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Porträt Hans Meyer Heiligenschein, nein danke!

31.03.2006 ·  Der Fußballtrainer Hans Meyer hat den ehedem abstiegsbedrohten „Club“ auf einen Mittelfeldplatz in der Bundesligatabelle geführt. Doch ein Erfolgsrezept hat er nicht - oder er will es nicht verraten. In Nürnberg erreichten sie ihm bald wohl ein Denkmal.

Von Peter Heß, Nürnberg
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Nürnberg, Anfang November 2005: Die Fußballfans des altehrwürdigen "Clubs" werden bei einem Blick auf die Bundesligatabelle vom kalten Grausen gepackt. Zwölf Spiele, sechs Punkte, vier weniger als der 1. FC Köln, der den die Klasse bewahrenden 15. Rang einnimmt. Bei einer Umfrage sagen 65 Prozent der Teilnehmer: Der 1. FC Nürnberg hat keine realistische Chance mehr auf den Verbleib in der Bundesliga.

Nürnberg, Ende März 2006: Die Fußballwelt in Franken ist wieder in Ordnung. Nach der 27. Runde behauptet der "Club" Rang elf mit 31 Punkten, immerhin vier Zähler Abstand bis zu einem Abstiegsplatz. Wie geht das? Solch eine Blüte, wo zuvor nur Wüste war, und das in so einer kurzen Zeit? Es gibt für Fußballjournalisten kaum angenehmere Berufssituationen, als diese Frage an die Person zu richten, die dieses Naturwunder geschaffen hat. 99,9 Prozent der Fußballtrainer werden - je nach Charakter - mehr oder weniger stolz, aber auf jeden Fall bereitwillig über ihre Arbeit berichten.

Lobeshymnen werden zurückgewiesen

Das gilt nicht für Hans Meyer. Schmeichelnde Fragen nach dem Erfolgsgeheimnis kontert er im besten Falle mit Selbstironie, oft mit Sarkasmus und meistens mit dem Hinweis, daß es im Fußball keine Geheimnisse gibt. Sie sind ihm zuwider, die Claqueure und Schulterklopfer in den Medien, die seine Maßnahmen als genial darstellen, seine Persönlichkeit als vorbildlich, seinen Humor als köstlich und sein psychologisches Geschick als immens. "Wollten Sie mir einen Heiligenschein aufsetzen, ich würde ihn sofort herunterreißen." Er sagt das mit einer Mischung aus Entrüstung und Augenzwinkern.

Was ist es denn nun, was den Nürnberger Aufschwung heraufbeschworen hat? Meyer läßt sich nicht leicht packen. "Die Branche neigt dazu, Einzelpersonen in Einzelsituationen zu überschätzen." Ja, aber bitte, was denn nun? "Mit Quatschen geht es nicht." Oh, Mann. Und dann kommt es: "Unglaublich wichtig für meine Arbeit war der erste Sieg." Nein, nicht schon wieder. Einer dieser bescheidenen Typen, sozialisiert in der DDR, das Kollektiv ist alles, das Individuum nichts. Doch die Furcht vor einem langweiligen Gespräch ist unbegründet.

Meyer kommt nicht mit falscher Bescheidenheit daher, sondern hat die schlechten Erfahrungen, die er in fast 33 Trainerjahren machte, zu einer ehrlichen Selbsteinschätzung destilliert: "Ich kann die Taktik noch so geschickt wählen, die Spieler noch so gut motivieren, noch so perfekt trainieren: Wenn wir viermal nacheinander verloren haben, wenn dich der Vorstand nicht mehr grüßt, wenn die Mannschaft in Grüppchen zerfällt, wenn im Umfeld das Hauen und Stechen beginnt, wenn alle sich gegenseitig nur noch Schuld zuweisen, dann hilft dem Trainer keine seiner Fähigkeiten, sondern nur noch ein Sieg."

Durch und durch Realist

Diese Hilflosigkeit hat Meyer in Mönchengladbach erlebt - und so ist es auch seinem Vorgänger Wolfgang Wolf in Nürnberg ergangen. Das bedeutet aber nicht, daß Meyer deswegen an seiner Kompetenz oder an der Kompetenz des Kollegen zweifeln würde. "Wolfgang Wolf hat hier richtig gute Arbeit abgeliefert. Aber dann hat er es irgendwie nicht geschafft, einen Lauf zu bekommen, und irgendwann kippte es. Aber ich habe eine topfitte, eine intakte Mannschaft übernommen." Im Detail wußte Meyer nicht, worauf er sich mit Nürnberg eingelassen hatte. "Ich habe selbst gezweifelt, ob es machbar ist, ich habe auch niemandem gesagt, daß ich es schaffe, die Klasse zu halten. Aber jetzt müßte ich ausgemachter Pessimist sein, wenn ich sagte, ich zweifle noch. Aber ich bin kein Pessimist, sondern Realist."

