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Podolski sichert Auftaktsieg Überlebenskunst im Alltag

04.09.2006 ·  Nach den Fußballfesttagen bei der WM hat für die Nationalmannschaft der Alltag in der EM-Qualifikation mit einem Erfolg begonnen. Das Team von Bundestrainer Löw hat sich gegen Irland durchgebissen. FAZ.NET-Spezial mit Bildergalerie.

Von Michael Horeni, Stuttgart
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Es war kurz nach der Pause, als Joachim Löw der Schreck in die Glieder fuhr. Manuel Friedrich, der es als Nummer vier oder fünf der schmalen deutschen Innenverteidigerriege gegen Irland wegen der Verletzungsplage innerhalb von nur 45 Minuten schon zur unentbehrlichen nationalen Abwehrkraft gebracht hatte, kündigte seine mögliche Auswechslung an.

Unmittelbar vor dem Wechsel hatte er einen Schlag aufs Fußgelenk abbekommen, und der erste Gedanke, der den Mainzer durchfuhr, war von der Sorge gespeist, bei einem schnellen Angriff der Iren nicht mehr hinterherzukommen. Der Halbzeitpfiff aber erlöste ihn zunächst von den Bedenken. Der Fuß wurde in der Kabine mit einem Tapeverband stabilisiert. Als Manuel Friedrich wieder auf das Feld kam und testhalber den ersten Spurt anzog, waren nicht nur die Schmerzen, sondern auch „die Gewissensbisse“ wieder da. „Wenn jetzt ein langer Ball kommt, und du mußt hinterher, und du kannst nicht, und deswegen fällt das Tor, dann kannst du drei Wochen wegen der Gewissensbisse nicht schlafen“, sagte Friedrich später über sein Dilemma zwischen persönlichem Ehrgeiz und mannschaftsdienlicher Ehrlichkeit beim Stand von 0:0.

„Du mußt jetzt weiterspielen“

Er ging also zu Löw und sagte ihm, daß er schon mal einen Spieler zur Einwechslung vorbereiten solle, denn er wisse nicht, ob er durchhalten könne. „Du mußt jetzt weiterspielen“, erwiderte der Bundestrainer. Das erlöste den Mainzer zwar nicht von seinen Schmerzen, wohl aber von den Gewissensbissen. Eine knappe Viertelstunde später erzielte Lukas Podolski (57. Minute) dann aber den ersehnten Führungstreffer zum 1:0. und „nach zwanzig Minuten wirkte dann die Schmerztablette“, wie Friedrich über die entscheidenden Wendungen im ersten deutschen Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft 2008 sagte.

Sieg gegen Irland: Überlebenskunst im Alltag

Der Treffer war geglückt, Manuel Friedrich hielt durch, und das Tor von Jens Lehmann geriet nicht mehr in Gefahr - der 1:0-Sieg gegen Irland zur EM-Premiere in Stuttgart war geschafft. „Manchmal gibt auch eine schwere Geburt ein schönes Kind“, sagte Löw über ein hartes Stück Alltagsarbeit, bei der die deutsche Mannschaft am Ende ihren verdienten Lohn erhielt.

Schneider mit Finesse und Spielwitz

Löw freute sich vor allem über den Auftritt und die Gesamtbilanz, die seine völlig neuformierte Viererkette im ersten Ernstfall nach der Weltmeisterschaft zustande brachte. „Es hat mich persönlich sehr gefreut, daß wir zu Null gespielt haben. Daran hatten Arne und Manuel maßgeblichen Anteil. Sie haben sehr gut harmoniert“, sagte Löw über die erfolgreiche Basisarbeit für den Sieg gegen Irland. Das Training der vergangenen Tage, praktisch und theoretisch, war vor allem darauf ausgerichtet, aus Philipp Lahm (rechts), Marcell Jansen (links) und der Mitte (Manuel und Arne Friedrich) ein stabiles Viererbündnis zu formen. Bis auf ein paar Abstimmungsschwierigkeiten in der ersten Halbzeit vor allem bei Standardsituationen löste die Notfallgemeinschaft ihre Aufgaben zur allgemeinen Beruhigung.

Dazu lieferte das WM-Mittelfeld mit Torsten Frings Kampfkraft, mit dem vor allem in der ersten Halbzeit überragenden Bernd Schneider Finesse und Spielwitz und mit Bastian Schweinsteiger unorthodoxe Antriebskraft. Kapitän Michael Ballack leistete unauffällige, aber dennoch notwendige Helferdienste gegen ein engagiertes und mit einem konstruktiven Defensivkonzept ausgestattetes irisches Team.

