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Rassismus im Fußball „Ich bin doch nur ein Mensch“

 ·  Deutsche Wirklichkeit neben dem Fall Boateng: Der Nigerianer Ikenna Onukogu wird im Tor seines Fußballvereins rassistisch beleidigt und beworfen. Er wehrt sich und wird vom Fußballverband Niederrhein aus dem Verkehr gezogen - „zur einstweiligen Sicherung des Sportverkehrs“.

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© WAZ FotoPool Vergrößern Ende eines Spiels: Der Schiedsrichter bricht die Partie ab, Ikenna Onukogu geht, gegnerische Spieler schalten sich ein

Es war der 3. Januar, als ein Testspiel eines italienischen Amateurklubs im Norden Mailands weltweit für Aufsehen sorgte. Der AC Mailand war zu einem Viertligaklub nach Busto Arsizio gekommen, und es dauerte nicht lange, bis Kevin-Prince Boateng und die beiden anderen schwarzen Spieler seines Teams von einem Teil der Zuschauer rassistisch geschmäht wurden. Nach einer knappen halben Stunde reichte es dem in Berlin-Wedding aufgewachsenen Boateng, er schnappte sich den Ball und drosch ihn in Richtung der Krakeeler auf der Tribüne. Dann zog Boateng sein Trikot aus und verließ den Platz, seine Mitspieler folgten ihm. Der AC Mailand kehrte nicht mehr aufs Spielfeld zurück. Am nächsten Tag sendete selbst CNN in Amerika einen Bericht über die Vorfälle in Norditalien, für seine Aktion im Kampf gegen Rassismus erhielt Boateng überall auf der Welt Zuspruch und Anerkennung.

Nach ein paar Wochen bekam er eine Einladung der Vereinten Nationen. An diesem Donnerstag wird Boateng nun vor den UN in Genf auf dem internationalen Tag gegen Rassismus und Diskriminierung sprechen. Einen Tag später hat ihn Joseph Blatter, der Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes, in die Zentrale des Weltfußballs eingeladen, um mit ihm über das Problem des Rassismus im Fußball zu sprechen. Bei dieser Gelegenheit könnte Boateng eine Geschichte aus seiner Heimat mitbringen, um zu zeigen, was ein Spieler noch immer erleben kann, der rassistisch beleidigt wird - und dessen Geschichte es nicht bis zu CNN und den Vereinten Nationen schafft, sondern nur in der Bezirksliga am Mittelrhein spielt.

Provokateure direkt im Rücken

Es war am 3. März, als Ikenna Onukogu aus Nigeria im Tor von Hertha Hamborn stand. In seiner Heimat hatte es Onukogu bis in die U-17- und U-21-Nationalmannschaften gebracht. Er schaffte es zur Junioren-Weltmeisterschaft in Trinidad und Tobago, er spielte auch einmal in Göteborg in der zweiten schwedischen Liga. Aber zu einer großen Karriere hat es nicht gereicht. Nun steht er an diesem Tag im Spiel gegen Dostlukspor Bottrop mit 27 Jahren zum ersten Mal im Tor von Hamborn. Hinter seinem Tor versammeln sich ein paar Anhänger des Gegners. „Es waren so zehn, zwanzig Leute“, sagt Onukogu. „In der zweiten Halbzeit haben sie dann angefangen, mich ständig zu beleidigen, auch rassistisch. Sie standen ungefähr fünf Meter hinter meinem Tor.“ Der Torwart hört, wie sie ihn „Affe“ rufen. „Arschloch“. „Nigger“. Er sagt, wenn die Leute hundert Meter entfernt gewesen wären, hätten ihn Beleidigungen nicht gekümmert, aber die Provokateure stehen in seinem Rücken.

