José Mourinho, Trainer des spanischen Rekordmeisters Real Madrid, hat seit seiner Ankunft vor gut zwei Jahren viel erreicht. Zwei Spielzeiten haben genügt, um die Hegemonie der weltweit besten Mannschaft der vergangenen vier Jahre, des FC Barcelona, mehr als anzukratzen - mit dem Gewinn der Copa del Rey, einem kleinen Titel, der gegen den Erzrivalen aus Katalonien aber besonders süß schmeckte, sowie dem Meistertitel im vergangenen Mai mit der Rekordzahl von hundert Punkten.
Kurz darauf verabschiedete sich der Architekt des Barça-Stils, „Pep“ Guardiola, in den Erholungsurlaub nach New York, als hätte Mourinhos Hochtempofußball ihn zermürbt, und ließ die Katalanen in der Hand seines Assistenten Tito Vilanova zurück. Und gleich in den beiden ersten „clásicos“ der neuen Saison, Ende August, holte Real gegen Barça in Hin- und Rückspiel auch noch den spanischen Supercup.
Kaum drei Wochen später ist die Mourinho-Elf nicht wiederzuerkennen. Nach vier Spieltagen hat sie schon zwei Niederlagen eingefahren, so viel wie in der gesamten vergangenen Saison, und in der Hauptstadt ist Katerstimmung eingezogen. Nicht nur, dass Barcelona mit blütenreiner Weste schon auf acht Punkte Vorsprung davongezogen ist; Fans und Vereinsführung starren fassungslos auf das konfuse Gekicke von Männern, denen offenbar auf die simpelsten Fragen des Fußballs keine Antwort mehr einfällt.
Zum Beispiel weiß die mit Nationalspielern gespickte Mourinho-Truppe nicht, wie man den eigenen Strafraum bei Standardsituationen verteidigt. Zum dritten Mal im vierten Ligaspiel fiel bei der 0:1-Niederlage beim FC Sevilla ein Gegentor nach ruhendem Ball. Diesmal dauerte es kaum vierzig Sekunden, da stürmte der ehemalige Hamburger Piotr Trochowski aus dem Rückraum heran und verwandelte den von rechts hereinsegelnden Eckball mit einem sehenswerten Volleykracher.
Wo war sein Gegenspieler Di María? Und warum bekommen diese hochbezahlten Profis es nicht hin, sich vor einem der weltbesten Torleute, Iker Casillas, besser zu sortieren? „Zurzeit habe ich keine Mannschaft“, urteilte Mourinho über die blamable Vorstellung seiner Leute, bei der fast alle unter Niveau spielten - Cristiano Ronaldo, Karim Benzema, Xabi Alonso, Mesut Özil. Der Deutsche und Di María wurden zur Halbzeit herausgenommen, aber das wollte Mourinho nicht als Fingerzeig verstanden wissen. Am liebsten, so der Trainer, hätte er ein halbes Dutzend Spieler ausgetauscht.
Alarmierender Mangel an Arbeitseinstellung
Es ist nicht das erste Mal, dass der Portugiese seine Stars öffentlich herunterputzt, und man darf sich fragen, ob der psychologische Holzhammer unmittelbar vor der Champions-League-Premiere gegen Manchester City an diesem Dienstag die richtige Methode ist. Er sehe einen alarmierenden Mangel an Arbeitseinstellung, sagte Mourinho, seine Leute seien nicht bei der Sache, und dagegen müsse er kämpfen. Das Problem liegt aber auch beim Trainer. Zur mysteriösen „Traurigkeit“ seines Landsmanns Cristiano Ronaldo, die den Verein in den vergangenen zwei Wochen in Atem gehalten hat, mochte er sich mit keiner Silbe äußern. Dabei wäre genau das von ihm gefordert gewesen: Mourinho ist nicht nur Coach, sondern auch „Manager“ und vereint damit die größte Machtfülle, die je ein Real-Trainer genossen hat. Mehr als Motivation scheint seinen Männern in diesen Tagen das Abc des modernen Fußballs zu fehlen.
In Medienberichten ist von der Unzufriedenheit einiger Spieler die Rede, die in Mourinhos Trainingseinheiten taktische Varianten vermissen. Auch die Blockbildung sorgt für Verdruss. Hier die mehrheitlich portugiesische Fraktion mit Cristiano Ronaldo, Pepe, Coentrão, Di María, die ihre Interessen, wie Mourinho selbst, von dem mächtigen portugiesischen Spielervermittler Jorge Mendes vertreten lässt. Auf der anderen Seite die „Spanier“ mit Casillas, Sergio Ramos, Arbeloa, Xabi Alonso, die gegenüber dem selbstherrlichen Coach zu Widerworten neigen. Und dazwischen die beiden Deutschen: Sami Khedira, der solide seine Arbeit tut, und der allseits verehrte Mesut Özil, der es einfach nicht schafft, die Ärmel hochzukrempeln und ein Spiel an sich zu reißen. Als in der zweiten Halbzeit gegen Sevilla der Özil-Ersatz Luka Modric aufs Feld kam, wurde das Spiel gleich flüssiger, und fast wäre dem Kroaten sogar ein Treffer gelungen: Sein feiner Weitschuss, von Sevillas Keeper Palop mit den Fingerspitzen noch touchiert, klatschte gegen den linken Pfosten. An diesem Dienstag trifft er in der Champions League mit seiner neuen Mannschaft auf Manchester City (20.45 Uhr / Live im FAZ.NET-Ticker) - und hofft darauf, sich beweisen zu dürfen.
Vilanova als würdiger Nachfolger Guardiolas
Während beim Konkurrenten der große Krisenzauber läuft, hat sich Barcelonas neuer Trainer Tito Vilanova auf leisen Sohlen als würdiger Nachfolger Guardiolas erwiesen. Vier Spiele, 12 Punkte, das sind Zahlen einer ziemlich hungrigen Mannschaft. Beim ungefährdeten 4:1-Sieg in Getafe wagte es Vilanova sogar, seinen Superstar Lionel Messi in der ersten Stunde auf der Bank zu lassen. Solche Kreativpausen schätzt der argentinische Dribbelkönig eigentlich gar nicht. Aber dann durfte er doch noch mitkicken, machte zwei Tore und lächelte wieder.