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Polizeieinsätze beim Fußball : Wer zahlt, wenn es kracht?

  • -Aktualisiert am

Polizei-Einsatz mit Reiterstaffel: Sicherheitskräfte auf dem Rasen des Karlsruher Stadions Bild: picture alliance / GES-Sportfoto

Die Diskussion um die Kosten von Polizeieinsätzen beim Fußball lodert weiter: Der Blick ins Ausland zeigt, dass die Vereine und Verbände dort meistens nicht so günstig wegkommen wie in Deutschland.

          In Deutschland ist klar geregelt, dass der Staat für alle Polizeieinsätze bezahlt. Für die Sicherheit in den Zügen und an den Bahnhöfen ist dabei die Bundespolizei zuständig. Dort sind pro Saison mehr als 100.000 Beamte bei Fußballspielen im Einsatz, pro Kalenderwoche rund 2000. Für die Saison 2012/2013 entstanden so Kosten von 27,8 Millionen Euro für Personal, hinzu kamen 10,2 Millionen Euro Materialkosten.

          Ab dem jeweiligen Bahnhof übernimmt dann die jeweilige Landespolizei. In Dortmund zum Beispiel schwankt dabei die Anzahl der Beamten stark. Es gibt Spiele, bei denen sind unter 100 Beamte im Einsatz, bei einem Derby gegen Schalke können es durchaus 300 Beamte sein. Welche Kosten dabei entstehen, kann die Polizei Dortmund nicht sagen.

          Auch in den Arenen ist die Polizei präsent, in Dortmund etwa mit einer eigenen Stadionwache. Das Hausrecht wird aber nur bei Bedarf auf die Polizei übertragen. Ansonsten setzen die Vereine eigene Sicherheitskräfte ein. Nach Angaben der Deutschen Fußball-Liga geben alle Bundesligaklubs dafür zusammen pro Saison 15 Millionen Euro aus.

          Großbritannien: Geld an die Polizei

          Im Gründungsland des Fußballs ist es seit Jahren selbstverständlich, dass die Vereine mitbezahlen. Grundlage dafür sieht John Shea, Anwalt für Sportrecht in der Kanzlei Blake Morgan, im „Police Act“ von 1996. Dort ist geregelt, dass die Polizei im Auftrag von jedermann „Special Police Services“ anbieten darf, wenn entsprechend gezahlt wird. In einem mehr als 60 Seiten langen Leitfaden ist genau geregelt, wie solche „Special Police Services“ kalkuliert werden können, inklusive Beispielrechnungen und juristischen Fallentscheidungen aus der Vergangenheit.

          Bis vor kurzem wurde in Großbritannien diskutiert, Während in Deutschland diskutiert wird, ob die Vereine und Verbände überhaupt zahlen sollen, gibt es in Großbritannien immer wieder gefordert, ob dieses Gesetz nur für die Polizeieinsätze auf dem Gelände der Vereine gilt oder ob die Vereine nicht auch für die Polizei an den Bahnhöfen oder auf dem Weg zu den Stadien mitbezahlen müssen.

          In einem Urteil des zweithöchsten englischen Gerichts aus dem vergangenen Jahr heißt es dazu, dass dieses Gesetz nur für Kosten der Polizeieinsätze auf dem eigenen Gelände gilt. „Daran wird sich so schnell nichts mehr ändern“, sagt Shea.

          Die Polizei hat auch in England stets ein wachsames Auge.

          Für die Vereine bedeutet es, dass sie pro Jahr mehrere hunderttausend Euro an den Staat überweisen müssen. Allein der Klub Leeds United, der in dem Fall vor Gericht einer der Beteiligten war, muss laut Shea für die Polizei auf seinem Gelände umgerechnet fast 450 000 Euro pro Saison zahlen.
          Darüber hinaus brauchen die Vereine auf der Insel für jedes Spiel ein Sicherheitszertifikat, um die Partie überhaupt ausrichten zu dürfen. Darin können weitere Auflagen festgelegt werden, etwa für den Umgang mit Hooligans.

