Seit dem Sommer versucht Ralf Rangnick, der finanziell hochgerüsteten, aber stagnierenden Fußballsparte bei Red Bull neuen Schwung zu verleihen. Der langjährige Bundesligatrainer ist als Fußballdirektor verantwortlich für die Standorte Salzburg und Leipzig. Der Klub in Österreich holte in der vergangenen Saison erstmals das nationale Titel-Double, blamierte sich dann aber in der Qualifikation zur Champions League. RB Leipzig verpasste zwei Jahre den Aufstieg in die dritte Liga, führt nun aber die Regionalliga Nordost an. Der 54 Jahre alte Rangnick, der einst Hoffenheim in die Bundesliga geführt hatte, gab vor einem Jahr seinen Trainerjob bei Schalke 04 überraschend wegen Burn-out auf und setzte neun Monate aus. Die gesundheitlichen Probleme will er überwunden haben. „Ich habe gelernt, einfach mehr auf mich zu achten. Es muss Auszeiten vom Job und andere Dinge im Leben geben. Ich habe meine Ernährung umgestellt und nehme mir vor, regelmäßig Sport zu treiben“, sagt Rangnick.
Red Bull ist nicht nur Hersteller von Lifestyle-Brause, sondern inzwischen auch Unterhaltungskonzern. Verkauft werden Sensationen wie zum Beispiel gerade der Stratosphären-Sprung des Österreichers Baumgartner. Was haben Sie als Fußballdirektor des Unternehmens zu bieten?
Wir betreiben eher traditionellen Leistungssport, da ist Red Bull ja auch sehr engagiert - egal ob Formel 1, Skifahren oder eben Fußball. Dabei wollen wir durchaus auch die Zuschauer mit attraktivem Fußball unterhalten und somit nicht nur reinen Ergebnis-, sondern auch Erlebnissport bieten.
Die Realität bei den beiden Vereinen, für die Sie zuständig sind, ist gar nicht so poppig-bunt, sondern grau: Salzburg kommt international nicht aus den Puschen und hat sich da zum Gespött gemacht. Leipzig hängt in der vierten Liga fest. Firmenchef Dietrich Mateschitz soll schon mehrere hundert Millionen Euro in den Fußball investiert haben - und so heißt es inzwischen: Die werden es ja nie schaffen.
Das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb Gérard Houllier (globaler Fußballdirektor) und ich geholt wurden. Dietrich Mateschitz hat gemerkt, dass es im Fußball nicht so gelaufen ist wie in vielen anderen Sportarten, in denen Red Bull mit seinen Teams und Athleten zum Marktführer geworden ist.
Welchen Auftrag hat Ihnen Herr Mateschitz erteilt?
Wir werden die Vereine in Salzburg und Leipzig so aufstellen, dass wir dauerhaft Erfolg haben können - im Sinn der Marke Red Bull.
Was bedeutet das konkret?
Wir brauchen eine neue Kultur, andere Strukturen, personelle Veränderungen und wollen vor allem eine andere Art von Fußball spielen. Attraktiver, hungriger, angriffslustiger, mit Teamgeist und einer deutlich jüngeren Besetzung in beiden Kadern. Das entspricht ja auch eher dem Produkt Red Bull. Es steht doch gerade für Power und Dynamik. Ein Großteil der Zielgruppe dürfte bei jungen Menschen zwischen 15 und 25 Jahren liegen, weshalb es Sinn macht, auch im Fußball dort den Schwerpunkt zu setzen. Wir haben in Salzburg in den vergangenen Monaten den Altersdurchschnitt im Kader schon mal um vier Jahre auf 23 Jahre gesenkt. Wir wollen dieses Konzept auch auf unsere beiden Jugendakademien in Ghana und Brasilien übertragen. Wir brauchen eine einheitliche Ausbildung und müssen unsere Potentiale mehr nutzen. Es kann ja nicht sein, dass wir seit Jahren viel Geld in die Akademien in Brasilien und Ghana stecken, und keiner dieser Spieler gehört in Salzburg zum Kader.
Red-Bull-Fußball gibt es in Salzburg, Leipzig und New York, dazu existieren die beiden genannten Akademien. Das ist in vielerlei Hinsicht ein ungeheurer Aufwand. Besteht nicht die Gefahr, sich gnadenlos zu verzetteln?
Das ist wie in einem globalen Wirtschaftsunternehmen: Wir brauchen gute Leute, welche die verschiedenen Bereiche verantworten und voranbringen. Diese Abteilungen müssen dann am Ende für den Gesamterfolg gut zusammenarbeiten und ineinandergreifen. Dann entstehen auch Synergien. Wir kümmern uns gerade um den Aufbau einer gemeinsamen Scoutingabteilung, die für alle Standorte arbeitet.
Gibt es eine Priorität für Leipzig, weil der Klub sich im wichtigeren Fußball- und Werbemarkt befindet?
Das kann man noch nicht so sehen. In Leipzig versuchen wir jetzt erst einmal den ersten Aufstieg zu schaffen, der zwei Jahre verpasst wurde. Das wird dieses Mal nicht leichter, weil die Meisterschaft nicht mehr wie ursprünglich ausreicht, sondern danach noch ein Play-off um den Aufstieg kommt. Das Fernziel in Leipzig lautet natürlich Bundesliga - so schnell wie möglich. Aber wir müssen zuerst den ersten Schritt schaffen. Salzburg ist für uns weiterhin wichtig, weil der Klub in der Nähe des Firmensitzes liegt und wir auch dort mit unserer neuen Philosophie erfolgreich Fußball spielen wollen. Salzburg hatte in der Vergangenheit ein großes Fan-Potential.
