourinho bei seinen kapriziösen Entscheidungen um irgendein erkennbares Ziel geht außer dem einen, seine Macht zu demonstrieren. Eine Real-Vertreterin im Pressebereich sagt diplomatisch, der Mann habe wenigstens „ein Paar Eier“, das könne man nicht von jedem behaupten. Stimmt. Aber wenn er der weltbeste Trainer sein will, braucht er auch etwas zwischen den Ohren.

Das ist der Hauptvorwurf, den man Mourinho machen muss: Nach und nach hat er mit einem Spieler nach dem anderen seine Gefechte ausgetragen, und die Beziehung zwischen Coach und Mannschaft ist dabei vor die Hunde gegangen. Vor allem mit den „Spaniern“, die nicht kuschen wollen, also Sergio Ramos und Iker Casillas. Dann aber auch mit Stürmer Gonzalo Higuaín, dem Edelreservisten Ricardo Carvalho, Kaká und im Herbst mit Mesut Özil. Zurzeit ist der portugiesische Verteidiger Fabio Coentrão in Ungnade gefallen, ein Mann, der auf Mourinhos Geheiß verpflichtet wurde und mit dem der Trainer den Agenten teilt. All das lenkt natürlich ab, und dem Team sieht man es an. Kaum noch etwas erinnert an die kompakte, siegeshungrige Mannschaft, die im vergangenen Frühjahr sogar die Fußballästheten aus Barcelona überflügelte. Die sechzehn Punkte Abstand zwischen Tabellenführer Barça und dem Drittplazierten Real Madrid dürfen als definitiv gelten.

Rot für den Casillas-Ersatz

Und dann wird es im Ligaspiel gegen Real Sociedad vor 57.000 Zuschauern richtig verrückt. Nach kaum zwei Spielminuten hat der wunderbare Benzema auf klugen Pass von Sami Khedira das 1:0 besorgt. Kaum drei Minuten später unterläuft dem Casillas-Ersatz Adán ein miserables Zuspiel, und die Gefahr kann er nur durch Foulspiel bereinigen - Elfmeter und Rote Karte. Während Mourinhos neuer Tormann geknickt vom Feld trottet, schnürt Casillas sich an der Außenlinie hastig die Schuhe und streift die Handschuhe über. Mourinho gibt ihm irgendwelche Anweisungen, doch der Tormann ignoriert seinen Coach. Hätte er jetzt noch den Elfmeter gehalten, wäre ihm gleich nach der Partie ein Marmordenkmal gemeißelt worden, aber so weit kommt es nicht. Der Elfer bringt das 1:1 durch Xabi Prieto. In den folgenden Minuten wirkt Casillas wie ein aufgescheuchtes Huhn. Und Real rudert mit Gegenwind: zehn Mann gegen elf.

Doch etwas ist noch übrig von der ehemaligen Größe, eine Ursubstanz, die wohl kein Trainer der Welt vernichten kann: Mut und Selbstbehauptungswillen. Und so sieht man, wie die krisengebeutelte Mannschaft in Unterzahl den Gegner langsam niederringt. Sami Khedira gelingt ein erstaunliches Tor mit der Hacke (35. Minute), und hätte er einen kühleren Kopf bewahrt und nach Benzemas Pfostenschuss kurz vor der Pause den Abpraller verwandelt, wäre auch er denkmalreif gewesen. So aber bleibt es nach Xabi Prietos zweitem Tor (40.) beim 2:2 zur Halbzeit. Die eigentliche Heldentat folgt dann. Bei schwindenden Kräften macht Real Druck, und die Basken danken ab, als stünde ein Sieg nicht im Tagesplan. Özil übernimmt die Regie, selbst der halb ausgemusterte Ersatzverteidiger Carvalho läuft zu großer Form auf. Und endlich trifft Cristiano Ronaldo, der bis dahin alles verschossen hat: 3:2 in der 68. Minute nach feinem Zuspiel von Benzema, 4:2 gleich darauf, weil Torhüter Bravo den flatternden Freistoß von „CR7“ viel zu spät erkennt. Das Anschlusstor, abermals durch Xabi Prieto (76.), ändert nichts mehr.

Vieles spricht für eine Trennung

Natürlich ist für Real kaum etwas gewonnen, denn der FC Barcelona eilt mit Leichtigkeit von Sieg zu Sieg: 4:0 gegen den Lokalrivalen Espanyol - siebzehn Siege aus achtzehn Spielen. Derweil lässt sich José Mourinho immer wieder neue Sprüche einfallen, um die Presse zu unterhalten. „Es gibt Leute“, sagte er nach der Partie, „die spenden einem Spieler Beifall unabhängig von seiner Leistung. Ich mag so etwas nicht. Wenn meine Leistung in dieser Saison negativ ist, finde ich es absolut normal, dass die Leute mich auspfeifen. Wenn sie mich also auspfeifen, weil ich Iker Casillas auf die Bank setze, in Ordnung, normal, gut.“ Nur dass inzwischen gar nichts mehr normal ist im Verhältnis zwischen dem Startrainer und seinen Männern. Wenig spricht dafür, dass Mourinho als Reals Coach den Sommer erreicht, noch weniger, dass er ihn als Reals Coach überdauern könnte.

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