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Polen und die EM 2012 Hoffen auf den Zivilisationssprung

26.12.2008 ·  Korruption, Gewalt, Rassismus: Der polnische Fußball hat einen miserablen Ruf. Die EM 2012 soll das ganze Land voranbringen - das Scheitern wäre ein nationales Desaster. Ein Reisebericht von Michael Horeni.

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Adam Olkowicz ist ein liebenswürdiger Herr. Seinen Gästen bietet er zur Begrüßung mit ausgesuchter Höflichkeit eine Tasse Tee an, und man würde sich unmöglich machen, diese Bitte abzuschlagen. Denn ohne eine gemeinsame Teerunde könne man doch kein Gespräch führen, sagt er. Das gehöre sich so. Als Olkowicz nach dem Tee dann das Wort ergreift, benutzt er eine schöne, lange verflossene Sprache mit poetischen Formulierungen.

Wenn der feinsinnige Herr dann aber diesen Begriff aus dem Polen der Gegenwart hört, verfinstert sich sein Gesicht. Olkowicz spricht dann auch nicht mehr ganz so pathetisch. Er redet wie ein Rechtsanwalt. Das hässliche Wort, das diese Veränderungen am Sitz des Polnischen Fußball-Verbandes bei Adam Olkowicz auszulösen vermag, heißt: Korupcja.

„In Polen gibt es Korruption, nicht nur im Fußball“

Vor zwei Monaten sah sich Verbandspräsident Michal Listkiewicz auf politischen Druck gezwungen, von seinem Amt zurückzutreten. Ihm wurde vorgeworfen, zu wenig gegen die Korruption im polnischen Fußball zu unternehmen. Olkowicz jedoch kann das noch immer nicht verstehen. „In Polen gibt es Korruption, nicht nur im Fußball. Auch Ärzte stecken Geld für eine Operation in die eigene Tasche. Aber deswegen entlässt man doch nicht den Gesundheitsminister“, sagt er.

Dazu muss man wissen, dass Olkowicz dem Präsidium des Polnischen Fußball-Verbandes angehört und auch noch dem Organisationskomitee der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine vorsteht. Es sind Aufgaben, um die man ihn nicht beneidet. Es geht immer wieder drunter und drüber. Mittlerweile fürchten die Polen nämlich, dass ihnen nach einem zwielichtigen Verbandspräsidenten noch etwas weit Wertvolleres und Wichtigeres abhandenkommen könnte - die Europameisterschaft. Es wäre ein nationales Desaster.

Platini schließt einen polnischen Partnerwechsel aus

Die Vorbereitungen vor allem in der Ukraine laufen miserabel, in Polen geht es besser, aber längst noch nicht so, wie es die Europäische Fußball-Union (Uefa) fordert. Die Uefa könnte den beiden Ländern die Europameisterschaft nach etlichen Warnungen noch entziehen. Präsident Michel Platini hat zudem kürzlich erklärt, dass das auf wackligen Beinen stehende Turnier entweder wie geplant in beiden Ländern ausgetragen wird. Oder andernfalls komplett an einen anderen Ausrichter geht. Ein polnischer Partnerwechsel - etwa mit Deutschland, wie oft spekuliert - kommt also nicht mehr in Frage. Es geht um alles oder nichts.

Die Schlagzeilen, die seit Jahren aus dem polnischen Fußball über die Grenzen dringen, sind finster. Aber sie sind auch einseitig. Sie handeln von massiver Korruption der Fußball-Mächtigen und Gewaltexzessen einer enthemmten Hooliganszene. Aber neben diesen kriminellen Organisationen existieren im polnischen Fußball auch Aufbruchstimmung, Veränderungsgeist und Engagement für einen Fußball mit größerer gesellschaftlicher Verantwortung. Es sind grundverschiedene Welten, die in Polen derzeit neben- und gegeneinander existieren, sich offen oder verdeckt bekämpfen. Und man weiß noch nicht, wann und wie dieser Kampf einmal enden wird.

