20.06.2009 · Der Getränke-Gigant „Red Bull“ will in der Region Leipzig einen schlafenden Riesen erwecken. So wurde aus dem SSV Makranstädt nun Rasen Ball Leipzig. Vorbild ist Salzburg, aber auch Hoffenheim. Eines ist klar: Die Ziele sind ziemlich hoch gesetzt.
Von Michael HoreniDer Pressesprecher von Red Bull Salzburg hat in diesen Tagen einiges zu tun. Ständig kommen die Deutschen. Sie wollen alles wissen. Wie das mit dem Stadion läuft. Wie es mit der Jugendarbeit klappt. Wie das mit der Meisterschaft geht. Und über allem steht die Frage: Wie funktioniert Red Bull? Seit am vergangenen Wochenende der Nordostdeutsche Fußball-Verband erlaubt hat, das Oberliga-Spielrecht des SSV Markranstädt auf den neuen kurios klingenden „Rasen Ball Leipzig e.V.“ zu übertragen, lockt der österreichische Meister RB Salzburg als Anschauungsobjekt für deutsche Fußballbeobachter.
Mehr als dreißig Anfragen hat der Pressesprecher seitdem erhalten. Was sie alle in diesen Tagen vom Pressesprecher in Salzburg zu hören und zu sehen bekommen, ist nicht weniger als das Versprechen auf eine blühende Fußball-Landschaft im Osten nach zwanzig Jahren der Dürre. „Die Erwartungshaltung ist sehr hoch. In Leipzig können wir noch nicht viel herzeigen. Deswegen kommen sie jetzt zu uns nach Salzburg und sind sehr beeindruckt. Wir wissen, dass die Leute in Leipzig wollen, dass nachhaltig gearbeitet wird und wir einen schlafenden Riesen erwecken. Das wollen wir auch“, sagt ein Sprecher von Red Bull.
Der Sprecher will nicht mit Namen genannt werden. Das ist Teil der Firmenpolitik des Getränke-Giganten. Die Aufgaben und die Ziele sollen im Mittelpunkt stehen. Nicht die Personen, die im Osten Deutschlands die nächste Erfolgsgeschichte auf dem Weg zu einem weltweiten Sportimperium des Firmengründers Dietrich Mateschitz planen. Konkrete Ziele zu nennen, die bei RB Leipzig am Ende eines langen Weges stehen sollen, fällt dem namenlosen Sprecher nicht schwer: die Champions League.
„Wir nennen keine Jahreszahl für die Bundesliga“
„Das Modell Hoffenheim lässt uns hoffen“, sagt er. „Aber wir wollen es nicht kopieren, sondern es als Red Bull machen.“ Und das Modell Red Bull – das offiziell nicht so heißen darf, weil Firmennamen für Klubs bis auf Ausnahmen wie Bayer Leverkusen oder Carl Zeiss Jena unzulässig sind – geht in Deutschland so: In der Abschlusstabelle der Oberliga Nordost liegt der SSV Markranstädt auf Platz sechs zwischen Halberstadt und Zwickau. Das ist fußballerisches Niemandsland. Aber die geographische Lage von Markranstädt, das stolz vermerkt, dass Napoleon vor gut zweihundert Jahren einmal in dem Örtchen nächtigte, ist zum entscheidenden Standortvorteil geworden.
Markranstädt liegt nur dreizehn Kilometer von Leipzig entfernt – und damit mitten in einer fußballbegeisterten Region mit einem erstklassigen Stadion. Perfekte Vorraussetzungen, wie Red Bull findet, um von der fünften Klasse aus den deutschen Profifußball zu erobern. „Wir nennen keine Jahreszahl für die Bundesliga“, sagt der Sprecher. Ob fünf oder zehn Jahre, das sei nicht entscheidend. Acht Jahre bis in die Bundesliga, so verlautet aus dem Unternehmen, wären aber nicht schlecht. Es ist die Rede von langfristigen Investitionen von rund 100 Millionen Euro. Aber das Unternehmen, das keine Namen nennen mag, schweigt auch bei den Zahlen.
