http://www.faz.net/-gtl-98dpt

Kein Platz für Oligarchen : 50+1 bleibt – bis auf weiteres

Ein Stück Fußballkultur bleibt erhalten: Die 50+1-Regel bleibt bestehen. Bild: dpa

Die DFL-Klubs haben entschieden: Im deutschen Fußball werden es Investoren weiterhin sehr schwer haben, Fuß zu fassen. Es bleiben die Zweifel an der Rechtssicherheit.

          Eine Diskussion darüber, wie die Debatte weiter geführt werden soll – das sollte es eigentlich werden am Donnerstag bei der Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Frankfurt. Intensiv diskutiert wurde dann auch unter den Vertretern der 36 Profiklubs der ersten und zweiten Liga, und lang, deutlich länger als ursprünglich avisiert. Um 14 Uhr, als die Pressekonferenz in einem Hotel am Flughafen angesetzt war – vorsichtshalber unverbindlich –, öffneten sich zwar die Türen des Versammlungssaals, es war aber nur eine weitere kurze Pause im Tagesprogramm, das noch lange nicht abgearbeitet war. Es ging ja aber auch um die seit Monaten heißdiskutierte Kultur- und Wettbewerbsfrage des deutschen Fußballs: Wie es weitergehen soll in der Diskussion um 50 plus 1, dieser satzungsgemäßen Beschränkung des Investoreneinflusses, die es so nur in Deutschland gibt.

          Als es dann, gegen 16 Uhr, so weit war, hatten schon erste Meldungen von einem Erfolg der Beharrungs- und Bewahrungskräfte die Runde gemacht – und tatsächlich war es dann eine Überraschung, was DFL-Präsident Reinhard Rauball coram publicum verkündete, eine doppelte sogar. Überraschend, dass es überhaupt eine solche Festlegung gab, und auch, dass das Votum so deutlich ausfiel: 50 plus eins bleibt bis auf Weiteres Gesetz in Fußball-Deutschland, und die weitere Diskussion wird sich vor allem darum drehen, die Rechtssicherheit dieser Regel zu gewährleisten. Dies sah ein Antrag des FC St. Pauli vor, in den die Diskussion letztlich gemündet sei, wie Rauball berichtete.

          Immerhin 18 von 34 abstimmenden Klubs folgten dem Antrag des Hamburger Zweitligaklubs, bei neun Enthaltungen und vier Stimmen „gegen die Formulierung“, wie es hieß. Als interessant dürfte sich noch ein Zusatz erweisen, den der Antrag über den Kern hinaus enthielt: „weitere Überlegungen hinsichtlich geänderter Rahmenbedingungen“ – das lässt durchaus noch Spielraum für Interpretation und inhaltliche Anpassungen. Was damit genau gemeint ist, und ob die Schaffung von Rechtssicherheit nicht doch an erhebliche Modifikationen gebunden sein wird, muss sich erst noch zeigen. Die DFL hat eine Agentur beauftragt, um den weiteren Weg mit den Klubs zu erarbeiten.

          Für den Augenblick zumindest konnte die Fraktion der Bewahrer sich nach außen als Sieger präsentieren. „Allen, die es gut mit dem Fußball meinen, gefällt diese Entscheidung. Es ist ein wichtiges Signal, das davon ausgeht“, sagte Andreas Rettig, der Geschäftsführer des FC St. Pauli. Er war besonders auf Konfliktlinie zu Christian Seifert gegangen, dem DFL-Geschäftsführer, der eine deutliche innovationsfreudigere Position vertreten hatte. Aber auch Rettig machte klar, dass die Debatte weitergehen müsse. „Wir dürfen jetzt nicht die Hände in den Schoß legen und uns neuen Entwicklungen nicht verschließen.“ Seifert wiederum war deutlich anzumerken, dass die Macher gerne mehr Mut für Veränderung gesehen hätten, auch wenn sie natürlich betonten, dass die Verantwortung bei den Vereinen liege. Seifert sprach vom „schwierigen Spagat“, den die Klubs zu bewältigen hätten, auch vom Wert der 50-plus-eins-Regel. Er sagte aber eben auch, dass sich seit der Einführung der Regel „die ganze Welt geändert“ habe, und dass die Vereine sich überlegen müssten, wie sie darauf reagieren wollten. Zum Schluss sagten Rauball und Seifert unisono, dass sie sich mit den Fans freuten, deren Vertreter einen Erhalt von 50 plus 1 gefordert hatten und dazu in Frankfurt noch eine Petition übergeben hatten.