Olkowicz erzählt von einem Traumland

Der polnische Verband sitzt in der Warschauer Honigstraße, und die Adresse im Herzen der Hauptstadt gegenüber der Kirche der heiligen Anna ist ein Ort, an dem nicht nur die polnische Regierung einen Sumpf vermutet. Die Zentrale des polnischen Fußballs befindet sich im ersten Stock eines ganz normalen Wohnhauses; es ist ein bescheidenes, unscheinbares Domizil. Neben betagten Möbeln findet sich darin auch der alte Funktionärsmuff. Olkowicz hat sich darin eingerichtet und erzählt von einem Traumland.

„Wir haben noch dreieinhalb Jahre“, sagt er, obwohl er eigentlich sagen müsste, dass es nur noch dreieinhalb Jahre sind. Denn bis dahin soll nicht weniger als ein neues Polen entstehen. „900 Kilometer Autobahn und 2000 Kilometer Schnellstraße werden gebaut, 1500 Kilometer Schienennetz werden überarbeitet, 15 Bahnhöfe modernisiert, 300 neue Hotels errichtet, 6 Flughäfen modernisiert. Die Fluggastzahl in Warschau wird von heute 10 Millionen in drei Jahren auf 20 Millionen steigen.“

„Die Selbstzerstörung des Verbands wäre vielleicht das Beste“

Das Traumland von Adam Olkowicz hat nicht viel zu tun mit dem Land, in dem Jaroslaw Ostrowski lebt. Er ist Rechtsanwalt und Präsidiumsmitglied von Legia Warschau, einer Fußball-Institution des Landes. Die Distanz des mächtigen Klubs zum Verband könnte in diesen Tagen kaum größer sein. „Im Verband wird sich nichts ändern. Wahrscheinlich wird alles noch schlimmer“, fürchtet Ostrowski.

„Das Gute daran könnte jedoch sein, dass die Entwicklung auf die Selbstzerstörung des Verbandes hinausläuft. Das wäre vielleicht sogar das Beste. Manchmal ist es besser, etwas ganz Neues von Anfang an aufzubauen, statt die alten Strukturen zu reformieren.“ In der vergangenen Woche wurde ein Vorstandsmitglied des Verbandes verhaftet, der sogenannte „Baron von Pommern“. Es ist die 181. Festnahme im polnischen Korruptionsskandal.

Uefa und Fifa drohten mit Suspendierung

Ostrowski sitzt in einem gläsernen Besprechungsraum des Vereins, in dem die Erfolge ausgestellt sind. Das Stadion wird mit Blick auf die EM umgebaut, die ersten Tribünen sind abgerissen. Platz für Neues entsteht. Ein neues Trainingszentrum mit Jugendakademie ist in Planung, das den Nachwuchs besser fördern soll. 300 Jugendliche sind jetzt dabei, 1000 sollen es dann durch ein Partnervereinssystem werden.

Ostrowski ist ein Mann der Wirtschaft, er kommt vom einflussreichen Medienunternehmen ITI, das Legia Warschau vor einigen Jahren übernommen hat und nun auf europäisches Niveau trimmen will. Ostrowski versteht gut, dass die Regierung den Verbandspräsidenten im Oktober absetzte und eine neue Führung installierte. Die Uefa und der Internationale Fußball-Verband (Fifa) drohten daraufhin, Polen von der WM-Qualifikation zu suspendieren, falls es am vom Gericht eingesetzten kommissarischen Verwalter festhielte.

Fußball zwischen den Fronten von Meinungsfreiheit und Politik

Schließlich kam es zum Kompromiss, und Grzegorz Lato, der ehemalige Weltklassespieler aus den siebziger Jahren, wurde im Oktober zum neuen Vorsitzenden gewählt. „Wenn die Ukraine Probleme hat, können wir die EM 2012 mit den Deutschen organisieren“, sagte Lato unmittelbar nach seiner Wahl. Nach Platinis Diktum im November aber - gemeinsam oder gar nicht - schwenkt der Verband nun wieder auf eine brüderliche Linie um. „Zwei Länder, eine Kandidatur, eine Entscheidung - und ein wunderschönes slawisches Turnier im Jahr 2012“, sagt Olkowicz. Das ist sein Traum.