„Er hat sich durchgebissen“

Das größte Lob durfte am Ende der Mainzer Friedrich für seinen willensstarken, aber auch sportlich fast schon routinierten Auftritt mit Führungsfähigkeiten gegen einen unbequemen Gegner einsammeln. Der Mainzer, in den Zweikämpfen nahezu fehlerfrei und auch in der Nationalelf mit erstaunlicher Ruhe gesegnet, hatte damit gegen Irland bei seinem Debüt von Beginn an auch gleich sein ganz persönliches Reifezeugnis abgelegt. „Ich habe mir gedacht, daß es nicht an meiner Position hängt, ob wir das Spiel für uns entscheiden“, sagte Friedrich über seine nicht ganz zutreffende Selbsteinschätzung vor der Partie, die ihn gelassen für seinen bisher größten Auftritt machen sollte.

Tatsächlich aber war Friedrich, wie sich nach seiner Blessur zeigen sollte, schon in seinem zweiten Spiel viel wichtiger, als er das selbst erwartet hatte. „Nach seiner Verletzung waren die ersten Schritte in der zweiten Halbzeit sehr schwer. Aber er hat sich durchgebissen“, sagte Bundestrainer Löw hochzufrieden über die Einstellung des einzigen deutschen Nationalspielers ohne WM-Erfahrung.

„Alle wieder in der Wirklichkeit angekommen

Aber auch die gesamte Nationalelf zeigte bei der Rückkehr von den WM-Höhen die für den Qualifikationsalltag unabdingbare Robustheit. „Jetzt wissen wir, was Qualifikationsspiele sind“, sagte Bastian Schweinsteiger stellvertretend für rund ein halbes Dutzend Nationalspieler (Podolski, Lahm, Jansen, Manuel Friedrich und er selbst), die diese Übung in der alltäglichen sportlichen Überlebenskunst bisher nur vom Fernsehen kannten. „Das sind Spiele, in denen man nicht glänzen und nichts gewinnen kann“, sagte Kapitän Ballack ganz routiniert mit dem Blick auf die weiteren elf Aufgaben in der Qualifikationsgruppe D gegen San Marino, Slowakei, Zypern, Wales und Tschechien.

Wenn nun noch ein weiterer Sieg am kommenden Mittwoch bei einem der wenigen noch real existierenden Fußballzwerge in San Marino folgt, können die WM-Größen von gestern das Ziel 2008 schon wieder aus einer Spitzenposition in den Blick nehmen. „Gegen San Marino wollen wir aber nicht nur gewinnen, sondern möglichst auch viele Tore schießen, um eine gute Ausgangsposition für die nächsten Spiele zu bekommen“, forderte Manager Oliver Bierhoff. „Jetzt sind alle wieder in der Wirklichkeit angekommen.“

Deutschland - Irland 1:0 (0:0)
Deutschland: Lehmann (FC Arsenal/36/40) - Lahm (Bayern München/22/27), Arne Friedrich (Hertha BSC/27/44), Manuel Friedrich (FSV Mainz 05/26/2), Jansen (Bor. Mönchengladbach/20/10) - Schneider
(Bayer Leverkusen/32/73 - 84. Borowski/Werder Bremen/26/28), Ballack (FC Chelsea/29/71), Frings (Werder Bremen/29/60), Schweinsteiger (Bayern München/22/37) - Klose (Werder Bremen/28/64), Podolski (Bayern München/21/34 - 76. Neuville/Bor. Mönchengladbach/33/64)
Irland: Given (Newcastle United/30/77) - Carr (Newcastle United/30/43), Andrew O'Brian (FC Portsmouth/27/25), Dunne (Manchester City/26/30), Finnan (FC Liverpool/30/40) - Reid (Blackburn Rovers/25/20), O'Shea (Manchester United/25/32), Kilbane (Wigan Athletic/29/72 - 83. Alan O'Brian/Newcastle United/21/2) - Keane (Tottenham Hotspur/26/67), Duff (Newcastle United/27/60 - 77.
McGeady/Celtic Glasgow/20/6) - Doyle (FC Reading/22/4 - 79. Elliott/FC Sunderland/22/9)
Schiedsrichter: Medina Cantalejo (Spanien)
Zuschauer: 53.198 (ausverkauft)
Tor: 1:0 Podolski (57.)
Gelbe Karten: Schneider, Klose, Schweinsteiger / Given, Dunne, Reid

Quelle: F.A.Z. vom 4. September 2006
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