          Es klang aber auch ein bisschen nach: Ihr werdet womöglich noch sehen, was Ihr davon habt. Wenn denn überhaupt eine rechtssichere Lösung gefunden wird. Seifert sprach in diesem Zusammenhang vom „Damoklesschwert“, das weiter über der Regel schwebe. Der profilierteste unter den 50-plus-eins-Gegnern, Martin Kind, der Präsident von Hannover 96, kündigte unterdessen an, seinen Antrag auf Übernahme des Vereins zunächst weiter ruhen zu lassen. „Wir warten erstmal ab, was modifiziert wird“, sagte er.

          Umgehungskünstler von RB Leipzig

          Die Argumentation- und auch Streitlinien waren vor der „sehr lebhaften Diskussion“, von der Rauball sprach, deutlich gezogen. Einerseits geht es um Wettbewerbsgerechtigkeit innerhalb des deutschen Fußballs, andererseits aber auch um Konkurrenzfähigkeit im internationalen Geschäft. Zugespitzt hat sich die Lage durch Druck von zwei Seiten. Zum einen hat die Liga in Europa zu spüren bekommen, dass es unter den gegebenen Umständen zunehmend schwerer fällt mitzuhalten (auch wenn das nicht der einzige Grund ist). Zum anderen hat die Basis zuletzt aus Anlass der Montagsspiele in der Bundesliga unmissverständlich ihre Haltung zum Ausdruck gebracht, wonach eine rote Linie der Kommerzialisierung erreicht oder schon überschritten sei.

          Rauball hatte vorher Berichte, wonach schon an einer Änderung gearbeitet werde, als „infam“ bezeichnet. Offiziell hatte also noch niemand begonnen, diese Mauer einzureißen. Dass einige natürlich genau diese Absicht hatten und längst daran werkelten, war bekannt – ein paar größere Brocken waren ja auch schon herausgebrochen. Zuletzt hatte Kind eine Ausnahmegenehmigung angestrebt, wie sie zuvor auch Bayer Leverkusen, der VfL Wolfsburg und 1899 Hoffenheim aufgrund langjähriger substantieller Förderung erhalten hatten (die Umgehungskünstler von RB Leipzig sind ein anderer Fall).

          Kinds Rückzieher im letzten Augenblick, Anfang Februar, ging dann einher mit dem Startschuss für einen, so der Wunsch der DFL, breit angelegten Meinungsbildungsprozess. Dies explizit auch vor dem Hintergrund, dass die bisherige Regelung rechtlich auf wackligen Füßen steht und man lieber selbst Fakten schaffen möchte, als dies durch ein Gericht geschehen zu lassen. Das Thema Rechtssicherheit, so viel drang schon während des Sitzungsverlaufs nach außen, war dann auch einer der Knackpunkte am Donnerstag. Nicht auszuschließen, dass es sich noch als Knackpunkt von 50 plus eins in der bisherigen Form erweisen könnte.

          Weitere Themen

          Gegenpressing gegen Vereinsregister

          Mainz 05 : Gegenpressing gegen Vereinsregister

          Wie auf dem Fußballplatz agiert Mainz 05 auch auf juristischem Feld derzeit selbstbewusst: Einer Aufforderung des Vereinsregisters bezüglich einer Ausgliederung des Profifußballs kommt der noch immer eingetragene Verein nicht nach.

          Topmeldungen

          Es ist die erste Regionalkonferenz, auf der sich Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn den Mitgliedern ihrer Partei präsentieren.

          CDU-Regionalkonferenz : Gezielte Spitzen im Nebel der Nettigkeiten

          Stimmungstest für die potentiellen Merkel-Nachfolger an der CDU-Basis: Merz trifft nur einmal nicht den richtigen Ton, Kramp-Karrenbauer gibt sich bestimmt, Spahn tritt als Erneuerer auf – und jeder setzt ein paar gezielte Spitzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.