29.08.2005 · Mit unverminderter Verschwendungssucht pflegt Real Madrid das Bild des exklusivsten Fußballklubs. Spätestens mit dem Medienstar Beckham ist der Verein zum unanfechtbaren Markennamen geworden.
Von Paul Ingendaay, MadridWie beim spanischen Königshaus gibt es bei Real Madrid Dinge, über die man schreibt, und andere, die besser unveröffentlicht bleiben. Wenn es bei den Madrider Sportkolumnisten heißt, daß Ronaldo gern feiert, weiß jeder, was gemeint ist. Hier geht die Post ab.
Ronaldo, der Wunderstürmer, hat zu Hause eine eigene Diskothek, von der man sich Wahnsinnsgeschichten erzählt. Vor dem Haus des Brasilianers im Madrider Villenviertel La Moraleja stehen sich die Paparazzi die Beine in den Bauch. Vor allem zu der Zeit, als Ronaldo ständig in Bars gesehen wurde und sich mit acht bis zehn Kilo Übergewicht über den Rasen des Bernabeu-Stadions schleppte. Auf den Plätzen des Gegners lachten sie schon über den Dicken, der es sich im Leben so gutgehen ließ. Wenn er dann sein Törchen machte, sagten die Leute: Ein Teufelskerl, dieser Ronaldo.
Die Besten der Welt gehören nach Madrid
Das ist die Mentalität der Fans von Real Madrid, die am Sonntag einen 2:1-Auftaktsieg in Cadiz bejubelten. Wer für den berühmtesten Fußballklub der Welt seine Genialität entfaltet, darf machen, was er will. Als damals Netzer, Breitner, Stielike, Schuster kamen, war das keine Sensation, sondern völlig natürlich. Die Besten der Welt gehören nach Madrid. So einfach ist das, so einfach wird es bleiben. Noch immer sind es die legendären Erfolge von Di Stefano, Puskas und Gento in den fünfziger Jahren, auf denen der Weltruf von Real Madrid beruht.
Und noch immer ist es der große Präsident Santiago Bernabeu, der in den Köpfen der Fans lebt: zwölf Jahre lang als Spieler, fünfunddreißig Jahre lang als Präsident. Als Bernabeu 1978 starb, dauerte es geschlagene zwanzig Jahre, bis die europäische Trophäe wieder nach Madrid kam. Wenige wissen, daß vor einem halben Jahrhundert der Verhaltenskodex der Madrider Spieler geprägt wurde: Bernabeu forderte Bescheidenheit, Vornehmheit, Großmut gegenüber den Unterlegenen, was bekanntlich immer die anderen waren - und ein Jackett mit Krawatte.
Kunst, Kampf und Schlitzohrigkeit
Die beiden größten Madrider Spieler der letzten zwanzig Jahre verkörpern diese Tugenden in idealtypischer Weise: Butragueno und Raul. Beide Stürmer von enormer Vielseitigkeit, physisch unscheinbar und mit genialer Inspiration vor dem Tor. Beide von unzerstörbarer Fairness und Gleichmut. Wenn es einen „Geist“ von Real Madrid gibt, woran kein madridista zweifelt, dann liegt er auch darin, daß die Größten immer Stürmer waren, die Kunst, Kampf und Schlitzohrigkeit zu vereinen wußten.
Vermutlich ist es dieser Geist, der es Liebhabern des Fußballs so leicht macht, Real Madrid zu mögen. Die Mannschaft muß angreifen. Sie kann genetisch nicht anders. Und sie will dabei auf ihre Kosten kommen. Das Geld ist dabei nur ein pittoreskes Detail, das niemanden wirklich interessiert. Was nach einem der klassischen Duelle zwischen Madrid und Bayern München in Deutschland übel vermerkt wurde - daß Zidane, Roberto Carlos & Co. so arrogant seien, im knallharten Wettbewerb Hackentricks und andere Mätzchen einzubauen -, hatte in Wahrheit nicht mit Arroganz, sondern mit purer Spielfreude zu tun.
„Ära Florentino Perez“
Das mag in einem Land, das irgendwann in den frühen neunziger Jahren mit dem Verglimmen der Inspiration den Arbeitsfußball zur obersten Maxime erhob, schwer zu verstehen sein. Doch so ist es. Niemand in Madrid würde ein 1:0 wollen, wenn man in denselben neunzig Minuten auch ein 5:4 kriegen kann. Wo bliebe denn sonst der Spaß? Die Trainer, die zu Real kommen, wissen das. Im allgemeinen sparen sie sich das Gerede von verstärkter Deckung und frühem Attackieren im Mittelfeld, weil sie genau wissen, daß ihnen sowieso kein Mensch zuhört, am allerwenigsten der Präsident.