Der 63 Jahre alte Fußball-Lehrer hat den Aufschwung weitestgehend mit dem Personal und den Mitteln vollzogen, die er vorgefunden hat. Als Feuerwehrmann engagiert, nur mit einem Vertrag bis Saisonende ausgestattet, wollte er keine Strukturen im Verein ändern: "Ich kann doch Nürnberg nicht mit meinen Strukturen belasten, wenn ich nicht weiß, ob ich im nächsten Sommer noch da bin." Auch ohne Wechselspiele kommt es den Fans so vor, als spielte eine neue Mannschaft für den "Club". Aus verunsicherten Profis wurde wieder ein Team mit Selbstvertrauen und einem gewissen spielerischen Vermögen. Und aus dem "Seelchen" Robert Vittek wurde ein Bundesliga-Star. Der Slowake ersetzt im Moment seinen dauerverletzten Landsmann Marek Mintal vortrefflich. Acht Tore in drei Spielen hatte noch nicht einmal der Bundesliga-Torschützenkönig der vergangenen Saison geschafft.

Meyer arbeitet mit Taktiken von 1936

"Was ist denn das für eine Sch..." Wer war denn für diese Sch...-Kontersituation verantwortlich?" Wenn Meyer in einem Trainingsspiel Fehlleistungen anspricht, dann benutzt er häufig das Wort, das mit ...eiße endet und oft in einer Lautstärke, die auf dem ganzen Platz vernehmlich zu hören ist. Wenn Vittek drei Fehlpässe in Folge unterlaufen, dann muntert ihn Meyer nur auf. Er ist Psychologe genug, aus der Körpersprache des überaus talentierten Stürmers herauszulesen, daß zu dessen Selbstzerfleischung nicht auch noch externe Kritik kommen muß. Wer Meyer für so etwas lobt, muß mit Widerspruch rechnen: "Das ist doch selbstverständlich." Vielleicht überschätzt er aber auch nur einige Kollegen.

Was den Umgang mit Meyer bei all seinen Schrulligkeiten, seiner Bärbeißigkeit und seinem schrägen Humor leicht macht, ist dessen Ausstrahlung. Wie er auch tobt, nörgelt, spottet oder auch schreit, alles wirkt, als stünde in Klammern ein Augenzwinkern dahinter. Mit 63 ist Meyer kein Getriebener mit flackerndem Blick und messianischem Eifer, keiner, der sich und anderen etwas beweisen muß, er ist Überzeugungstäter, und er ist ein Genießer mit Leidenschaft. Meyer liebt den Fußball - aber ungeschminkt. Taktik, Strategie, Wandel, Tricks? "Ich habe mal ein Lehrbuch von Reichstrainer Otto Nerz gelesen, Jahrgang 1936: Fast alles, was da drin stand, stimmt heute noch." Zu seiner Wahrheit gehört auch, Fehler einzugestehen. "Natürlich verliere ich mit manchen Spielern die Geduld, aber das ist doch auch eine Art Selbstschutz." Und wer würde wie er zugeben: "Leider kümmert man sich immer nur um die ersten 15. Ich weiß, gerade die anderen brauchen jetzt deine Aufmerksamkeit, aber ich schaffe es nicht immer."

Zukunft ungewiß

In Nürnberg sind sie kurz davor, ihm ein Denkmal zu errichten. "Nicht auszudenken, wo wir stehen würden, wenn wir von Beginn an mit Meyer gearbeitet hätten", befand "Club"-Chef Michael A. Roth. "Er ist ein Trainerfuchs", fügte der Herrscher des "Clubs" an. Jedem anderen hätte Meyer widersprochen und ein Späßchen mit dem Lobhudler getrieben. "Es wäre schade, wenn Hans Meyer in Rente gehen würde", sagt Roth.

Ein Pensionärsdasein kommt für ihn noch nicht in Frage. Aber ob seine Zukunft in Nürnberg liegt, will er erst entscheiden, wenn der Klassenverbleib endgültig gesichert ist. Der Gedanke ist ihm schrecklich, den Nürnbergern als frischgebackener Absteiger mit einem frisch verlängerten Vertrag lästig zu fallen. Meyer hält sich alles offen: "Vielleicht gibt es ja noch so eine interessante Aufgabe für mich wie beim 1. FC Nürnberg?"

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.03.2006, Nr. 12 / Seite 20
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Jahrgang 1959, Sportredakteur.

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