Wofür soll der Rangnick-Red-Bull-Fußball noch stehen?
Wir wollen jedes Jahr den einen oder anderen jungen Spieler aus unseren Akademien in die erste Mannschaft einbauen. Das braucht natürlich noch etwas Zeit. In Hoffenheim fingen wir damit vor sechs Jahren an, heute verfügt der Verein über eine der besten U-23-Mannschaften in Deutschland. Unsere Hauptaufgabe in Leipzig wird sein, im Umkreis von 150, 200 Kilometern die jeweils Besten im Jahrgang nicht nur auf dem Zettel zu haben, sondern in unseren Verein zu holen.
Welche angenehmen Seiten hat es, nicht in einem tief verwurzelten Traditionsklub zu arbeiten?
Strukturelle Veränderungen und personelle Entscheidungen lassen sich in jungen Vereinen schneller und flexibler umsetzen. Man ist beweglicher, es gibt keine alteingesessenen Hierarchien und weniger Widerstände im Umfeld.
Können Sie Ihre Aufgabe mit der in Hoffenheim vergleichen?
Als ich nach Hoffenheim kam, gab es keine Scoutingabteilung und auch keine medizinische Abteilung. Wir haben zunächst einmal angefangen, weiße Blätter zu beschreiben. Hier bei Red Bull gab es natürlich schon vorhandene Strukturen. Diese gilt es jetzt zu nutzen, auszubauen und weiter zu optimieren.
Derzeit müssen sich Herr Hopp und Herr Mateschitz mit Ihrem vielen Geld beim Fußball mit Mittelmaß abfinden.
In Hoffenheim ging es drei Jahre steil nach oben. Dann hat Dietmar Hopp den Klub stärker als Ausbildungsverein positioniert. Diese Saison wurde diese Marschrichtung verändert, dies ist sein gutes Recht. Ich glaube, dass Herr Mateschitz den Anspruch hat, in allen Sportarten, in denen sich sein Unternehmen engagiert, erfolgreich zu sein. Das gilt auch für den Fußball.
Superreiche Fußball-Liebhaber oder Großinvestoren wie Hopp oder Mateschitz werden in Deutschland nicht gerne gesehen.
Viele Traditionsklubs wären doch froh, wenn sich solche Persönlichkeiten bei ihnen engagieren würden. Ich denke, bei Rot-Weiß Essen oder auch beim 1. FC Köln hätten die Leute nichts dagegen. Die wichtigste Frage dabei ist doch, ob das Investment langfristig angelegt ist oder nicht. Ich glaube, da muss man sich weder bei Herrn Mateschitz noch bei Dietmar Hopp Sorgen machen.
Herr Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund, hat zuletzt gesagt, er würde einen reichen Scheich nicht mal dann in seinem Büro empfangen, wenn dieser an die Tür klopfen würde. Wird die Frage, woher das Geld für den Fußball kommt, in Deutschland nicht zu dogmatisch gesehen?
Die direkten Vorgänger von Herrn Watzke hatten nach deutscher Meisterschaft und Champions-League-Sieg finanzielle Möglichkeiten wie kaum ein anderer Klub damals außer vielleicht Bayern München. Trotzdem haben sie es geschafft, den Verein gegen die Wand zu fahren. Das zeigt doch, dass Tradition plus Geld nicht automatisch für Erfolg und volle Kassen stehen. Es gibt genügend Beispiele von Traditionsklubs, die mit ihren Möglichkeiten nichts Vernünftiges angestellt haben. Für mich ist entscheidend, ob nachhaltig gearbeitet wird und eine Philosophie vorhanden ist - dieses Kriterium gilt genauso für Mäzene oder Investoren, die ihr Geld in neue Fußballprojekte stecken.
Sie wissen noch, als Sie mit Hoffenheim hochkamen, welcher Hass teilweise Herrn Hopp und dem Verein entgegenschlug. Erwarten Sie das genauso für Leipzig?
Natürlich hatten wir in Hoffenheim, vor allem am Anfang, mit einer zum Teil massiven Gegenwehr und Abneigung zu kämpfen. Allerdings hat sich dies durch den Aufstieg und den mitreißenden und attraktiven Fußball, den diese junge Mannschaft gespielt hat, schnell verändert, und wir konnten uns im ganzen Land großer Sympathie erfreuen. In Leipzig haben wir eine etwas andere Situation. Natürlich gibt es auch Skepsis, aber der Fan-Zuspruch ist jetzt schon enorm. Dass es vereinzelt Vereine gibt, die bereits ausgemachte Freundschaftsspiele kurzfristig absagen, ist natürlich bedauerlich. Aber auch dies wird sich mit der Zeit von alleine regulieren.
Einer Ihrer Spieler in Leipzig sagte letztens: „Wir Ösis und Ossis müssen zusammenhalten.“
Ich kannte das Zitat bislang nicht, aber es gefällt mir durchaus. Wir wollen bei der Auswahl der talentiertesten Spieler darauf achten, dass diese vor allem aus der Region kommen. Da müssen wir vertreten sein. Das verbindet. Es haben bereits gemeinsame Workshops der beiden Vereine stattgefunden, um den Austausch zu fördern, Synergien zu nutzen und vor allem auch ein beidseitiges Interesse zu stärken.
Will sich Leipzig als Gegenpart zum reichen Fußball-Establishment im Westen positionieren?
Natürlich ist das theoretisch vorstellbar. Ehrlich gesagt, hat auch mich genau diese Vision an dem neuen Job gereizt.
Guter Mann, der Rangnick, nur leider schon wieder das falsche Projekt
Hugh Greene (hughgreene)
- 18.10.2012, 22:05 Uhr