06.10.2008 · Der Niederländer begeistert das Publikum und ist nicht mehr aus der Mannschaft wegzudenken
Von Paul Ingendaay, MadridVon Madrid aus gesehen besteht das Fußballuniversum aus kleinen, sehr weit entfernten Punkten, die erst den Namen von Planeten erhalten, wenn ein Spieler von ihnen ins Bernabéu-Stadion herunterschwebt, um das weiße Trikot überzuziehen.
Bei der Verpflichtung von Rafael van der Vaart im vergangenen Sommer machte sich allerdings leises Befremden breit. Denn der Niederländer war alles andere als erste Wahl. Wie schon im Vorjahr hatte Reals Vereinsboss Ramón Calderón an einem dicken Seil gezerrt, um Portugals Starstürmer Cristiano Ronaldo an Land zu ziehen, doch seine Ausbeute waren Gespött und eine Menge Ärger. Ronaldo kam nicht. Und auch die anderen großen Namen auf Bernd Schusters Wunschliste, von David Villa bis zu Klaas-Jan Huntelaar, verflüchtigten sich. Übrig blieb ein einziger Neuzugang: Rafael van der Vaart, fünfzehn Millionen Euro schwer. Kein Stürmer, nur einer fürs Mittelfeld. Und vom Hamburger SV? Nicht alle Anhänger der „Königlichen“ wissen, wo sie das auf der Fußball-Landkarte suchen müssen. (siehe auch: Einigung in der Nacht: Van der Vaart bestätigt Wechsel zu Real Madrid)
Erster Pluspunkt: Frau Sylvie
Die Wirklichkeit hält glücklicherweise ihre eigenen Überraschungen bereit. Die erste bestand aus Sylvie, van der Vaarts schöner Frau. Bei der Präsentation ihres Mannes im Real-Trikot zog sie mindestens so viele Kameras auf sich wie der neue Spieler. Befragt, ob sie und Rafael nach Madrid gekommen seien, um das Glamour-Erbe von David und Victoria Beckham anzutreten, antwortete das Model diplomatisch: Victoria Beckham sei doch ein Rockstar gewesen, das könne man gar nicht vergleichen.
Was das Übrige betrifft, wird sie ziemlich leichtes Spiel haben. Die Beckham-Lady ist in Madrid, anders als ihr Mann, vor allem durch Distanz, Verwöhntheit und schlechte Manieren aufgefallen. Dabei könnte es so einfach sein. Wer hier nur mitlacht und nicht den Eindruck erweckt, ein paar Millionen Euro Jahresverdienst verschafften Zutritt zu einer anderen Spezies, hat eigentlich schon gewonnen.
Erstes Spiel, erstes Tor
Die Saison ist noch zu jung, um ein sportliches Urteil zu wagen, doch die ersten Proben von Rafael van der Vaart haben das wählerische Publikum des spanischen Rekordmeisters überzeugt. Gleich im ersten Spiel vom Platz zu fliegen ist vielleicht nicht die beste Empfehlung, andererseits hat jeder Verständnis dafür, dass so etwas in der Hitze des Gefechts passieren kann. Wichtiger aber ist, was für ein Charakter in diesen Schuhen steckt und welche Vision in seinem Kopf.
Van der Vaart gehört dem Typus des obsessiven Angriffsspielers an. Im ersten Heimspiel, dem mühsam erkämpften 4:3 gegen Aufsteiger Numancia, schoss der Neuzugang gleich ein Tor. Die Leute werden sich daran gewöhnen müssen, schnell hinzuschauen, denn die Nummer 23 schnappte sich an der linken Strafraumgrenze einen eher harmlosen Ball, fackelte nicht lange und drosch ihn aus spitzem Winkel ins kurze Eck. Es sind die Holländer bei Real Madrid, die so etwas können: Sneijder, van Nistelrooy, van der Vaart.
Wer so viele Tore macht wie er, bleibt trotz aller Rotation drin
Dann kam das Heimspiel gegen Sporting Gijón, den Abstiegskandidaten Nummer eins der Primera División. Mit einem Hattrick verwandelte van der Vaart das Spiel in eine Soloshow. Am Ende stand es 7:1. Beim Treffer des Tages stand er mit dem Rücken zum Tor, verlängerte den Ball mit der Hacke und überlistete so den Torwart. „Picardía“ nennen das die Spanier, eine Mischung aus Mut, Frechheit und Inspiration. Mit diesen Eigenschaften kann es der Mann, der eine spanische Mutter hat, aber kaum ein Wort Spanisch spricht, bei Real Madrid weit bringen.
Trainer Bernd Schuster ist allerdings nicht zu beneiden. Die Abwehr steht. Im Sturm ist die Personaldecke ein bisschen dünn. Doch im Mittelfeld treten sich die kreativen Kräfte auf die Zehen. Sind alle gesund, hätte der Coach neben den defensiven Diarra und Gago noch Guti, Sneijder, de la Red und van der Vaart zur Auswahl. Ob es unter diesen Bedingungen einen „Spielmacher“ alter Prägung geben kann, ist fraglich, und es ist vielleicht kein Zufall, dass die Trainer beider spanischer Spitzenklubs, Madrid und Barcelona, seit Wochen den Segen der Rotationen beschwören.
Sie versuchen, ihre Männer bei Laune zu halten und ihnen zugleich einzubleuen, dass in Zeiten knochenharter Beanspruchungen in drei Wettbewerben die Zeit der unanfechtbaren Stammspieler vorbei ist. Was in der Praxis davon übrig bleibt, könnte wieder für Rafael van der Vaart sprechen: Wer so viele Tore macht wie er, bleibt drin.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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