Von ihm muß jetzt die Rede sein, dem Bauunternehmer Florentino Perez, der den Verein seit fünf Jahren leitet und es geschafft hat, daß man von der „Ära Florentino Perez“ spricht wie von einer Zauberformel. Besser: sprach. Denn die Perez-Politik hat etwas ins Wanken gebracht, so daß der riesige Dampfer Real Madrid seit zwei Jahren merklich schlingert und in eine unklare Zukunft steuert.
Jedes Jahr ein Supertransfer
Die Perez-Politik besteht aus drei Komponenten: Angriffsfußball. Starfußball. Maximale Ausbeutung der Marke Real Madrid. Vor fünf Jahren gewann Perez die Präsidentenwahl, weil er den Vereinsmitgliedern Luis Figo mitbrachte, den portugiesischen Star des Erzrivalen FC Barcelona. Die Rechnung ging auf. Seitdem hat Perez den Supertransfer einmal im Jahr wiederholt: 2001 kam Zinedine Zidane, der genialste Mittelfeldspieler der Welt. 2002 kam Ronaldo, der beste Stürmer der Welt. 2003 kam David Beckham, der hübscheste Fußballspieler der Welt.
Vielleicht hat Perez mit dem Beckham-Transfer den Kessel überhitzt. Nicht finanziell. Beckham, der wie Zidane, Ronaldo und Raul sechs Millionen Euro im Jahr (und deutlich mehr an Werbehonoraren) kassiert, spielt sein Geld ja mühelos ein. Er ist ein Musterprofi, sieht phantastisch aus, zieht sich vor den Kameras Designerklamotten oder Ritterrüstungen an und erfüllt klaglos alle Autogrammwünsche. Manchester United, so wird kalkuliert, hat in Asien mit Beckhams Hilfe siebzehn Millionen Fans gewonnen.
Beckham ist der wichtigste Mann
Mit einem Medienstar wie Beckham ist auch Real Madrid zum unanfechtbaren Markennamen geworden. Hier trifft sich der Fußballmythos auf gleicher Augenhöhe mit Elvis Presley und Micky Maus. Wenn der Verein im Sommer auf seine Asien-Tournee zur Erschließung neuer Märkte geht und fünfzehn Millionen Euro dafür einstreicht, ist Beckham der wichtigste Mann. Wichtiger als alle, die besser Fußball spielen können als er.
Und das eben ist es, was der traditionelle Madrid-Fan nicht einsieht. Wieso wird an der Mannschaftsaufstellung herumgefummelt, wenn doch sonnenklar ist, daß Beckham spielerisch keinen Gewinn bedeutet, daß er falsch eingesetzt wird und die Kopfballspieler gar nicht da sind, die seine hohen Flanken gebrauchen könnten? Bei Real Madrid, sagen die Nörgler, ging es doch immer um Fußball.
Kein Titel in vierundzwanzig Monaten
Die Veränderungen sind nicht nur symbolischer Art. Manche sehen den Sündenfall in der Entlassung des beliebten Trainers Vicente del Bosque, der mit den „Weißen“ zweimal die Champions League und zweimal den Meistertitel geholt hatte. Er sei nicht modern genug, hieß es im Sommer 2003; vielleicht war es auch nur der Seehundschnäuzer oder die Glatze, so etwas kommt im Fernsehen nicht gut rüber. Del Bosque ging, und der Sturzflug begann.
Nicht finanziell, noch nicht, denn der Verkauf der vereinseigenen Sportanlagen hat den Verein saniert. Aber die Ergebnisse und die Spielkultur sind kläglich geworden. Vier verschiedene Trainer in vierundzwanzig Monaten haben keinen einzigen Titel geholt. Die Verschwendung bei den Transfers ist gigantisch: zwanzig Millionen Euro für einen verletzten englischen Vorstopper, der in fünfzehn Monaten keine Minute gespielt hat. Zwanzig Millionen hier, zwanzig Millionen dort. Jetzt wurde mit Robinho das brasilianische Wunderkind verpflichtet und, was ebenso wichtig sein könnte, ein brasilianischer Kämpfer und Renner namens Baptista.
Dort aber, auf dem Spielfeld, muß endlich etwas passieren. Es ist kein Trost mehr, daß sich die Marketingeinnahmen des Vereins - in der letzten Saison rund 140 Millionen Euro - in drei Jahren verdoppelt haben. Die Fans wollen Inspiration sehen, und sie wollen Titel. Wenn sie auch in der dritten Saison nacheinander darauf verzichten müssen, könnte das mit Weltstars gespickte Modell Florentino Perez auf Grund laufen.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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