Vor zehn Jahren verkaufte Real Madrid für 480 Millionen Euro sein damaliges Trainingsgelände am Paseo de la Castellana und schaffte sich mit einem Schlag 270 Millionen Euro Schulden vom Hals. Der Ingenieur der Operation war Florentino Pérez, damals wie heute Präsident, legendär geworden ebenso durch seine Gier nach importierten Weltstars wie durch hartnäckige Erfolglosigkeit. Die Stadt und die Region Madrid sollen die Partner dieses Geschäfts gewesen sein, bevor portionierte Filetstücke an große Sparkassen, Versicherer und Baulöwen weitergereicht wurden.
Heute stehen an der Stelle, wo einst Netzer, Breitner und Raúl trainierten, die vier höchsten Hochhaustürme Spaniens, neue Wahrzeichen des modernen Madrid. Doch der Wind pfeift über das öde Areal, das nie Leben angenommen hat. Real hat gerade zur rechten Zeit Kasse gemacht. Wegen der Krise stehen viele Büroräume leer, und das Fünfsternehotel Euro Towers lockt Gäste mit Dumpingpreisen. Eine Überprüfung der damaligen Finanzoperation durch die Brüsseler Behörden – die Anzeige kam von den Real-Konkurrenten Bayern München und Manchester United – verlief 2004 im Sande. Auch wenn die genaueren Umstände des Pérez-Coups „dunkel“ waren, wie es hieß, ließ sich nicht nachweisen, dass spanische Behörden dem berühmtesten Fußballklub des Landes verdeckte Finanzspritzen verabreicht hatten.
Die Reserven sind längst aufgezehrt, und Real Madrid ist wieder verschuldet – man ist versucht zu sagen: „wie es sich gehört“. Die jüngsten Großkredite musste Pérez vergangenen Sommer aufnehmen, um den Kauf von Cristiano Ronaldo zu finanzieren, mit 94 Millionen Euro konkurrenzlos der teuerste Transfer der Fußballgeschichte. Von Kaká, dem dauerverletzten Reservisten zum Einkaufspreis von 65 Millionen, spricht man höflicherweise nicht. Aber Real ist nicht allein. Auch der FC Barcelona ist verschuldet, sogar noch stärker als der Erzrivale, weil die Katalanen ihr Trainingsgelände zum Trainieren brauchen. Im Sommer 2010 wurde die Lage bei den Katalanen richtig ungemütlich. Da musste Barça, um Spielergehälter zu bezahlen, den ukrainischen Vorstopper Dimitri Tschigrinskij nach nur einem Jahr mit zehn Millionen Verlust an seinen alten Verein Schachtjor Donezk zurückverkaufen. Um dieselbe Zeit entdeckte der neue Präsident Sandro Rosell hohe nicht ausgewiesene Verluste in den Vereinsbüchern und beantragte einen frischen 150-Millionen-Kredit.
Die breite Masse der Klubs ist schon zusamengebrochen
Keine vier Monate später kam es noch dicker. Das Minus war inzwischen genau berechnet, und der Verein reichte vor dem Handelsgericht gegen den früheren Präsidenten Joan Laporta eine Klage wegen Misswirtschaft ein. Zwischen Sommer 2003 und Sommer 2010 soll das Präsidium, unter dessen Führung Barça die größten Erfolge der Vereinsgeschichte errang, erhebliche verschleierte Verluste eingefahren haben. Der Schuldenberg des erfolgreichsten Fußballvereins der letzten Jahre war auf 430 Millionen Euro angewachsen, doppelt so viel wie zwei Jahre zuvor. In der Etappe der größten Triumphe rutschte der Klub in die roten Zahlen wie in einen alles verschlingenden Morast.