Legia ist der ehemalige Armeeklub Polens. Er befindet sich noch heute im Kampf. Nicht nur gegen alte Seilschaften im Verband, auch gegen die Politik. „Wegen der landesweiten Attraktivität und der Nähe zur ITI-Mediengruppe versuchen polnische Politiker Legia für ihr Image zu benutzen. Aber wenn das nicht klappt, versuchen sie dem Verein maximal zu schaden“, sagt der Legia-Vorstand. Ostrowski möchte keine Namen nennen. Um die ITI-Sender gibt es immer wieder politischen Streit zwischen den Parteien. Zuletzt waren sie auch von Staatspräsident Lech Kaczynski angegriffen worden. Der Fußball gerät so zwischen die Fronten von Meinungsfreiheit und Politik.

Die Hooligans versuchen die Klubs zu erpressen

Ostrowski ist bei Legia auch zuständig für Sicherheit. Der Kampf gegen Hooligans ist ein Schlüsselproblem im polnischen Fußball. Da sind die Kämpfe nicht symbolisch, sondern blutig, manchmal sogar tödlich. Im Vorjahr stürmten Legia-Fans im Uefa-Cup in Vilnius das Spielfeld, die Partie musste abgebrochen werden. Legia wurde für zwei Jahre von allen internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. Seitdem gehe der Klub entschieden und „sehr offensiv“ gegen gewaltbereite Fans vor, sagt Ostrowski. „Aber die Hooligans sind sehr gut organisiert und kreativ.“

Sie versuchen Legia zu erpressen. „Wie bei anderen Vereinen auch“, sagt Ostrowski. „Es ist ein ernstes Problem. Aber die Regierung sieht das nicht.“ Die Masche sei einfach. Die Hooligans forderten Freikarten, bezahlte Reisen zu Auswärtsspielen und den Handel mit Fanartikeln. Bekommen sie das nicht, sorgen sie für Randale. „Vor vier Jahren war der Handel mit Fanartikeln bei uns in den Händen großer Fanclans. Legia hat keinen Zloty gesehen. Wir haben die Schattenwirtschaft beendet. Jetzt ist der Handel wieder zurück im Klub.“

800 Hooligans im Wald - Szenen wie aus einem Bürgerkrieg

Legia geht auf Konfrontation - und erntet Boykott. Die Gewalt im Stadion ist gebannt, hat sich aber nur verlagert. Ostrowski hofft, dass die neuen EM-Stadien die Fankultur ändern und die Gewalt eindämmen können. Aber er richtet sich auch auf einen langen und beschwerlichen Weg ein. Zuletzt, erzählt er, verabredeten sich 500 Hooligans von Lech Posen gegen 300 Hooligans von Legia Warschau zum Kampf im Wald. Er spricht von Szenen wie aus einem Bürgerkrieg.

Gewalt, Rassismus und Rechtsextremismus sind zentrale Problem im polnischen Fußball. Bei den Schlachten zwischen den Krakauer Fußballklubs Wisla und Cracovia kommen jedes Jahr im Durchschnitt fünf Menschen ums Leben. In Oppeln stellten sich zuletzt Fans in Hakenkreuzformation auf die Tribüne. In Krakau schrien Rechtsextremisten den gegnerischen Fans zu: „Ab in den Ofen.“ Mittlerweile tragen die Hooligans sogar ihre eigene Meisterschaft aus, mit Spielplan und Tabelle im Internet. Es gibt Punkte für gewonnene Schlägereien, Unterstützung des eigenen Teams, Einsatz von Pyrotechnik. Sie trainieren dafür.