          Italien: Stewards im Stadion

          Als im März 2007 der italienische Polizist Filippo Raciti bei Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Anhängern des sizilianischen Vereins Calcio Catania ums Leben kam, ging eine Welle des Entsetzens durch das Land. Spiele wurden abgesagt, später gab es Partien ohne Zuschauer. Als Folge wurden die Sicherheitsvorschriften für die Stadien geändert. Laut italienischem Fußballverband (FIGC) ist die Polizei seitdem nur noch für die Sicherheit vor den Stadien verantwortlich. Diese Kosten tragen wie bisher die Steuerzahler. In den Arenen sorgen hingegen ausgebildete Stewards für Ordnung, die nur im Notfall die Polizei hinzurufen können. „Die Kosten für die Stewards in den Stadien tragen die Vereine allein“, sagt Diego Atenozio, Pressesprecher des FIGC.

          Italienische Einsatzkräfte beim Spiel Atalanta Bergamo gegen Hellas Verona

          Diese Stewards sind nach den Vorgaben des Innenministeriums ausgebildet und kommen meistens von privaten Sicherheitsdiensten. Für 250 Zuschauer muss in der Regel ein Steward vor Ort sein, er kostet den Verein zwischen 50 und 100 Euro. Bei Bedarf kann das Verhältnis auf einen Steward für 150 Zuschauer erhöht werden. Hochgerechnet entstehen den Vereinen so Ausgaben von mindestens 60 000 Euro pro Spiel. Bezogen auf eine gesamte Saison sind das nach Angaben des Fußballverbands mehr als eine Million Euro pro Verein.
          Grundsätzlich geht es in Italien laut Atenozio aber mehr um die Frage, wie die Sicherheit rund um Sportveranstaltungen gewährleistet und wie die Polizei zumindest in den Stadien besser vor zu großer Gewalt geschützt werden kann.

          Frankreich: 20 Euro pro Polizist

          Die Bezahlung der Polizeieinsätze hängt in Frankreich davon ab, wo die Polizisten im Einsatz sind. Seit 1995 ist gesetzlich geregelt, dass die Polizei für einen vorher abgestimmten Bereich bei einem Spiel vom Veranstalter bestellt und bezahlt werden muss. Nur im restlichen öffentlichen Raum werden Steuergelder für den Polizeieinsatz verwendet.

          Ähnlich wie in England gibt es einen detaillierten Katalog, in dem genau aufgelistet ist, was die Polizeieinsätze den Veranstalter kosten werden. Der Stundensatz pro Polizist liegt darin zum Beispiel bei 20 Euro, hinzu kommen Kosten für die Fahrt der Beamten zur Veranstaltung, ein Polizeifahrzeug kostet etwa 305 Euro für 24 Stunden. Damit die Kosten vor allem kleinere Vereine nicht in den Ruin treiben, werden laut Innenministerium oftmals nicht die kompletten Kosten in Rechnung gestellt. Durchschnittlich seien es rund 300 000 Euro für einen Verein pro Saison in der ersten französischen Liga gewesen, sagte Antoine Boutonnet, Chef-Polizist für Hooligan-Einsätze, gegenüber dem Deutschlandfunk.

          Fußballspiele sind in Frankreich nicht die einzigen Veranstaltungen, bei denen die Organisatoren Geld an die Polizei überweisen müssen. Auch die Veranstalter der Tour de France zahlen jedes Jahr eine ordentliche Summe an den französischen Staat.

          Schweiz: Vereine in der Pflicht

          Bis zu diesem Jahr hatte der Schweizerische Fußballverband (SFV) in Bern keine Probleme. Doch dann spielte dort am Ostermontag im Schweizer Cupfinal, dem Pokalfinale der Schweiz, der FC Zürich gegen den FC Basel, und es kam wie schon im Jahr zuvor zu Ausschreitungen in der Berner Innenstadt. Die beiden Fan-Lager hielten sich nicht an die vereinbarte Route, Zürich-Anhänger sollen ein Geschäft in der Altstadt geplündert haben. Die Stadtregierung wollte die Kosten für den Polizeieinsatz nicht mehr alleine tragen und forderte Geld vom Verband.