Zunächst hat Onukogu den Linienrichter auf die rassistischen Anfeindungen aufmerksam gemacht, sagt er. Dann kam auch jemand von den Gastgebern von der Tribüne hinter sein Tor gelaufen. Für zehn Minuten sei es ruhig gewesen, aber dann ging es weiter mit den Beleidigungen. Der Torwart informiert den Schiedsrichter, doch der habe ihm entgegnet, er solle sich nicht so aufregen, es sei doch „alles unter Kontrolle“. Immer wieder hört Onukogu nun die „Nigger“-Rufe hinter seinem Tor. Es hört einfach nicht auf. Alles könne er ertragen, sagt der Torwart, „aber das Wort Nigger kann ich nicht akzeptieren“. Zwei Minuten vor Schluss geht es nicht mehr. Onukogu wird mit einer Plastikflasche beworfen, die solle er sich in seinen Arsch stecken, hätten die Männer hinter seinem Rücken gerufen. Er ist voller Zorn und wirft die Flasche dahin zurück, wo sie her kam. „Ich konnte es nicht mehr aushalten“, sagt der Torwart, „ich bin ausgerastet“.

Er rennt auf die Leute hinter seinem Tor zu, es kommt zum Tumult, zu Handgreiflichkeiten. Zuschauer und Spieler gehen aufeinander los, ein Mitspieler muss den wütenden Onukogu festhalten. Der Schiedsrichter bricht die Partie ab. „Ikenna war nach dem Spiel völlig fertig gewesen, und er fragte mich, warum er so behandelt wird“, sagte sein Trainer, „,ich bin doch nur ein Mensch‘, sagte er immer wieder.“ Nach dem Duschen seien einige Spieler der anderen Mannschaft zu ihm gekommen und hätten sich für das Verhalten der Zuschauer entschuldigt, erzählt Onukogu. Das sei nicht das erste Mal gewesen.

Ende vergangener Woche geht bei Hertha Hamborn ein Schreiben der Bezirksspruchkammer des Fußballverbandes Niederrhein ein. Darin heißt es: „Der Spieler ist dringend verdächtig, sich durch sein Verhalten einer groben Unsportlichkeit schuldig gemacht zu haben und auf Grund des Ausmaßes des Fehlverhaltens die vorläufige Sperre zur einstweiligen Sicherung des Sportverkehrs notwendig erscheint.“ Onukogu eine Gefahr für den Sportverkehr auf den Fußballplätzen? Der Torwart wird bis zur Verhandlung am 4. April vorläufig gesperrt, vier oder fünf Spiele wird er seinem neuen Klub schon vor dem Urteil fehlen.

„Ich kann das momentan nicht verkraften“

Christian Birken ist der Präsident von Hertha Hamborn, und er weiß gar nicht, über wen er sich mehr aufregen soll: über den Verband, über den Schiedsrichter oder über den Gastgeber. Er wirft allen „totales Versagen“ vor. Dem Klub, weil er nicht für Ruhe unter seinen Zuschauern habe sorgen können; dem Schiedsrichter, weil er nicht eingegriffen habe und das Spiel laut Statuten wegen der rassistischen Beleidigungen hätte abbrechen können; und dem Verband, der nun ohne Rücksicht auf die besonderen Umstände eine solche Sperre ausspreche. „Die haben die falsche Denkweise“, sagt Birken über den Verband. Und dem Schiedsrichter habe womöglich der Mut gefehlt, das Spiel wegen rassistischer Angriffe abzubrechen. Der Gegner hatte 1:0 geführt, dann wären die Punkte für den Klub weg gewesen, und da habe es der Schiedsrichter vielleicht selbst mit der Angst zu tun bekommen. Zu gewaltsamen Ausschreitungen komme es immer wieder in diesen Ligen, sagt Birken.

Onukogu aber versteht die Welt nicht mehr. „Das ist doch nicht korrekt vom DFB. Warum passiert so etwas, wenn ich beleidigt und bedrängt werde?“, fragt er. „Ich kann das momentan nicht verkraften, das ist nicht gut für meine Psyche.“ Onukogu will Anzeige erstatten, gegen Unbekannt.

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