Wenn man diese Geschichten erzählt, dann nicht, um irgendjemanden das Gruseln zu lehren. Die beiden Großvereine gehören zu den wenigen Klubs im Land, die sich überhaupt noch finanzieren können. Die breite Masse der spanischen Profivereine dagegen steht mit dem Rücken zur Wand oder ist schon unter den Schulden zusammengebrochen: Ende Juni hatten elf Vereine aus der Primera und Segunda División Konkurs angemeldet, darunter Traditionsklubs wie Real Saragossa, Real Mallorca oder der Aufsteiger Betis Sevilla; zehn weitere waren auf dem Weg dorthin. Die Leidtragenden sind die Spieler, die nach geltendem Konkursrecht mit einem Bruchteil ihres Gehalts abgespeist werden können. Die gesamte Schuldenlast im spanischen Profifußball wird mit vier Milliarden Euro beziffert. Das Leben auf Pump hat die spanische Öffentlichkeit merkwürdigerweise nicht weiter beunruhigt, solange der Spielbetrieb reibungslos lief.
Schlechtes Wirtschaften kann munter betrieben werden
Jetzt aber hat sich etwas getan. Die Spielergewerkschaft mit dem Kürzel AFE streikt. An diesem Wochenende wird nicht zum Saisonstart angestoßen, und wenn die Fronten weiter so starr bleiben wie am vergangenen Mittwoch, könnte auch der zweite Spieltag nächste Woche kippen. Kern des Konflikts ist der auszuhandelnde Tarifvertrag zwischen der Spielergewerkschaft und dem Profiligaverband LFP. Zweihundert Akteure haben Anzeige erstattet, weil ihre Vereine ihnen mehrere Monatsgehälter schulden. Während die Vereine sich in die Insolvenz retten, verlieren die hingehaltenen Profis viel Geld. Inzwischen belaufen sich die ausstehenden Beträge laut AFE auf fünfzig Millionen Euro. Die Spielergewerkschaft fordert vom Ligaverband einen Garantiefonds, der die Verluste vollständig deckt, wozu die LFP sich außerstande sieht. Beide Seiten bezichtigen einander, den Bruch der Verhandlungen in Kauf genommen zu haben.
Doch das Problem steckt tiefer. In Spanien wird die Lizenzvergabe für den Profibetrieb nicht von der wirtschaftlichen Gesundheit des Vereins abhängig gemacht (was die Spielergewerkschaft fordert). Schlechtes oder gar betrügerisches Wirtschaften kann also munter weitergetrieben werden, solange Banken und Sponsoren mitmachen. Und damit berührt man das noch tiefere Problem, die geradezu kriminelle Sorglosigkeit bei der Kreditvergabe, die Spanien tiefer in die von den Amerikanern verursachte Finanzkrise gerissen hat als alle europäischen Partner.
Die Langeweile als Folge der Klassengesellschaft
Man darf sich dieses Phänomen gesamtkulturell erklären. Spanier wohnen lieber im eigenen Haus statt hinter gemieteten Wänden und sind deshalb bereit, die Hütte ein Leben lang abzuzahlen. Selbst bei kleinsten Einkommen ist dieses Verfahren üblich. Nicht nur, dass Sicherheit und Ortsgebundenheit stärker wiegen als Mobilität: Kredite gehören zum täglichen Leben, sie begleiten die Spanier von der Wiege bis zum Grab. Man kauft sich den Urlaub, die Waschmaschine und das Auto auf Raten. (Praktischerweise betätigen sich die Banken gleich als Verkäufer von Konsumartikeln und bieten „günstige Konditionen“.) Man meidet den Aktienmarkt und legt sich stattdessen lieber eine Zweit-, Dritt- oder Viertwohnung zu. Deshalb wurden spanische Privathaushalte zu heimlichen Immobilienspekulanten und gehörten seit jeher zu den höchstverschuldeten in der Europäischen Union.
Die Profiklubs, wen wundert‘s, treiben es nicht anders. Nur vier Erstligavereine –- Real Madrid, FC Barcelona, Athletic Bilbao und Osasuna – konnten Anfang der neunziger Jahre darauf verzichten, zu Aktiengesellschaften zu werden. Die anderen vollzogen den Wandel, doch die Misswirtschaft wurde dadurch nur systematisiert. Das Sportblatt „Marca“ schreibt, bei manchen Aktiengesellschaften habe das erforderliche Kapital nur auf dem Papier gestanden; sobald die Gründung vollzogen war, sei es wieder verschwunden.
