15.06.2009 · Real-Präsident Florentino Pérez ist ein guter Geschäftsmann. Sein Motto: „Die teuersten Spieler sind die rentabelsten.“ Deswegen wird er auch Ronaldo nach Madrid holen. Ob Pérez vom Fußball etwas versteht, muss sich noch zeigen.
Von Paul Ingendaay, MadridFlorentino Pérez, zweiundsechzig Jahre alt, ist ein nüchterner Mann. Der Präsident von Real Madrid spricht leise, und er hat nichts von der spanischen Unsitte, sich bei Erfolgen in die Brust zu werfen, als wollte er in der nächsten Sekunde abheben. Nein, der Unternehmer mit dem korrekten Scheitel und der unaufregenden Brille bleibt immer auf dem Boden. Auch jetzt, da er innerhalb von zehn Tagen seit seinem zweiten Amtsantritt rund zweihundert Millionen Euro für drei Superstars des europäischen Fußballs ausgibt: für den Brasilianer Kaká (Weltfußballer 2007), den spanischen Nationalstürmer David Villa und wohl auch für den Portugiesen Cristiano Ronaldo, den Weltfußballer des Jahres 2008.
Es ist gut, sich von den Zahlen erst einmal schwindelig machen zu lassen, um zu wissen, wovon die Rede ist. Akzeptiert der vierundzwanzigjährige Ronaldo das Angebot von Real Madrid - neun Millionen Euro Nettojahresverdienst plus fünfzig Prozent Anteil an seinen Bildrechten bei einer Vertragslaufzeit von fünf Jahren mit Option auf ein weiteres -, wird der spanische Rekordmeister die vier teuersten Spieler der Welt verpflichtet haben. Ganz vorn Cristiano Ronaldo (94 Millionen Euro Ablöse), gefolgt von Zinédine Zidane (71,6 Millionen), Kaká (65 Millionen) und Luis Figo (61,4 Millionen). Alle diese Transfers stammen aus dem dritten Jahrtausend und wurden von Pérez persönlich unterschrieben, auch wenn der König Midas des spanischen Fußballs im Fall des Ronaldo-Transfers die Früchte erntet, die sein unglücklicher Vorvorgänger Ramón Calderón vor einem Jahr säte. Die Klagen von verschiedenen Seiten, solche exorbitanten Summen machten den Markt kaputt, ruinierten die Wettbewerbsfähigkeit anderer Klubs oder seien in Zeiten der Krise schlichtweg obszön, kontert Pérez mit dem Satz, der schon seine Amtszeit von 2000 bis 2006 gekennzeichnet hat: „Die teuersten Spieler sind am Ende die rentabelsten.“
Stars von planetarischer Dimension amortisieren sich
Stimmt das? Muss man das Geld mit vollen Händen hinauswerfen, um es zu erzeugen? Betrachtet man nur die Geschäftstätigkeit dieses weltberühmten Sportunternehmens, wird man Pérez kaum widersprechen können. Mit der Verpflichtung von Figo, Zidane, Ronaldo und Beckham in vier aufeinanderfolgenden Jahren hat sich die Marke Real Madrid jeweils neu definiert und den Werbepartnern frische Anreize gegeben, die sich ihrerseits in besser dotierten Werbeverträgen, mehr Sponsoren und höherem Medieninteresse niederschlugen. Für Merchandising-Produkte und Sommertourneen nahm der Klub viele Millionen ein. Stars von planetarischer Dimension, so die Devise, amortisieren sich über kurz oder lang. Pérez spricht davon, in seiner früheren Amtszeit hätten sich die kombinierten Einkünfte von rund hundert auf dreihundert Millionen Euro erhöht.
Solche Steigerungsmarken sind dem Chef der ACS-Gruppe, dem mächtigsten spanischen Player im Bausektor mit weltweit mehr als 140.000 Mitarbeitern, durchaus nicht fremd. Als er im Mai, kurz vor seiner Wiederwahl als Real-Präsident, den Jahresbericht seiner Firma vorstellte, konnte er spektakuläre Ergebnisse präsentieren. Obwohl das Unternehmen nicht von der Krise verschont bleiben dürfte, hat sich sein Reingewinn von 24 Millionen Euro im Jahr 1996 auf mehr als 1,8 Milliarden Ende 2008 gesteigert. Das entspricht einem jährlichen Wachstum von durchschnittlich 43 Prozent. Man wird Florentino Pérez nur gerecht, wenn man sich als seine größte Leidenschaft die systematische Geldvermehrung vorstellt.