          In der Schweiz ist es mittlerweile längst die Regel, dass sich Vereine und Verbände an den Polizeikosten beteiligen müssen. Als wegweisend gilt ein Urteil des Bundesgerichts aus dem Jahr 2009. Dort stimmte das oberste Schweizer Gericht dem Kanton Neuenburg zu, der eine Verordnung erlassen hatte, die die Vereine und Verbände mit in die Pflicht nimmt. Darin heißt es, dass den Organisatoren einer Veranstaltung zwischen 60 und 80 Prozent der Polizeikosten in Rechnung gestellt werden dürfen, wenn es sich um eine Veranstaltung mit Gewaltpotential handelt. Weil darunter bestimmte Fußballspiele fallen, kalkulieren die Verbände und Vereine mittlerweile damit, dass sie zumindest Teile der Kosten tragen müssen.

          „Wir lehnen Kostenbeteiligungen nicht kategorisch ab, wollen aber eine Willkür und individuelle Festlegungen von Fall zu Fall verhindern“, sagt Alex Miescher, Generalsekretär des SFV. Für viele Vereine ist die momentane Umsetzung der Vorgaben mühsam, und sie sorgt gelegentlich für Ärger, weil in jedem der 26 Kantone eine eigene Vereinbarung mit der dort zuständigen Kantonspolizei gilt.

          Manche Vereine müssen so insgesamt sehr viel Geld zahlen, andere deutlich weniger. Bei Grasshoppers Zürich sind es rund 500.000 Franken pro Saison. Der FC Thun und die Stadt Thun haben sich im Mai dieses Jahres darauf geeinigt, 1,50 Franken pro Zuschauer als Pauschale zu berechnen. Und für das Pokalfinale in Bern, bei dem es zu den Ausschreitungen gekommen war, überwies der Verband rund 200.000 Franken an die Stadt. Er betont jedoch, dass dies eine einmalige Zahlung gewesen sei, um bei künftigen Spielorten frei entscheiden zu können. In Bern werde der Verband so lange keine Partien mehr ausrichten, wozu auch Länderspiele gehören, bis der Fokus wieder auf den Tätern und nicht auf dem SFV liege. „Mit anderen Städten wird nun das Gespräch gesucht, um eine für beide Seiten planbare Lösung zu finden“, sagt Miescher.

          Schweden: Erfolgreich gewehrt

          Auch wenn der schwedische Fußball ansonsten nicht gerade von großem Interesse für den Rest von Europa ist, lohnt sich in dieser Debatte der Blick zu den Skandinaviern. Was die Bremer momentan versuchen und die Deutsche Fußball-Liga um jeden Preis verhindern will, hat die schwedische Fußballliga bei einer ähnlichen Debatte erfolgreich für sich entscheiden können.
          2013 mussten drei Vereine, die eher als gewinnorientierte Unternehmen galten, für Polizeieinsätze bezahlen. Der Ligaverband begann daraufhin mit einer nach eigenen Angaben massiven Lobbykampagne, die Anfang 2014 zu einer Gesetzesänderung führte.

          Der Verband schaffte es nach eigener Darstellung sogar, die Bevölkerung auf seine Seite zu ziehen, die zunächst eher die Sicht des Staates verstand. „Jetzt müssen wir nicht mehr zusätzlich für unser demokratisches Recht bezahlen, von einer steuerfinanzierten staatlichen Polizei beschützt zu werden“, sagt Mats Enquist, Generalsekretär des Verbands. Selbst wenn es immer noch Probleme mit Gewalt bei manchen Spielen gebe, fänden die schwedische Öffentlichkeit und die Regierung die Gesetzesänderung mittlerweile richtig, so der Verband.

