10.03.2010 · Was ist von Real Madrid in der Champions League wirklich zu erwarten? Das hängt heute abend gegen Lyon auch von einem Regisseur alter Schule ab: Guti hat immerhin die fällige Botschaft ausgegeben.
Von Paul Ingendaay, MadridNicht Cristiano Ronaldo. Nicht Kaká. Schon gar nicht Karim Benzema. Keiner der großen Neuzugänge von Real Madrid – Kaufpreis gesamt: rund 200 Millionen Euro – hat dem spanischen Rekordmeister die Hoffnung auf eine große Saison und einen wichtigen Titel zurückgegeben, sondern ein Mann namens José María Gutiérrez Hernández, genannt Guti, seines Zeichens Mittelfeldspieler, Linksfüßer, einer von denen, die heute angeblich gar nicht mehr gebraucht werden, weil der moderne Fußball den Regisseur alter Schule nicht mehr erfordere.
Das scheint nicht ganz zu stimmen. Vergangenen Samstag, nachdem der direkte Rivale FC Barcelona mit einem 2:2 in Almería zwei wichtige Punkte gelassen hatte, ging den Madrilenen in den ersten fünfzig Minuten des Schlagerspiels gegen den FC Sevilla alles daneben. Erst ein Eigentor von Xabi Alonso, dann ein grober Patzer von Torhüter Casillas, und es stand vor eigenem Publikum 0:2. Da schickte Trainer Manuel Pellegrini den genesenen Guti aufs Feld. Und auf wundersame Weise ordnete sich die Partie, als hätte jemand an unsichtbaren Fäden gezogen.
Plötzlich wurden Pässe in die Spitze gespielt, die es bis dahin nicht gegeben hatte. Dreimal krachte der Ball gegen Latte oder Pfosten, und dann lag er auch zweimal im Netz. Real Madrid drückte Sevilla nach allen Regeln der Kunst an die Wand. Eine einzige Minute war noch zu spielen, da machte van der Vaart, der zusammen mit Guti ins Spiel gekommen war, im Liegen das 3:2-Siegtor. Seitdem steht Fußball-Madrid kopf, denn endlich hat sich Real in der Primera División an die Spitze gesetzt und könnte gegen Olympique Lyon ins Viertelfinale der Champions League einziehen. Das Team des stillen Pellegrini hat nicht nur phänomenale Zahlen vorzuweisen – zwanzig Siege in 25 Spielen bei einem Torverhältnis von 67:20 –, es scheint seinen fußballerischen Stil gefunden zu haben.
An guten Tagen ist Guti ein Genie
Bei näherer Betrachtung muss man den optimistischen Befund allerdings mit einem Fragezeichen versehen. Es hängt nämlich ganz davon ab, was der Trainer seiner Mannschaft gerade zutraut. Offensivkräfte wie Guti und van der Vaart sind durchaus nicht gesetzt. Der Holländer sollte letzten Sommer noch verkauft werden. Dann durfte er ein paarmal für den verletzten Kaká einspringen, und die Mannschaft agierte besser als mit dem Brasilianer, weil van der Vaart ein Teamspieler ist, der verhindern hilft, dass zwischen Abwehr und Angriff ein großes Loch klafft.
Bei Guti wiederum liegen die Dinge seit fünfzehn Jahren überaus kompliziert. An guten Tagen ist der Mann aus dem eigenen Nachwuchs ein Genie, und an seinen blind gespielten Bällen in die Tiefe kann man sich nicht sattsehen. An schlechten fehlt ihm die Einstellung, meckert er herum oder handelt sich wegen einer Dummheit einen Platzverweis ein. Kein Fels, auf den man eine Siegermannschaft baut.
Die Bewährungsprobe ist gekommen
Doch vor dem Rückspiel gegen Lyon (20.45 Uhr / FAZ.NET-Champions-League-Liveticker), bei dem ein 0:1 aufgeholt werden muss, durfte Guti auf der Website des Klubs die fällige Botschaft ausgeben. „Wir müssen von der ersten Minute an mit Ehrgeiz und Siegeswillen spielen“, sagte der Dreiunddreißigjährige, „damit das Publikum angesteckt wird und wir ein Fußballfest erleben.“ Nicht nur, dass Real schon früher an den Franzosen gescheitert ist. Guti hat auch noch eine persönliche Rechnung offen: In keinem der drei gewonnenen Champions-League-Endspiele der letzten zwölf Jahre war er dabei. Jetzt wäre der Augenblick, seinem Trainer zu beweisen, dass er die Chance beim Schopf packen will.
Man kann diese Unberechenbarkeit je nach Gusto unprofessionell oder charmant finden. Tatsache ist, dass niemand weiß, welches Real Madrid gegen Lyon versuchen wird, den Weg für das Finale am 22. Mai im Bernabéu-Stadion zu ebnen. Wird Guti den Erwartungen standhalten und den Stürmern den Schlüssel zum glänzend bewachten Tor des Gegners überreichen? Wird Higuaín endlich auch einmal in der Champions League treffen? Kann Cristiano Ronaldo zeigen, dass er nicht nur in ästhetischen Details, sondern in den entscheidenden Partien auf der Höhe der Anforderungen ist? Die Bewährungsprobe ist gekommen, der Tag, an dem sich das teure Projekt des Präsidenten Florentino Pérez beweisen muss. Gelingt das nicht, wäre selbst der Meistertitel nur ein Trostpreis.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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