02.06.2009 · Florentino Pérez soll Real Madrid renovieren - dabei hat der alte, neue Präsident den Klub schon einmal in den Niedergang geführt. Wieder umgibt er sich mit großen Namen, wie Zinedine Zidane. Und der hat wohl einen speziellen Auftrag.
Von Paul Ingendaay, MadridMan hat sich daran gewöhnt, dass bei Real Madrid Trainer kommen und gehen, neue Projekte ausgerufen und frische Trophäen versprochen werden. Nachdem der FC Barcelona also den besten Monat seiner Vereinsgeschichte mit einem Dreierpack inklusive Champions League abgeschlossen hatte (siehe auch: 2:0 gegen United: Messi und Eto'o krönen Barça), warteten die Fans des ewigen Rivalen sehnsüchtig auf gute Nachrichten. Und sie haben sie bekommen, wenn man der Sportpresse glauben darf.
Florentino Pérez, der Bauunternehmer und Klubpräsident der Jahre 2000 bis 2006, hat die Zügel des spanischen Rekordmeisters wieder in die Hand genommen, nachdem sich bis zum vergangenen Wochenende kein Gegenkandidat zur Wahl gestellt hatte. Der Zweiundsechzigjährige gab auch gleich seine wichtigsten Verpflichtungen bekannt: Generaldirektor wird Jorge Valdano, der bei Real schon Spieler, Trainer und Sportdirektor war. Den Trainerposten übernimmt der Chilene Manuel Pellegrini, der in den vergangenen fünf Jahren den FC Villarreal betreute und zweimal in die Champions League geführt hat (siehe auch: FC Villarreal: Ein gelbes U-Boot unter lauter Luxusschiffen).
Als Sportdirektor fungiert Miguel Pardeza, ehemals Real-Jugendspieler und später in Saragossa tätig. Und als persönlichen Berater gewann Pérez Zinédine Zidane, immer noch der teuerste Einkauf überhaupt und oberstes Symbol einer Ära, die als „galaktische“ in die Fußballgeschichte einging (bevor sie allgemeinem Gelächter anheimfiel). Es hieß, Zidane beziehe kein Gehalt, und bisher weiß niemand genau, was der ehemals beste Spieler der Welt zum dringend nötigen Neuanfang beitragen kann. Die einen hoffen, seine persönlichen Kontakte zu Franck Ribéry könnten den Bayern-Star nach Madrid locken. Andere sind einfach froh, dass sich der klangvolle Name mit der zweiten Pérez-Präsidentschaft verbindet.
Rücktritt nach dem Scheitern des galaktischen Projekts
Woran niemand zweifelt, ist, dass Florentino Pérez, der sechstreichste Mann Spaniens, Real Madrid zum „größten Fußballklub des einundzwanzigsten Jahrhunderts“ machen will. Er täte sicherlich gut daran, es zu probieren. Denn Pérez trägt erhebliche Schuld an Reals spielerischem Niedergang. Damit kommen wir zu den bizarren Begleitumständen dieses Aufbruchs zu neuen Ufern.
In jedem normalen Industrieunternehmen – etwa beim weltweit agierenden Bau- und Energiekonzern ACS, dem Pérez vorsteht – wäre ein Manager, der versagt hat, für alle Zeiten passé. Man tauscht das Personal aus und marschiert weiter. Anders beim reichsten Klub der Welt. Hier orientiert man sich lieber an der zweitschlechtesten Lösung, um der schlechtesten zu entgehen. Hier darf es keinen radikalen Neuanfang geben, weil allein schon die erforderliche Bürgschaft des Kandidaten von 57 Millionen Euro den Kreis erheblich einschränkt.
Florentino Pérez trat im Februar 2006 als Präsident zurück, weil sein galaktisches Projekt gescheitert und das Team seit drei Jahren keinen einzigen Titel gewonnen hatte. Ärger in der Kabine, die Launenhaftigkeit von Ronaldo, mangelnde Wettbewerbsfähigkeit auf europäischem Niveau: Pérez räumte ein, seine Stars verhätschelt zu haben. Er hätte auch noch zugeben können, dass mehrere der von ihm gebilligten Trainer ein Desaster gewesen waren, dass die Führung eine ebenso kopflose wie verschwenderische Einkaufspolitik betrieben und offensichtlich nicht mehr gewusst hatte, in welche Richtung es gehen sollte.
Das neue Pérez-Projekt wirdlateinamerikanisch geprägt sein
Fragt man den Unternehmer heute, was damals schiefgelaufen sei, hört man zwar ein paar Sätze über „Fehler“, doch wenig Konkretes. Das Wort „Galaktische“ wird zwar noch nicht wieder verwendet, aber klammheimlich rehabilitiert. Noch heute werde er auf der Straße angehalten, so Pérez in den Stunden nach seinem Amtsantritt, und zur Verpflichtung Zidanes beglückwünscht. Gemeint ist nicht der frische Beraterposten 2009. Sondern der damalige Supereinkauf, der 2002 in Zidanes Volleyschuss gegen Bayer Leverkusen und dem Gewinn des neunten Champions-League-Titels kulminierte. Es war ein Traumtor in einem durchaus mittelmäßigen Finale (siehe auch: Champions League: Leverkusen verliert Finale gegen Madrid). Und es blieb ohne jede Strahlkraft, die Mannschaft war schon ein paar Monate später nicht mehr konkurrenzfähig. Bis heute will niemand wissen, warum Real so verkümmerte, dass es im Jahr 2009 erstmals als nichtgesetztes Team in die Champions League gehen muss.
Das neue Pérez-Projekt wird von nun an ständig von sich hören lassen. Statt niederländisch wird es lateinamerikanisch geprägt sein. Angestrebt sind die Verpflichtungen von Kaká, dessen Wechsel nach einigen Medienberichten für eine Ablösesumme von 65 Millionen Euro bereits perfekt sein soll, Cristiano Ronaldo (mit dem es einen Vorvertrag über eine Ablösesumme von neunzig Millionen Euro geben soll), David Villa vom FC Valencia und Xabi Alonso vom FC Liverpool. Auch der Uruguayer Diego Forlán, Europas Rekordtorschütze von Atlético Madrid (32 Saisontreffer), erscheint der neuen Führung interessant. Und eben Ribéry.
Florentino Pérez ist wieder da! Da bleibt keine Zeit für Wehmut
Man müsse in einem einzigen Jahr erledigen, was normalerweise drei dauere, sagte Pérez. Beobachter fragen sich, ob er Pellegrini den Freiraum lässt, auch den müde gewordenen Raúl auf die Bank zu setzen. Denn ohne erhebliche Renovierung wird es nicht gehen. Der Präsident hat schon eine ungefähre Rechnung aufgemacht. Fünf bis sechs neue Spieler müssten her und der aufgeblähte Kader auf 25 Leute reduziert werden. Für Neuzugänge sollen 300 Millionen Euro bereitliegen.
Dass Manuel Pellegrini der richtige Trainer für Real Madrid sein könnte, ist die Meinung der Mehrheit. Der Chilene, ein Kenner der Primera División, bevorzugt ein 4-4-2-System und legt viel Wert auf Ballbesitz, Beweglichkeit und aufrückende Verteidiger. Ohne viel Federlesens wird der bisherige Coach Juande Ramos, der mit einer grauen Mannschaft die beste Auswärtsserie der Geschichte hinlegte (acht Siege in Folge), verabschiedet. Florentino Pérez ist wieder da! Da bleibt keine Zeit für Wehmut.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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