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Fußball-Talentreport (4) : Der neue Maßstab heißt RB Leipzig

Irgendwann einfach überlegen? Leipziger Jubel beim U-17-Sachsenpokal Bild: Imago

Brutal? Aggressiv? An der Nachwuchsarbeit von RB Leipzig gibt es geballte Kritik. Doch der Klub macht im Kampf um Talente nur Dinge, die andere auch machen. Einen Unterschied gibt es aber doch.

          Interviewanfrage an Deutschlands umstrittensten Fußballverein zum Thema Nachwuchsarbeit. RB Leipzig teilt daraufhin mit, der Akademie- und Nachwuchsleiter verlange vor einem möglichen Gespräch einen Fragenkatalog. Als der Wunsch abgelehnt wird, lässt der Akademieleiter ausrichten, er habe sich zum Thema „Kritik Außenstehender am angeblichen aggressiven Abwerben RB Leipzigs im Nachwuchs“ schon mehrfach geäußert. Es sei alles gesagt. Außerdem, so ein Vereinssprecher, reagiere der Nachwuchsleiter „etwas allergisch“ auf dieses Thema, aber das nur so nebenbei.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Drei Tage später sitzt Nachwuchschef Frieder Schrof freundlich lächelnd mit Thomas Albeck, dem Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, in einem provisorischen Container-Besprechungsraum auf dem Leipziger Trainingsgelände. Wenn man aus dem Fenster des Metallkastens schaut, kann man die Kräne und das neue Quartier sehen, das bald fertig wird. Alles wächst bei RB Leipzig. Auf die Frage, weshalb er beim Abwerbe-Thema allergisch reagiere, verzieht der bald sechzig Jahre alte Jugendchef mit den eisgrauen Haaren keine Miene.

          „Ich weiß gar nicht auswendig, wie oft wir von verschiedenen Medien nach diesem Thema gefragt worden sind. Langsam nervt es einfach. Es wird immer so getan, als ob nur RB Leipzig Spieler von anderen Vereinen zu sich holen möchte. Andere Vereine machen das genauso“, sagt Schrof ganz ruhig und verbindlich. „Und dann immer diese Aussagen: ,RB Leipzig ist brutal in seinen Methoden, aggressiv.’ Ich weiß gar nicht, was man darunter versteht. Was bedeutet aggressives Abwerben? Wir machen das ganz vernünftig und seriös.“

          Schrof und Albeck, der ebenfalls auf die sechzig zugeht, lassen sich in der kommenden Stunde überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Mehr als ihr halbes Leben haben die beiden Männer der Jugendarbeit gewidmet. Schrof war rund dreißig Jahre beim VfB Stuttgart, Albeck dreizehn Jahre, davor genauso lange als Verbandssportlehrer beim württembergischen Verband. Beide Trainer haben sich einen exzellenten Ruf erworben. Lange galt die Jugendarbeit des VfB als vorbildlich und stilbildend in Deutschland. Auch deswegen, weil die Schwaben sich früher als andere auch um die Persönlichkeitsentwicklung der Jungs gekümmert haben. Rund hundert Spieler aus der Stuttgarter Talentschmiede spielten zuletzt im europäischen Profifußball. Unter Schrof brachte der VfB allein fünfzehn deutsche A-Nationalspieler hervor, darunter Khedira, Gomez und Hitzlsperger - und über fünfzig Junioren-Nationalspieler.

          Schrof reagiert allergisch auf die Kritik

          Schrof und Albeck sind nun seit Herbst 2012 in Leipzig. Sportdirektor Ralf Rangnick, den Schrof vor über dreißig Jahren schon in der Bezirksauswahl trainierte, hat sie geholt. Alle treibt die Idee, die Jugendarbeit nun ganz nach ihren Vorstellungen umzusetzen, sozusagen in Reinkultur. Mit allen Mitteln und Möglichkeiten, die RB Leipzig bietet. Von ihrem Weg sind sie absolut überzeugt. Und sie glauben, auch vieles besser zu machen als viele andere: ganzheitlicher, verantwortlicher, erfolgreicher. Jugendarbeit wie aus dem Fußball-Musterländle sozusagen. Nicht weniger soll in Leipzig entstehen.

          Auch deswegen reagiert Schrof mitunter wohl etwas allergisch auf die geballte Kritik, die RB Leipzig auch in seiner Jugendarbeit entgegenschlägt. „Wir erläutern immer genau, was wir mit dem Spieler und allgemein auch mit dem Verein vorhaben. Wir führen an, wie die sportliche Perspektive aussieht, die schulische Seite, die Unterkunft, die Verpflegung. Und was wir versprechen, das halten wir auch. Da unterscheiden wir uns wesentlich von dem einen oder anderen Verein. Aus meiner Erfahrung heraus wissen andere Klubs dann später nicht mehr, was sie versprochen haben. Bei uns passiert das nicht. Dafür verbürge ich mich. Das war auch schon in Stuttgart so“, sagt Schrof. „Und dann kann jeder Spieler mit seinen Eltern, seinem Berater entscheiden, ob er zu uns kommt. Wir leben ja in einer Demokratie.“

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