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RB gegen Lok Leipzig Die gespaltene Fußballstadt

28.09.2009 ·  So ein Spiel hatte Leipzig noch nicht gesehen: RB Leipzig traf auf Lok. Es war viel mehr als ein Fußballderby. Es war Tradition gegen Kommerz. Die politischen Extreme konnten kaum deutlicher sein. Zuvor musste Schlimmes befürchtet werden.

Von Michael Horeni, Leipzig
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Es ist der Tag der Bundestagswahl, und vor dem Leipziger Zentralstadion hat sich die Polizei postiert. Zurückhaltend, aber sichtbar. Auf Pferden beobachten die Beamten den Anmarsch der Fußballfans, in schwerer Montur stehen sie vor den Mannschaftswagen. In der Nähe des Haupteingangs sind zwei Wasserwerfer postiert, man ist gewarnt. Im Zentralstadion wird zur Mittagszeit ein Fußballspiel der fünften Liga gesichert. Es ist ein Spiel, wie es Leipzig noch nicht gesehen hat. Der RB Leipzig trifft auf den 1. FC Lokomotive Leipzig.

Ein Derby, könnte man meinen. „Aber das ist kein Derby, das ist etwas anderes“, sagt Steffen Kubald, der Präsident von Lok Leipzig, nach der 0:3-Niederlage. Er kann sich über die Niederlage nicht ärgern, wie man das nach einem Derby tun würde. „Das Normale ist eingetreten“, sagt er. Aber das ist allein sportlich gemeint nach dieser besonderen Leipziger Begegnung im Zentralstadion, in der sich traditioneller und kommerzieller Fußball gegenüberstehen, eine riesige finanzielle Kluft und politische Extreme. Es ist mehr, als ein Fußballspiel in der fünften Liga aushalten sollte. Aber das Leipziger Derby, das keines sein konnte, hält es aus.

In den Tagen vor dem Spiel hat RB Leipzig angekündigt, sein Hausrecht konsequent durchzusetzen. Die Ordner wurden angewiesen, Lok-Anhänger mit Kleidung, die als Erkennungszeichen der rechten Szene verwendet wird, den Zutritt zu verweigern. Rund zwanzig Transparente durften nicht gezeigt werden. Auf einem stand: „Der österreichische Führer war schon hier – was wollt ihr?“ Während des Spiels halten Lok-Fans dann immer wieder schmale, bis zu dreißig Meter lange Spruchbänder hoch.

„Solange die Zuschauer nur rufen, können wir damit leben“

Sie sehen ein bisschen aus wie die Laufbänder in Nachrichtensendern. Der Inhalt ist unpolitisch: „Ein Verein ohne Herz – Ihr seid nur Kommerz“ steht da. Oder: „Das Konstrukt darf niemals siegen.“ Das Konstrukt heißt RasenBallsport Leipzig. Aber der holprige Name ist nur gewählt, um die Abkürzung RB zu schaffen, und die DFB-Regel zu umgehen, die es untersagt, Unternehmen im Vereinsnamen aufzuführen. Auf dem Vereinslogo machen zwei rote Bullen unter „RB“ klar, um wenn es geht: Red Bull, dem Produzenten von Energydrinks und sportlichen Erfolgen. Angeblich hundert Millionen Euro will das österreichische Unternehmen in den kommenden Jahren in RB Leipzig stecken, um damit bis in die Bundesliga vorzustoßen.

Nach dem 3:0 gegen Lok Leipzig steht RB Leipzig auf Rang eins der Oberliga Süd. „Wir können uns nur selbst schlagen“, sagt Kapitän Ingo Hertzsch, ehemals Nationalspieler, zu den weiteren Zielen. So viel zum Sportlichen. Und zu den kulturellen Differenzen in der gespaltenen Fußballstadt Leipzig: „Solange die Zuschauer nur rufen, können wir damit leben. Im Zentralstadion ist Sicherheit gegeben.“ Ein paar Böller und Papierkugeln, mehr kommt diesmal nicht aus dem Fanblock von Lok Leipzig. Das gilt als Erfolg.

Es gibt kaum einen deutschen Verein, der mehr mit dem Rechtsextremismus zu kämpfen hat als Lok Leipzig. Die NPD unterwandert intensiv die Fanszene. Präsident Kubald wehrt sich dagegen, doch der Klub ist weitgehend machtlos. Die Botschaften, die an diesem Tag im Zentralstadion auf T-Shirts zu sehen sind, machen deutlich, wie sich politische Haltung und der Kulturkampf gegen Red Bull vermischen. „Hasta la vista Anti-Faschista“ heißt es bei manchem Lok-Anhänger. Kampf gegen die „Scheiß-Millionäre“ unter dem Red-Bull-Logo bei anderen. Und wenn dann hinter dem Tor ein Laufband entfaltet wird mit dem Hinweis „Generationen stehen zusammen gegen Größenwahn“, dann liegt man nicht falsch damit, wenn die Neonazis mit dieser subtilen Botschaft zufrieden sind.

Die Neonazis verbuchen ihren Auftritt als großen Erfolg

Vor der sächsischen Landtagswahl im August hat die NPD mit ihrem Spitzenkandidaten Holger Apfel bei der Partie von Lok gegen Sachsen Leipzig vor dem Stadion Wahlkampf gemacht. Die Neonazis verbuchten ihren Auftritt als großen Erfolg. Vor allem CDs und Comics gingen bei den Jugendlichen gut weg. Lok konnte nichts dagegen tun. Seit dem Einstieg von Red Bull versucht die NPD nun auch, den allgemeinen Unmut über die Kommerzialisierung des Fußballs in Sachsen verstärkt für sich zu nutzen – mit ausdrücklichem Hinweis auf Red Bull.

Am Tag der Bundestagswahl blieb die Partei vor dem Zentralstadion unsichtbar. Aber der Erfolg der Kampagne zeigte sich schon bei der U-18-Bundestagswahl, der größten politischen Bildungsinitiative mit über 127.000 Kindern und Jugendlichen. Die NPD kam in Sachsen bei dieser Wahl Mitte September auf über zwölf Prozent, der höchste Wert in Deutschland. In Leipzig waren die Ergebnisse wegen der zu geringen Beteiligung der Institutionen an dem Projekt nicht messbar, in der anderen traditionellen sächsischen Fußballstadt Dresden waren es sogar über 17 Prozent.

„Die Rahmenbedingungen und das Ergebnis haben gepasst“

Am Tag der Bundestagswahl kamen über 11.000 Zuschauer zum Fußball-Stadtduell. Das Zentralstadion war gleichzeitig auch Wahllokal für zwei Leipziger Wahlbezirke. Ein Teil der Zuschauer, der erst im Stadion sein Kreuzchen machte, gab dann auch auf der Tribüne seine Drittstimme über die Zukunft des traditionell zwischen Lok und dem FC Sachsen verfeindeten Leipziger Fußballs ab. Mindestens 2500 Stimmen entfielen am Sonntag auf RB.

Ein erstes Signal, dass auch ein kommerzieller und ideologiefreier Fußball in Leipzig sein Publikum finden kann. „Die Rahmenbedingungen und das Ergebnis haben gepasst. Das wird langsam unser Wohnzimmer“, sagt Kapitän Hertzsch über die Perspektiven in der geteilten Fußballstadt. Aber bis das Zentralstadion einmal ganz im Zeichen der Bullen stehen sollte, ist es noch ein weiter Weg.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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