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Portugals Nationaltrainer Herrenjahre sind Lehrjahre für Scolari

12.06.2004 ·  Der brasilianische Feldwebel und die portugiesische Zwickmühle: Trainer Luiz Felipe Scolari war schon mal Weltmeister und soll jetzt den EM-Gastgeber zum Titel führen.

Von Thomas Klemm, Lissabon
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Volkes Rechnung ist verflixt einfach: Luiz Felipe Scolari ist vor zwei Jahren mit Brasilien Fußball-Weltmeister geworden, hat vor eineinhalb Jahren die portugiesische Auswahl übernommen, also wird es der Trainer doch wohl schaffen, auch die europäische Selecção zum Titel zu führen. Oder nicht?

Den großen Hoffnungen der gewöhnlich kritischen Lusitanier tritt der brasilianische Coach seit Monaten dezent abwehrend entgegen. Die hochrangig besetzte Europameisterschaft sei "wie eine WM ohne Argentinien oder Brasilien", behauptet Scolari und verlangt seinem Aufgebot derzeit nicht mehr als den Halbfinaleinzug ab. Aber ein Platz unter den letzten vier sollte es schon sein, alles andere wäre zu frustrierend vor eigenem Publikum, zumal die portugiesische Auswahl auch bei der Endrunde vor vier Jahren das Halbfinale erreicht hatte und dort unglücklich am späteren Europameister Frankreich gescheitert war.

Diskutiert wird vor allem über Scolaris Zukunft

"Wenn wir früher ausscheiden, war meine Arbeit schlecht", gibt der Trainer die Meinung der Öffentlichkeit und des portugiesischen Fußballverbandes (FPF) wieder, "wenn wir gewinnen, hält der Präsident meine Vertragsverlängerung für unmöglich, weil ich zu teuer wäre." Und genau hier steckt die Crux bei der Vorbereitung auf das Eröffnungsspiel an diesem Samstag: Scolari will sich auf die Begegnung mit den Griechen konzentrieren, aber diskutiert wird vor allem über seine Zukunft als Trainer.

Wird er über das Vertragsende Ende Juli hinaus dem Verband treu bleiben? FPF-Präsident Gilberto Madail will zwar bis zur Weltmeisterschaft 2006 mit dem Brasilianer zusammenarbeiten, hat aber sein Ansinnen kürzlich mit der Behauptung konterkariert, im Falle des Titelgewinns sei Scolari für den Verband wohl unbezahlbar. Der Nationaltrainer zeigte sich verdutzt über Madails Art, schon vor Turnierbeginn an die Zeit danach zu denken. "Nach der Euro beginnt ein anderes Leben", wehrte der Brasilianer vorerst mit wenigen Worten akute Begehrlichkeiten ab.

"Ich lasse es nicht zu, daß jemand meine Spieler stört"

Vor allem aber störten Scolari während des dreiwöchigen Trainingslagers mit der Selecção die ständigen Spekulationen darüber, ob er bei Benfica Lissabon Nachfolger von Antonio Camacho werde, der demnächst den Fußballstars von Real Madrid Beine machen soll. Sichtlich genervt lud Felipao, wie Scolaris Kosename lautet, deshalb in dieser Woche eilig zu einer Pressekonferenz ein, in der er alle Gerüchte um einen Wechsel zurückwies. Er werde nicht zu Benfica gehen, sagte der Fünfundfünfzigjährige und dementierte damit Aussagen seines eigenen Managers Gilmar Veloz, der zuvor behauptet hatte, Scolari werde wieder als Vereinstrainer arbeiten, wie einst bei den brasilianischen Klubs Gremio Porto Alegre und Palmeiras São Paulo.

Das vielstimmige Durcheinander sei "schlecht für die Moral seines EM-Kaders", sagte der Basta-Brasilianer, "ich lasse es nicht zu, daß jemand meine Spieler stört". Luiz Felipe Scolari hat dieser Tage genug damit zu tun, seine nicht durch Erfolge verwöhnte Selecção auf den sportlichen Ernstfall an diesem Samstag einzustimmen. Zwar hat er es in der Vorbereitung geschafft, das zuvor kritische Fußballvolk auf seine Seite zu ziehen, indem er sich nach dem Streit um die Nichtberücksichtigung des portugiesischen Torhüteridols Vitor Baía nicht mehr autoritär, sondern staatstragend und bescheiden präsentierte. Doch vor dem ersten Heimspiel im Estádio do Dragão in Porto spürt der Gastgeber nicht nur die Hoffnungen aller fußballverrückten Landsleute, sondern auch die Schwere der Statistik. Zwar haben die portugiesischen Kicker ihre letzten EM-Vorbereitungsspiele gegen Luxemburg und Litauen gewonnen, aber unter Scolaris Ägide in zuvor sieben Versuchen keinen einzigen anderen Endrundenteilnehmer bezwingen können.

„Portugiesische Fans sind immer skeptisch“

Schlimmer noch: Weder gegen den Auftaktgegner Griechenland (1:1) noch gegen den letzten Gruppengegner Spanien (0:3) schaffte die Selecção vor heimischem Publikum einen Erfolg. Er habe daraus gelernt, sagt Scolari, der erstmals außerhalb Brasiliens als Coach aktiv ist und länger in Europa bleiben möchte. "Portugiesische Fans üben zwar nicht ganz so viel Druck auf Trainer aus wie brasilianische, sind aber immer skeptisch, wenn es um die Chancen der Selecção geht."

Überhaupt sind die Herrenjahre in Portugal zugleich Lehrjahre für den Weltmeister von 2002. Nicht nur, daß er seinen früher strikten Trainingsplan mit zwei Einheiten den lusitanischen Gepflogenheiten anpaßte und während seiner Amtszeit ein Drittel seines ursprünglichen Kaders austauschte; auch weniger verkniffen tritt der Brasilianer auf, der in seiner Heimat "Feldwebel" genannt wird.

"Er hat überhaupt nichts mit dem Image gemein, das ihm vorausgeeilt ist", sagt Nationalverteidiger Ricardo Carvalho vom Champions-League-Sieger FC Porto erstaunt. "Er scherzt gerne mit den Spielern und nimmt dabei seine Arbeit sehr ernst." Seine Hauptaufgabe sieht Scolari nun darin, die bei der WM in Asien früh gescheiterten Stars zu einer "starken Gemeinschaft zusammenzuführen". Das Kollektiv zählt, ist Scolaris Credo, der damit Brasilien zum Weltmeister gemacht hat. "Ich will nicht, daß sie an meiner Seite stehen, sondern an der Seite der Selecção." Ein Titel würde dabei helfen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2004, Nr. 134 / Seite 30
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Jahrgang 1966, Sportredakteur.

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