Verschärft hat sich die Krise nicht nur durch die knallharten Konsequenzen von Massenarbeitslosigkeit und Wirtschaftsflaute, sondern durch eine weitere spanische Besonderheit. Anders als in den übrigen europäischen Ligen verhandelt jeder Klub selbständig seine Fernsehübertragungsrechte. Dank dieser Umkehrung des Solidarprinzips kassieren die beiden Großen, Real Madrid und der FC Barcelona, die weltweite Rekordsumme von jährlich 140 Millionen Euro, während Nummer drei und vier, Atlético Madrid und der FC Valencia, 42 Millionen bekommen und die nachfolgenden Klubs der gehobenen Mittelklasse, Villareal und FC Sevilla, nur 25 beziehungsweise 24 Millionen. Für die untere Tabellenhälfte bleiben jeweils zwischen 12 und 14 Millionen. Die Langeweile, die in den vergangenen Jahren in der Primera División Einzug gehalten hat, ist eine direkte Folge dieser Klassengesellschaft: Barça und Real Madrid machen den Titel unter sich aus, erringen an die hundert Punkte und schießen selbst Traditionsklubs mit 5:0 und 6:1 vom Platz.
Die Gefahren sind nicht nur wirtschaftlicher Natur
In den anderen europäischen Topklassen des Fußballs liegen die Spitzeneinkünfte aus Fernsehrechten deutlich niedriger, können aber durch leisungsabhängige Variablen gesteigert werden. In Italien kam Juventus Turin 2010 auf fast 89 Millionen Euro im Jahr, Inter Mailand dank der Extrazahlungen für Titel gar auf 120 Millionen. In der Premier League steigerte Manchester United seine garantierten 58 Millionen durch Variablen auf neunzig Millioen Euro. Die ersten vierzehn englischen Klubs erhalten für TV-Rechte eine Fixsumme, die jeweils über vierzig Millionen Euro liegt und dadurch die Konkurrenzfähigkeit kleinerer und mittlerer Vereine garantiert. Selbst schwache Teams wie Hull City oder Sunderland bekommen für Fernsehrechte dreimal soviel wie ihr spanisches Pendant, nämlich gut 36 Millionen Euro. Die Bundesliga, sehr zum Verdruss des Klassenprimus, ist bescheidener. Das Garantiehonorar von Bayern München betrug im Jahr 2010 nur 28,1 Millionen Euro, konnte durch sportliche Erfolge aber auf rund siebzig Millionen gesteigert werden. Zwischen dem Ersten und dem Letzten der Bundesliga beträgt das Verhältnis etwa 2:1. In Spanien dagegen 12:1.
Die Gefahren für die „beste Liga der Welt“ liegen damit auf der Hand. Sie sind wirtschaftlicher, aber auch spielerischer Natur. Wo ökonomisch keine Chancengleichheit herrscht, sondern der nackte Sozialdarwinismus, wo Vereine unter ihrer Schuldenlast Konkurs anmelden und ihre Spieler nicht mehr bezahlen können, klaffen irgendwann auch die Leistungen auf absurde Weise aufeinander. Und der Spielbetrieb leidet. Die vorbildliche Talentförderung des FC Barcelona, der nicht von ungefähr einen Großteil der spanischen Welt- und Europameistermannschaft stellt, darf man in diesem Zusammenhang als Gegenmodell zum Starprinzip von Real Madrid verstehen. Und wenn die jüngsten Erfolge der deutschen Nationalmannschaft ein Gradmesser sind, könnten wieder interessante Zeiten für jene anbrechen, die alles zugleich können: sparsam rechnen; keine Schulden machen; und die Talente fördern, solange sie noch billig sind. Der beste Spieler der Welt hat den FC Barcelona keine riesigen Transfersummen, sondern nur Geduld und gute Planung gekostet.
@Ralf Becker
Alex Zunker (zunker)
- 23.08.2011, 16:51 Uhr
Sehr guter Artikel - bis zur sozialistischen Gleichmachereipredigt am Ende.
Closed via SSO (mfoe)
- 22.08.2011, 17:34 Uhr
Diese Entwicklung war abzusehen
Alex Zunker (zunker)
- 20.08.2011, 18:57 Uhr
"Die Leidtragenden sind die Spieler"
Johann Schulz-Gebeltzig (johannsg)
- 20.08.2011, 13:23 Uhr