Infrastruktur erneuern, Sicherheit vergrößern, Marketing vorantreiben

Wieslaw Wilczynski arbeitet am Erfolg der Europameisterschaft. Er ist der Sportdirektor der Stadt Warschau, und als er früher noch Vizeminister beim Ministerium für Bildung und Sport war, gab er den Anstoß für die EM-Bewerbung und brachte sie auf den Weg. Jetzt bereitet er die Hauptstadt auf das Ereignis vor, mit einem „Masterplan“. Sie haben sich drei Ziele in Warschau gesetzt: Infrastruktur erneuern, Sicherheit vergrößern und Marketing vorantreiben.

Allein für Stadien, Straßen und Transport investiert Warschau rund 2,5 Milliarden Euro. So werden zum Beispiel 500 neue Busse angeschafft. Aber dazu will Wilczynski auch das Umweltbewusstsein seiner Landsleute schärfen. Sie sollen ihren eigenen Wagen stehen lassen. „Dass ein Manager wie in London mit öffentlichen Verkehrsmitteln ins Büro fährt, das geht in Polen noch nicht.“

„Die EM ist ein geopolitischer Faktor“

Die Europameisterschaft ist für Wilczynski ein riesiger Motor für gesellschaftliche Veränderung. „Die EM kann unserem Land einen Zivilisationssprung schenken. Wir kommen 20 Jahre auf einmal nach vorne“, glaubt er. Auch der Breitensport soll in den kommenden Jahren massiv gefördert werden, Sport soll als gesellschaftliche Bildung größere Bedeutung bekommen. „Für Polen und die Ukraine ist die EM eine Entwicklungschance, wie sie in 20 Jahren nicht wiederkommt.“ Von dem Turnier würde ganz Europa profitieren. Auch die Ukraine, die zwischen Osten und Westen pendele, könne durch die EM in das westeuropäische Denken eingebunden werden. „Die EM ist auch ein geopolitischer Faktor.“

Adam Drygalski sitzt in einem modernen Café. Es gehört zum Klub von Polonia Warschau, und bei Polonia hat die neue Zeit schon begonnen. Drygalski ist Koordinator des kleineren Warschauer Vereins. Zur Winterpause liegt der Aufsteiger, der im Sommer das erfolgreiche Provinzteam Groclin Grodzisk aufgekauft hat, nur einen Punkt hinter den beiden Spitzenklubs Lech Posen und Legia Warschau. Polonia will 2011 polnischer Meister sein. „Vielleicht sogar früher“, sagt Drygalski.

Vorbild Polonia

Aber der sportliche Erfolg ist es nicht allein, der den Klub in die Schlagzeilen bringt. Polonia hat das Gewaltproblem weitgehend in den Griff bekommen. Der Klub kämpft schon länger aktiv gegen Rassismus und bindet seine Fans ein. Am Anfang haben sie für friedliche Spiele als Prämie eine kostenlose Busfahrt zu Auswärtsspielen ausgelobt. Die Hooligans und die anderen Fans willigten ein, aber nach einem halben Jahr gefiel ihnen selbst die friedliche Atmosphäre im Stadion. „Ihr braucht das nicht mehr bezahlen“, sagten sie dem Klub. „Aber wir machen es trotzdem“, antwortete Polonia.

Mittlerweile bedanken sich Schiedsrichter, dass sie bei Polonia pfeifen dürfen, weil sie nicht beleidigt werden - und die Spieler auch nicht. Der Klub geht schon auf Grundschulkinder zu, um sie für den neuen Weg zu gewinnen. 3000 Schüler haben sie in diesem Jahr schon durchs Museum des Klubs geführt, auf dessen Spielfeld im Zweiten Weltkrieg polnische Widerstandskämpfer im Kampf gegen die Deutschen fielen. Sie sollen Friedfertigkeit lernen. Die Atmosphäre im Stadion werde immer familiärer, das sei ihr Ziel. „Wir denken vielleicht etwas anders als die anderen“, sagt Drygalski selbstbewusst. „Aber wir sind sicher: Es ist der richtige Weg.“

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Von Peter Heß

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