Michael Kölmel ist der Besitzer des Leipziger Stadions. Er hat seit vielen Jahren in den Leipziger Fußball investiert, aber die rivalisierenden Traditionsklubs FC Sachsen (in der Insolvenz) und Lok Leipzig sind weit entfernt vom Profifußball. Red Bull könnte nun der Partner sein, der dem Leipziger Fußball den entscheidenden Kick gibt. An der Zuverlässigkeit und der langfristigen Ausrichtung der Österreicher hat Kölmel keinen Zweifel. Auch in der Formel 1 hat Red Bull sich über die Jahre nach vorne gearbeitet, in Leipzig ist von Planungszeiten über Generationen die Rede. Der Vertrag über die Namensrechte für das Stadion soll mindestens bis zum Jahr 2030 laufen – mit einer Option auf Verlängerung.
„Wir haben 1000 Fans verloren, aber 20.000 gewonnen“
Schon die Vorarbeiten sprechen für ein nachhaltig angelegtes Projekt. Über drei Jahre hat sich das Unternehmen in Leipzig und Umgebung nach einem Klub umgeschaut. In Markranstädt können sie ihre Vorstellungen umsetzen. Das heißt für Red Bull: „Wir wollen von Beginn an gestalten.“ Beim FC Sachsen war das nicht möglich. Es ist nun viel die Rede von einer offenen Partnerschaft, von der alle profitieren sollen – der Übernahmepartner aus Markranstädt, die Stadt Leipzig, die Menschen in der Region, sogar die Leipziger Fußballkonkurrenz und natürlich Red Bull. Aber schon sind Werbebanden im derzeitigen „Stadion am Bad“ von Markranstädt beschmiert worden von Gegnern der Übernahme. Dem Rasen wurde mit Unkrautbekämpfungsmittel zugesetzt. Die lokalen Widerstände haben die „global player“ jedoch einkalkuliert. Das werde sich beruhigen, glauben sie.
In Salzburg war das einst viel schlimmer. Dort schlossen sie dann gewaltbereite Anhänger nach dem Einstieg aus. „Wir haben 1000 Fans verloren, aber 20.000 gewonnen“, sagt der Sprecher. Da sieht die Sache in Leipzig tatsächlich besser aus. Eine Umfrage der „Leipziger Volkszeitung“ ergab, dass siebzig Prozent den Einstieg von Red Bull begrüßen. Auch Oberbürgermeister Burkhard Jung unterstützt den „dritten Weg“ in Leipzig. Es ist die große Sehnsucht nach Profifußball, die in Leipzig unbedingt gestillt werden will. Die Nachwuchsförderung ist zentraler Bestandteil des Konzepts von Red Bull. Das Nachwuchszentrum des FC Sachsen will der Konzern daher auch erhalten, nicht einfach wegkaufen. Aber wer am Ende bestimmt, wo es langgeht, ist auch in diesem Fall klar: die Jungs, die dem Leipziger Fußball Flügel verleihen wollen.
„Das Verhältnis Österreich - Deutschland ist 1:10“
Sie werden das mit der Power ihrer internationalen Aktivitäten tun. Aus den Fußballakademien von Red Bull in Ghana und Brasilien sollen irgendwann junge Spieler integriert werden, sagt der Sprecher. „RB Leipzig ist eine Unterstreichung unseres Fußballengagements.“ Man kann auch sagen: der fehlende Teil einer weltweiten Fußball-Wertschöpfungskette. Bisher gibt es das Kürzel RB noch in Salzburg und New York. Der große europäische Fußballmarkt lässt sich so aber nicht erobern.
Die Europa League ist mit Salzburg zwar eine realistische Vorgabe, die Champions League jedoch ein nicht planbares Ziel, wie der Sprecher zugibt. Aber genau das strebt Red Bull an: planbaren Erfolg auf höchstem Niveau. „Das Verhältnis Österreich – Deutschland ist 1:10. Das gilt für alles“, sagt er. Mit anderen Worten: Mit dem Einstieg in Deutschland ist endlich der Markt gefunden, der auch Red Bull beflügelt. Leipzig als Tor nach Europa. Das ist ein Plan, der wie ein Zaubertrank auf Leipzig und die ganze Region wirken soll.