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RB Leipzig im Abwärtstrend : Die Leiden des Ralph H.

Typische Handbewegung des leidenden Trainers: Hand vors Gesicht schlagen Bild: EPA

Sein Team beginnt in Mainz famos und verliert am Ende kraftlos 0:3. Trainer Hasenhüttl erklärt die Krise mit einem Blick zwei Jahre zurück. Fragt sich nur, ob RB Leipzig neben Zins auch Zinseszins zahlen muss?

          Beim heiteren Beruferaten könnte Ralph Hasenhüttl derzeit seinen Beruf mit einer typischen Körperbewegung beschreiben: Sich mit den Händen an den Kopf schlagen und dabei mit leidendem Gesichtsausdruck den Körper abwenden. Immer wieder führte Hasenhüttl am Sonntag bei der 0:3-Niederlage seiner Fußballer von RB Leipzig im Bundesligaspiel bei Mainz 05 diese Verzweiflungsgeste auf. Der österreichische Trainer des in den vergangenen beiden Jahren so oft gelobten Leipziger Fußballprojekts konnte es einfach nicht fassen, wie sich seine Spieler um den Ertrag für einen anfangs herausragenden Auftritts gebracht hatten.

          Entweder war es der Abschluss, mit dem beispielsweise Yussuf Poulsen in der zehnten Minute nach einem desaströsen Fehlpass des Mainzers Ridle Baku die größte Chance zur Führung vergab. Oder es war eine unerklärliche Ungenauigkeit bei einem simplen letzten Pass vor einer möglichen Großchance, die den Trainer an der Seitenlinie lamentieren ließen. Seine RB-Elf brachte sich mit diesen entscheidenden Mängeln bei einem sonst anfangs spielerisch wie taktisch herausragenden Auftritt um den Lohn eines Auswärtssiegs, der den Leipzigern die Qualifikation für die Europa League gesichert und die Chance auf Champions-League-Rang vier gewahrt hätte.

          Die Spielidee gegen anfangs völlig ratlose Mainzer hatten die überraschend mit einer Raute im Mittelfeld statt der gewohnten Grundformation mit zwei Sechsern aufgelaufenen Leipziger auf dem Platz „Wenn Du zu Beginn des Spiels solche Großchancen hast, dann musst Du sie nutzen. Was hilft der beste Plan für ein Spiel, wenn man sich nicht belohnt“, sagte der 50 Jahre alte Trainer. „Nach Gegentreffern haben wir aber einfach derzeit nicht mehr die Kraft zurückzuschlagen. Wir agieren kopflos, nicht so wie wir es können. Wir reiben uns in Einzelaktionen auf. Das kann ich auch nachvollziehen.“

          Hasenhüttl konnte zudem zurecht darauf verweisen, dass Schiedsrichter Bastian Dankert und Videoassistent Wolfgang Stark bei der Elfmeter-Entscheidung zu Gunsten der Mainzer wie auch bei der Verweigerung eines Leipziger Elfmeters nach einem Zweikampf zwischen dem Mainzer Bell und Poulsen danebenlagen.

          Position 2 der typischen Handbewegungen des leidenden Trainers: am Kopf kratzen

          Vor allem aber verwies Hasenhüttl bei der Suche nach einer Erklärung für den Leipziger Leistungsabfall im Verlauf des Spiels auf die Folgen zweier anstrengender Jahre für sein noch immer vor allem talentiertes, aber noch nicht erfahrenes Team. Die Englischen Wochen der laufenden Spielzeit fordern offenbar gerade jetzt, wo Leipzig nach dem Ausscheiden aus der Europa League nicht mehr unter fast wöchentlicher Doppelbelastung leidet, Tribut als Folge des Spannungsabfalls.

          In Mainz lag das in Halbzeit eins deutlich bessere Team durch einen nicht nur nach Hasenhüttls Meinung fragwürdigen Elfmeter durch Pablo de Blasis zur Pause 0:1 zurück. In der zweiten Halbzeit brach das Team zum wiederholten Male körperlich ein. In der Schlussviertelstunde taumelte die Mannschaft fast kollektiv auf dem Spielfeld dem K.o. entgegen, den die Mainzer durch die späten Treffer von Alexandru Maxim (85.) und Ridle Baku (90+1.) dem Gegner vor dem Schlussgong versetzten.

          Finale Aussagekraft des leidenden Trainers: Kopf hängen lassen

          Insgesamt kamen die eigentlich lauffreudigen Leipziger nur auf eine Gesamtlaufdistanz von 106 Kilometern, was weit unter Bundesliga-Durchschnitt ist. Auch in der Statistik der intensiven Läufe und Sprints war RB den leidenschaftlich um den Klassenverbleib kämpfenden Mainzern unterlegen.

          Zinsen für zwei Jahre

          „Ich fürchte, dass wir jetzt die Zinsen zahlen für zwei Jahre“, sagte Hasenhüttl später. Das einzige Ziel für RB kann es nun nur noch sein, dass nicht auch noch Zinseszinsen in Form des Verpassens der Europa League auf die Rechnung draufgeschlagen werden müssen. „Für die ganz große Wende hätte es heute einen Sieg gebraucht. Die Champions League können wir jetzt nicht mehr schaffen. Aber die Europa League ist allemal möglich“, sagte Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick, der Gerüchten zufolge ein Kandidat für die Nachfolge von Arsene Wenger als Manager beim FC Arsenal ist, aber erst mal in die aktuelle Zukunft schaute: „Wir treffen jetzt in Wolfsburg auf einen Gegner, der nicht nur mit dem Rücken zur Wand steht, sondern auch nicht vor Selbstvertrauen strotzt. Das traue ich unserer Mannschaft schon zu, dass sie so ein Spiel gewinnt“.

          Zudem stärkte Rangnick Hasenhüttl den Rücken. „Was hat der Trainer heute für einen Anteil an der Niederlage? Er kann nicht Freistoß statt Elfmeter pfeifen und er kann auch nicht den Elfmeter für uns pfeifen und die Bälle selber reinschießen“, sagte Rangnick. 

          Tatsächlich trifft Rangnick den richtigen Punkt: Im Falle eines Sieges hätte es ausreichend Gründe für einen Lobgesang auf einen Leipziger Sturmwirbel gerade in der ersten halben Stunde gegeben. Das nackte Ergebnis kann diese Leistung nicht gänzlich in den Schatten stellen. Deshalb scheint es müßig, über mögliche alternative Herangehensweisen nachzudenken: Hätte Leipzig das Spiel in Mainz im Wissen um schwindende Kräfte vielleicht ruhiger angehen müssen, also im Stil eines FC Bayern, der selbst im Stress „Englischer Wochen“ seine Siege in der Bundesliga problemlos verwaltet?

          Dann wäre Leipzig aber eben nicht Leipzig, sondern Bayern München. Beim Meister gehört die Souveränität im Umgang mit Bundesligagegnern zum Zinsertrag aus der Kapitalanlage im Weltklasseformat. Zinsen zahlen die Bayern eben nur in der Champions League.

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