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Porträt „Du bist hier, um Tore zu schießen“

14.08.2005 ·  Einfach mal drauflosschießen, in Stuttgart hätte er so etwas wohl nicht gemacht. Zumindest in der vergangenen Saison nicht, als sein Trainer Sammer hieß. Bei Schalke 04 kann Kevin Kuranyi neuerdings seiner Lust am Spiel freien Lauf lassen.

Von Roland Zorn
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Einfach mal drauflosschießen, in Stuttgart hätte er so etwas wohl nicht gemacht. Zumindest in der vergangenen Saison nicht, als Trainer Matthias Sammer das bei ihm manchmal etwas freudlos anmutende Prinzip Kollektivarbeit bei jeder Gelegenheit hervorhob und zu selten die Lust am Spiel predigte. Beim VfB jedenfalls war Kevin Kuranyi oft genug zu einer Art erster Diener seiner Mannschaft geworden - ständig unterwegs, ständig bemüht, aber am Ende auch ständig verkrampft.

Der alte Torinstinkt hatte unter der Vielfalt an Aufgaben, die der Mittelstürmer und Nationalspieler im Sinne des großen Ganzen lösen sollte, gelitten. Nun aber, "auf" Schalke, hat sein neuer Trainer Ralf Rangnick das Leben des Torjägers neu justiert. "Ich habe ihm gesagt", verriet der Fußballehrer am Samstag, "schließ ab, hau drauf, du bist hier, um Tore zu schießen."

Rückkehr an seine Basis

Gesagt, getan, und so staunte der 23 Jahre alte Kuranyi am Ende des Revierderbys gegen Borussia Dortmund nicht schlecht über seinen Treffer zum 2:1-Sieg. "Ich kann mich gar nicht erinnern, schon mal ein Tor aus der Distanz geschossen zu haben."

Im neuen Trikot scheint der Angreifer par excellence zu jenem Selbstbewußtsein zurückzufinden, das ihm einst sein Entdecker und Förderer Felix Magath eingeimpft hat. Für den lieber leise lächelnden als laut über sich redenden Profi mit panamaisch-ungarischem Familienblut ist das, was er dieser Tage bei den Schalkern erlebt, so etwas wie eine Rückkehr an seine Basis.

"Wenn Kevin sich richtig wohl und akzeptiert fühlt, hat er diese Qualität", sagt der Schwabe Rangnick über sein neuschwäbisches Juwel, der am Samstag den Schalker Abschied vom brasilianischen Stürmersolisten Ailton vergessen machte.

Neuschwäbisches Juwel

Kuranyi selbst empfahl sich en passant auch bei Bundestrainer Jürgen Klinsmann für das bevorstehende Länderspiel gegen Holland in Rotterdam. Klinsmann und sein erster Helfer Joachim Löw waren am Samstag Augenzeugen der Kuranyi-Gala im Westfalenstadion. Wie schon so manches Mal im Nationaldreß erwies sich der 1,90 Meter lange, sehnige Torjäger als ein Meister der Effektivität. Mehr als zwei Gelegenheiten hatte er nicht, und besser als gegen Dortmund hätte er sie nicht nutzen können.

Wie Kuranyi über seine beiden Tore redete, verriet viel über die schlichte Faszination, die diesem Spiel für die Massen innewohnt. "Beim ersten Tor", schilderte der Kopfballschütze, "stand ich ganz allein, als der Ball genau auf mich zukam. Beim zweiten Treffer sah ich keine Abspielmöglichkeit, da habe ich einfach abgezogen." So einfach ist das im Fußball, wenn am Ende einfach alles paßt - wie bei Kevin Kuranyi an diesem Samstag, da er vom Stuttgarter "Neueinkauf" zum echten Schalker wurde.

Quelle: F.A.Z. vom 15. August 2005
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