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Rassismus im Stadion Gefährlicher als Bengalos

Neue Töne zu einem lange verharmlosten Problem: Auch die Fifa hat eingesehen, dass stärkere Geschütze gegen den Rassismus in den Stadien aufgefahren werden müssen.

© dpa Vergrößern Eine Tat sagt mehr als tausend Antirassismus-Worte: Kevin-Prince Boateng und seine Mannschaftskameraden führten nach rassistischen Sprüchen einen Spielabbruch herbei

„Finanzielle Sanktionen: nicht wirksam. Ausschluss von Zuschauern: keine gute Lösung.“ Fifa-Präsident Joseph Blatter hat soeben kurz und knapp in die Fußballwelt getwittert, welche Sanktionen er im Kampf gegen Rassismus für aussichtslos hält. Er will stärkeres Geschütz auffahren; Punktabzug für Vereine und Zwangsabstieg sollen rassistisches oder antisemitisches Gedankengut aus den Fußballstadien treiben. Demnächst wird die zuständige Strategiekommission darüber beraten. Es sind neue Töne, die aus der Zentrale des Internationalen Fußballverbands zu einem Problem zu hören sind, das auch er lange verdrängt und verharmlost hat. Vor gut einem Jahr hatte Blatter noch behauptet, im Fußball gebe es keinen Rassismus, und wenn doch mal was passiere, müsse sich die Sache per Handschlag regeln lassen.

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Es war aber kein Handschlag, sondern eher ein medialer Donnerschlag, der den Fußball aufgerüttelt hat. Das Freundschaftsspiel vor wenigen Wochen zwischen dem AC Mailand und einem Viertligaklub aus Norditalien wirkt mittlerweile als eine Zäsur in der Wahrnehmung diskriminierender Auswüchse im europäischen Fußball. Der in Berlin-Wedding aufgewachsene und mit Beleidigungen auf den Fußballplätzen seiner Kindheit groß gewordene Kevin-Prince Boateng war nach Affengebrüll und rassistischen Sprüchen der Kragen geplatzt. Er führte mit den Spielern des AC Mailand einen Spielabbruch herbei. Die Aktion machte Schlagzeilen. Boateng erfuhr viel Solidarität. Sogar die Vereinten Nationen haben ihn eingeladen, am Internationalen Tag gegen Rassismus in Genf zu sprechen. Eine Tat sagte plötzlich mehr als tausend Antirassismus-Worte.

In vielen Städten steigt der Druck der Rechten auf die Kurven

Von der Fifa werden seitdem überfällige Vorschläge und Sanktionen ins Spiel gebracht, die dieser Schattenseite des Fußballs zumindest rechtlich begegnen sollen. Die staatliche Kommission für Sportveranstaltungen Italiens plant gar, dass Polizeibeamte im Stadion ein Fußballspiel wegen rassistischer Fansprüche abbrechen können - nicht nur der Schiedsrichter. Der Weltverband verurteilte gleichzeitig Bulgarien und Ungarn, kommende Heimspiele wegen rassistischer und antisemitischer Ausfälle ihrer Anhänger in leeren Stadien auszutragen. Das ist die härteste Strafe, die für solche Vergehen bisher verhängt worden ist. Die Fifa hat ein Exempel statuiert.

Rassismus und Antisemitismus kommen überall im europäischen Fußball vor, die Ausprägungen unterscheiden sich jedoch. In Deutschland hat die Liste des Simon-Wiesenthal-Zentrums der zehn schlimmsten antisemitischen (und antiisraelischen) Hetzer zuletzt Diskussionen entfacht, weil der Verleger Jakob Augstein darauf als Nummer neun geführt wird. Untergegangen ist dabei, dass europäische Fußballfans Rang vier belegen. In der Begründung wird der Tendenz nach zutreffend festgestellt, dass Antisemitisches bisher auf den Fußballplätzen im Osten Europas „zu Hause“ war, nun aber auch im Westen zu finden ist.

In England ist der jüdisch geprägte Klub Tottenham Hotspur Ziel von Anfeindungen. „Fans“ von West Ham United imitierten zuletzt das Zischen von Gas. In Italien treten Anhänger von Lazio Rom regelmäßig provozierend in Erscheinung, ob nun antisemitisch oder rassistisch. In Deutschland berichtet der frühere Nationalspieler Asamoah in seiner Biographie von rassistischen Beleidigungen in der Liga, auch nach der WM 2006. Im Osten des Landes tauchen rechte Symbole bis heute in den Stadien auf, aber meist macht sich Fremdenfeindlichkeit in deutschen Arenen unsichtbar - ein Anpassungsprozess der extremen Rechten auf die gewachsene Sensibilität. Dennoch steigt in vielen Städten deren Druck auf die Kurven. Die drohende Unterwanderung durch eine erstarkende rechte Szene ist eine weit brennendere Gefahr als die Bengalos, nicht nur für die Subkultur der Fans.

„Jede Regierung hat die Fußballfans, die sie verdient“

In Europa stechen die Auswüchse in den Ländern, in denen rechtsextreme oder -populistische Parteien in den Parlamenten vertreten sind, in den Stadien besonders hervor. Auf der Liste des Wiesenthal-Zentrums findet sich die Verbindung zwischen rechtsextremen Parteien und Diskriminierungen im Fußball unmittelbar wieder. Auf Rang fünf, gleich hinter den europäischen Fans, liegt Oleg Tjagnibok, der Chef der rechtsradikalen ukrainischen Freiheitspartei, die bei der Parlamentswahl mehr als zehn Prozent der Stimmen erhielt. In der Ukraine und vor allem in seiner Heimatstadt Lemberg steht der Fußball immer wieder im Zeichen von Rassismus und Antisemitismus. Das Phänomen von rechtspopulistischer Repräsentanz in der Politik und Affengebrüll im Stadion gibt es auch in Polen, Ungarn oder Russland, aber auch in Westeuropa.

Das traurige Beispiel ist Italien. Einer der überführten Pöbler im Fall des AC Mailand ist ein junger Lokalpolitiker der rechtspopulistischen Lega Nord. Während Milan-Präsident Berlusconi Stolz über die Aktion von Boateng und seiner Mannschaft äußerte, schmiedete er gleichzeitig an einem Bündnis mit der Lega Nord. Rassismusfachleute im europäischen Fußball unken daher nicht nur mit Blick auf Italien: „Jede Regierung hat die Fußballfans, die sie verdient.“

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 28.01.2013, 06:58 Uhr

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