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Portugal Ist die Goldene Generation doch nur Bronze wert?

06.06.2004 ·  Die biologische Uhr tickt. Schafft es der als "Goldene Generation" hochgelobte Jahrgang des portugiesischen Fußballs um Luis Figo bei der EM im eigenen Land endlich, seine Fähigkeiten auszuspielen und einen bedeutenden Titel zu gewinnen?

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Für Luis Figo wird es langsam Zeit, daß die Europameisterschaft beginnt. Der große Star der portugiesischen Fußball-Nationalmannschaft zeigt sich, im Gegensatz zur Weltmeisterschaft vor zwei Jahren, diesmal nicht nur in der Turniervorbereitung körperlich fit, sondern ist zugleich geistig müde, die immergleiche Frage beantworten zu sollen: Schafft es der als "Goldene Generation" hochgelobte Jahrgang des portugiesischen Fußballs bei der EM im eigenen Land endlich einmal, seine Fähigkeiten über Wochen hinweg bei einem Turnier auszuspielen und zum ersten Mal einen bedeutenden Titel zu gewinnen?

Schließlich tickt die biologische Uhr bei den Stars der Seleccao, die seit mehr als einem Jahrzehnt in verschiedenen Auswahlmannschaften der Nation zusammenspielen und auch beim EM-Eröffnungsspiel am kommenden Samstag gegen Griechenland wieder Seit' an Seit' auflaufen werden. "Alle reden nur darüber, ob es unsere letzte Gelegenheit ist", beklagt sich der 31 Jahre alte Figo, der mit einem Abschied von der internationalen Fußballbühne liebäugelt, "aber es ist doch kein Wettbewerb auf Leben oder Tod." Abwiegeln, herunterspielen - auf diese Weise wehren sich Figo und der Rest der "Goldenen Generation", die ihre sportlichen Möglichkeiten bislang nicht einmal versilbern konnte, vor dem EM-Auftakt gegen Hoffnungen,Erwartungen und Ansprüche eines ganzen Landes.

Figo denkt an Abschied

Dabei waren es zunächst auch die Stars selbst, die vor einiger Zeit die Diskussion um die abschließende Krönung ihrer langen Laufbahn forciert haben. Luis Figo kündigte bereits vor Wochen an, daß die Europameisterschaft im eigenen Land wohl sein letzter Einsatz in Diensten der Seleccao sein würde. Zwar könnte er sich vorstellen, bei der WM 2006 in Deutschland wieder aufzulaufen. Doch bis dahin will er mehr Zeit mit seiner Frau verbringen, die ihr drittes Kind erwartet, statt alle paar Wochen für WM-Qualifikationsspiele durch Europa zu tingeln. Qualifikation nein, WM ja? Das fände selbst Luis Figo ungerecht. "Natürlich hätten jene Spieler bei der Endrunde Vorrang, die zuvor erfolgreich durch die Qualifikation gegangen wären", sagt die unumstrittene Symbolfigur der "Goldenen Generation".

Rui Costa hingegen, seit den gemeinsamen Tagen in der Juniorenauswahl "Unter 20 Jahren" Figos kongenialer Partner im Mittelfeld, denkt zwar noch nicht an ein Karriereende, sieht aber bei der kommenden EM die letzte Chance, "zum vielleicht letzten Mal in der bestmöglichen Verfassung" auflaufen zu können. "Wenn ich daran denke, macht es mich nach zwölf Jahren in der Seleccao traurig", sagt der 32 Jahre alte Mittelfeldspieler, der zwar das letzte Saisontor für den AC Mailand erzielte, aber beim italienischen Meister nicht mehr die Rolle spielte wie in den Vorjahren.

Auch Costas Zukunft ungewiß

Wie sein Kreativpartner Figo, der mit Real Madrid auf ein desaströses Saisonende zurückblickt und dessen Zukunft in Spanien trotz laufenden Vertrags nicht als gesichert gilt, ist auch Rui Costas Verbleiben in Mailand ungewiß. Jüngere und ehrgeizige Kräfte rücken allerdings nicht nur in ihren Klubs nach, sondern auch im Nationalteam. Spielmacher Deco, mit dem portugiesischen Meister FC Porto jüngst Champions League-Gewinner, muß zwar noch mit einer Rolle als Einwechselspieler vorliebnehmen. Doch der 26 Jahre alte gebürtige Brasilianer, gegen dessen Einbürgerung vor eineinhalb Jahren Figo und Rui Costa Einwände hatten, gilt auf der Spielmacherposition als designierter Nachfolger des Milan-Profis. Wiewohl Deco und fünf jüngere Mitspieler vom FC Porto zum festen Stamm von Luiz Felipe Scolaris Aufgebot zählen, haben die alternden Stars das Sagen im Team. "Figo ist eine herausragende Persönlichkeit", sagt Nationaltrainer Scolari, der vor zwei Jahren in Japan und Südkorea die brasilianische Auswahl zum WM-Titel führte, "er ist ruhig, aber in alles eingebunden und einer meiner wichtigsten Vertrauten."

Figo unanfechtbar

In seiner Ausnahmestellung ist Luis Figo schier unanfechtbar. Zwar regte sich nach dem enttäuschenden Vorrunden-Aus bei der WM 2002 auch Kritik an dem Superstar, weil er aus falschem Ehrgeiz eine Achillessehnenoperation über Monate hinausgezögert hatte und sich durch die letzten Spiele bei Real und das Weltturnier schleppte; doch nun hoffen gerade seine jüngeren Kollegen, daß der im Lissabonner Armenviertel Almada geborene Figo zum letzten Mal seine Führungsstärke beweist. Als "Nationalheld" habe der Einunddreißigjährige die große Chance, "der alleinige Star des Turniers zu werden", behauptet der portugiesische Stürmer Nuno Gomes.

Alle reden von Erfolg, hoffen auf den Titel, glauben an die "Goldene Generation" - nur die Routiniers selbst nicht. Woher bloß kommt die Aufregung, fragt sich Luis Figo. "Wir haben mit der Seleccao noch nie etwas erreicht, also steht unsere Generation auch nicht in der Pflicht, etwas zu gewinnen, was wir nie zuvor gewonnen haben." Nur Viertelfinale bei der EM 1996, immerhin Halbfinale 2000 - trotzdem gelten die einstigen Junioren-Weltmeister heute noch als "Goldene Generation". Der Jahrgang werde bislang überschätzt, behauptet der frühere Nationalspieler Fernando Chalana. "Die Goldene Generation war jene von Eusebio, die 1966 WM-Dritte wurde", behauptet der Fünfundvierzigjährige, der mit der Seleccao 1984 im EM-Halbfinale stand. "Meine Generation und die heutige sind bestenfalls aus Bronze." Für Figo und Co. wird es Zeit, daß die Europameisterschaft beginnt - und der letzte Makel ausgelöscht wird.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.06.2004, Nr. 23 / Seite 17
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