Ronaldo: Popstar, Muskelmann und Mädchenschwarm
Doch während er seine Auszeit genommen und sich nur um seine Geschäfte gekümmert hat, von 2006 bis 2009, hat sich das Tempo verschärft. Schon wenige Minuten nach der Ankündigung von Manchester United, Cristiano Ronaldo gegen Zahlung von achtzig Millionen Pfund freizugeben, summte das Netz von den rund um den Erdball produzierten Nachrichten. Nicht ein Fußballer wechselt von Manchester nach Madrid, sondern ein Popstar, Modeschöpfer, Muskelmann sowie Mädchenschwarm, bei dem in dieser Woche auch Paris Hilton schwach wurde.
Eine solche Inkarnation für das Zeitalter der pausenlosen medialen Verfügbarkeit gab es noch nie: Glamour-Boy, Sexsymbol und Superathlet in einem. Selbst ein David Beckham kann da nicht mithalten. Allein der pikante Umstand, dass „CR 7“ das Logo seiner Firma ändern muss, weil er bei Real nicht die Rückennummer 7 tragen darf - sie gehört Mannschaftskapitän Raúl -, generierte unzählige Kommentare in der Sport- und Gesellschaftspresse. Ob der pfeilschnelle Stürmer jetzt als „CR 9“ oder „CR 10“ auf die Erde herabsteigt, steht noch dahin. Das Sportblatt „Marca“ beeilte sich jedenfalls zu versichern, Ronaldo sei auch ein vorbildlicher Teamspieler. Damit es ja niemand vergisst.
Keine konkrete Spielphilosophie, sondern nebulöse Begriffe
Damit sind wir beim sportlichen Sinn dieses Transfers. Niemand weiß heute, ob der chilenische Trainer Manuel Pellegrini den neuen Real-Kader in den Griff bekommen wird. Einerseits ist der Erfolgsdruck enorm. Andererseits ist unvorhersehbar, wie die Männer, die durch Tore und Siege für die richtigen Ergebnisse sorgen sollen, mit dem Mangel an Spielsystem umgehen werden. Raúl, früher der Garant für Kontinuität, müsste allmählich Platz machen - aber wird er es freiwillig tun?
Anders als beim FC Barcelona hat sich der Kodex von Real Madrid nie in einer konkreten Spielphilosophie, sondern in nebulösen Begriffen wie „Größe“, „Siegeswillen“ und „Vornehmheit“ ausgedrückt. Inzwischen weiß kein Mensch mehr, was das auf dem Platz bedeuten könnte. Und der oberste Architekt dieser Richtungslosigkeit hieß Florentino Pérez, der nur alle zwölf Monate neue Megastars heranschaffte.
Übungsleiter ohne Schnurrbart
Deshalb haben seine ersten sechs Jahre nicht nur ein graues, sondern ein dunkelgraues Ergebnis gebracht. Was es an Titeln gab, wurde in den ersten drei Jahren gewonnen. Danach herrschte Dürre. Pérez traf etwa die hochmütige Entscheidung, einen defensiven Mittelfeldspieler namens Claude Makelele zum FC Chelsea abwandern zu lassen; seit Zidanes Wasserträger fehlte, kam Real Madrid nie wieder auch nur in die Nähe eines Champions-League-Titels.
Auch die Wahnsinnsidee, den erfolgreichen Trainer Vicente del Bosque zu feuern, um dem Klub einen „modernen“, zumindest schnurrbartlosen Übungsleiter zu verschaffen, erwies sich als Desaster. Es folgten drei Jahre ohne eine einzige Trophäe - Reals absoluter Minusrekord.
Schon neun „Weltfußballer des Jahres“ im Team
Der Verdacht ist also nicht ganz unbegründet, Florentino Pérez verstehe vom Fußball deutlich weniger als von Bilanzen. Dass mit Cristiano Ronaldo schon insgesamt neun „Weltfußballer des Jahres“ bei Real Madrid gespielt haben, ist gegenstandslos, solange sie diese Ehrung nicht in Madrid und für diesen Verein erringen. Doch Michael Owen, Cannavaro und leider auch Zidane befanden sich in ihren Real-Tagen längst auf dem absteigenden Ast.
Bleibt die Frage, ob sich das schwindelerregende Tempo, das der Präsident mit seinen Großeinkäufen vorgelegt hat, auf dem Platz überhaupt in Qualität umsetzen lässt. Kaká, Villa, Cristiano Ronaldo, das klingt durchaus verheißungsvoll. Aber eine Mannschaft besteht aus mehr als zwanzig Leuten. Wer es nicht glaubt, sehe sich das Gladiatoren-Video an, mit dem Barça-Trainer Pep Guardiola seine Mannen zum Champions-League-Triumph von Rom peitschte. Einer unter ihnen, Leo Messi, dürfte der nächste „Weltfußballer des Jahres“ sein.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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