28.11.2005 · Real Madrid spielt unansehnlich und erfolglos, doch Trainer Luxemburgos Selbstvertrauen ist ungebrochen. Am Sonntag rettete Zidane ihm den Posten. Ballack sollte sich gut überlegen, ob er zu diesem Klub wechseln will.
Von Paul Ingendaay, MadridDaß er umfällt oder schlappmacht, darauf sollte man nicht warten. Auch nicht darauf, daß er von selbst geht. Vanderlei Luxemburgo, der brasilianische Trainer des spanischen Rekordmeisters Real Madrid, beeindruckt die Beobachter in diesen schwierigen Tagen mit unerschütterlichem Behauptungswillen.
Selbst die erforderlichen Demutsadressen in Richtung Präsidium ("Wenn ich gehen muß, dann gehe ich") verschleiern nicht, daß Luxemburgos Selbstvertrauen trotz der scheppernden 0:3-Heimniederlage gegen den FC Barcelona und lauen Champions-League-Auftritten ungebrochen ist. Wenn man nur wüßte, warum.
„Luxa“ hält es für ein Mißverständnis
Am Mittwoch abend, nach der Auswechslung von David Beckham in der Champions-League-Partie gegen den französischen Meister Olympique Lyon (1:1), entlud sich der Zorn der Madrider Fans in "Raus"-Rufen und zahllosen weißen Taschentüchern, dem untrüglichen Zeichen, daß die Geduld zu Ende ist. "Luxa", wie ihn seine brasilianischen Spieler nennen, hielt das Ganze für ein Mißverständnis. Beckham sei nicht aus taktischen Gründen ausgewechselt worden, sondern habe Rückenschmerzen gehabt. "Das nächste Mal", so Luxemburgo trotzig, "lasse ich ihn auf dem Platz verrecken."
Es sind solche Sätze, die den Eisengehalt des 1952 geborenen, aus einfachen Verhältnissen stammenden Brasilianers anzeigen. Was er bekam, hat er sich erkämpft, und es spricht Bände, daß seine Laufbahn als (mittelmäßiger) Spieler und (erfolgreicher) Trainer einige schwer vereinbare Auffälligkeiten aufweist. Einmal die Neigung, um eines Vorteils willen die Norm zu brechen - sei es, daß Luxemburgo sein Geburtsdatum fälschte, um länger in der Jugendklasse spielen zu können, sei es, daß er es zu salopp mit der Steuererklärung nahm und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde.
Eine graue, unansehnlich kickende Elf
Andererseits haben ihm seine charismatischen Fähigkeiten die Loyalität vieler Spieler eingetragen, obwohl er es bei keinem Verein länger als 22 Monate ausgehalten hat. Fünf brasilianische Meistertitel sind keine Kleinigkeit. Auch die Stars von Real Madrid stellen sich in der Öffentlichkeit hinter ihren umstrittenen, als arrogant geltenden Coach. Was wenig verwundert, denn fast die halbe Stammelf sowie die Hilfstruppe einschließlich Ernährungsexpertin besteht aus Brasilianern.
Das Ausmaß der Krise beim berühmtesten Klub der Welt scheinen aber weder Luxemburgo noch der Präsident Florentino Perez begriffen zu haben. Real Madrid ist eine graue, unansehnlich kickende Elf geworden, die ihr Bestes - Angriffsspiel als ästhetische und riskante Darbietung - schon vor gut zwei Jahren verloren hat. Nicht eine Serie von drei schwachen Partien, sondern der Charakterverlust empört das Publikum.
Dem Popstar-Prinzip verpflichtet
Seit dem Rauswurf des bodenständigen Trainers Vicente del Bosque, der bis zum Sommer 2003 zweimal die Champions-League-Trophäe und zwei Meisterschaften nach Madrid geholt hatte, taumelt die Mannschaft nun schon in der dritten Saison hintereinander und mit dem vierten Trainer ohne Konzept durch den Spielplan. Zur Zeit jedenfalls ist nicht zu erkennen, wie dem glänzend aufgelegten Erzrivalen aus Barcelona die Vorherrschaft streitig gemacht werden könnte.
Das Elend hat einen äußeren Grund und einen inneren. Außen wirbelt ein Präsident, der dem Popstar-Prinzip verpflichtet ist und nichts dabei findet, um einiger hunderttausend verkaufter Beckham-Trikots willen die Madrider Spielkultur zu opfern. Innen werkelt ein Trainer mit immer neuen Spielern an einem System herum, das wie von vorgestern wirkt. Daß dabei gravierende Fehler begangen wurden, weckt inzwischen den Eindruck von fehlendem Weitblick und unausrottbarer Amateurhaftigkeit.
Rosige Aussichten für Michael Ballack
Im Sommer 2004 rieb sich Florentino Perez die Hände, weil er dem FC Barcelona den vielumworbenen David Beckham weggeschnappt hatte. Als Ersatz verpflichtete Barca den Brasilianer Ronaldinho, und die Folgen lassen sich achtzehn Monate später begutachten: Real Madrid hat einen schönen, die Katalanen haben einen großen Spieler in ihren Reihen, der sich am Montag den "Goldenen Fußball" als bester Akteur Europas abholt.
Daß die Einkaufspolitik des Präsidenten längst einem hektischen Grapschen an den Wühltischen des internationalen Transfermarktes gleicht, wird für die neuen Leute zum Schicksal. Planloses Kommen und Gehen ist die Regel. Der argentinische Vorstopper Samuel, eingekauft für 25 Millionen Euro, verließ den Klub wieder nach einer einzigen, unrühmlichen Saison. Der englische Vorstopper Jonathan Woodgate (22 Millionen Euro) ist seit anderthalb Jahren dauerverletzt und hat es noch nicht einmal auf fünf komplette Ligaspiele gebracht. Und das Madrider Eigengewächs Fernando Morientes, der Mann, der mit dem AS Monaco Torschützenkönig der Champions League wurde, nachdem er seine alten Kameraden aus dem Wettbewerb geschossen hatte, er kam nur für sechs Monate nach Madrid zurück, drohte auf der Ersatzbank zu versauern und zog enttäuscht weiter nach Liverpool. Rosige Aussichten für Michael Ballack.
Am Sonntag hat Spielmacher Zinedine Zidane Wanderlei Luxemburgo den Job gerettet. Der französische Nationalspieler traf kurz vor dem Abpfiff zum 2:2 bei Real Sociedad San Sebastian und bewahrte den kriselnden Renommierklub damit vor einer abermaligen Niederlage. Die viel wichtigere Frage ist aber, wann der Präsident aufwacht und die Einsicht gewinnt, daß diese Mannschaft einen Neuanfang verdient hat.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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