          Auch in Schweden geht es nicht ohne Polizei.

          Wie in vielen anderen Ländern kann die Polizei aber die Genehmigung der Fußballspiele an bestimmte Bedingungen knüpfen. Dazu gehört zum Beispiel, dass ausreichend Sicherheitspersonal in den Stadien im Einsatz sein muss. Insgesamt geben die 16 Vereine der schwedischen Liga bei 240 Spielen nach Angaben des Verbands dafür umgerechnet rund sieben Millionen Euro pro Saison aus.Auch wenn der schwedische Fußball ansonsten nicht gerade von großem Interesse für den Rest von Europa ist, lohnt sich in dieser Debatte der Blick zu den Skandinaviern. Was die Bremer momentan versuchen und die Deutsche Fußball-Liga um jeden Preis verhindern will, hat die schwedische Fußballliga bei einer ähnlichen Debatte erfolgreich für sich entscheiden können.

          2013 mussten drei Vereine, die eher als gewinnorientierte Unternehmen galten, für Polizeieinsätze bezahlen. Der Ligaverband begann daraufhin mit einer nach eigenen Angaben massiven Lobbykampagne, die Anfang 2014 zu einer Gesetzesänderung führte. Der Verband schaffte es nach eigener Darstellung sogar, die Bevölkerung auf seine Seite zu ziehen, die zunächst eher die Sicht des Staates verstand. „Jetzt müssen wir nicht mehr zusätzlich für unser demokratisches Recht bezahlen, von einer steuerfinanzierten staatlichen Polizei beschützt zu werden“, sagt Mats Enquist, Generalsekretär des Verbands. Selbst wenn es immer noch Probleme mit Gewalt bei manchen Spielen gebe, fänden die schwedische Öffentlichkeit und die Regierung die Gesetzesänderung mittlerweile richtig, so der Verband.
          Wie in vielen anderen Ländern kann die Polizei aber die Genehmigung der Fußballspiele an bestimmte Bedingungen knüpfen. Dazu gehört zum Beispiel, dass ausreichend Sicherheitspersonal in den Stadien im Einsatz sein muss. Insgesamt geben die 16 Vereine der schwedischen Liga bei 240 Spielen nach Angaben des Verbands dafür umgerechnet rund sieben Millionen Euro pro Saison aus.

          Spanien: Der Staat muss ran

          Wie in Italien ist auch in Spanien die Kontrolle gewaltbereiter Fans das wichtigere Thema. 2010 wurde deshalb ein Königliches Dekret verabschiedet, um bei Gewalt, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz eine bessere rechtliche Grundlage zu haben.
          An der Bezahlung der Polizeieinsätze hat sich dadurch nichts verändert. Die Kosten dafür trägt weiterhin der spanische Steuerzahler. Außerhalb der Stadien sei es nach Angaben des spanischen Ligaverbands eine öffentliche Verantwortung, dieses Geld in die Hand zu nehmen.

          Stürmer Fernando Llorente von Athletic Bilbao verlässt das Spielfeld im Angesicht der Polizeikräfte.

          Für die Sicherheit innerhalb der Fußballarenen sind die jeweiligen Klubs verantwortlich. Dort sorgten vor allem private Sicherheitsfirmen für Ordnung. Die Polizei ernenne nach Angaben des Verbands lediglich jeweils einen Sicherheitskoordinator.
          Weil in Spanien vor allem die Fußballanhänger am Ort in die Stadien gehen, kommt es dort insgesamt zu weniger Konfrontationen mit den Fans der gegnerischen Mannschaft. Wenn zum Beispiel Real Madrid gegen den Rivalen FC Barcelona spielt, sitzen in der spanischen Hauptstadt im Bernabéu-Stadion Zehntausende Anhänger von Real Madrid. Treffen die beiden Teams in Barcelona aufeinander, sitzen auf den Rängen im Camp Nou fast nur Fans der Katalanen.

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