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Personalfragen Klinsmann kühl wie ein Pokerspieler

16.08.2005 ·  Der Kampf um die WM-Stammplätze startet spätestens mit dem Spiel in den Niederlanden. Doch Jürgen Klinsmann läßt sich von Diskussionen um die Torwart-Rotation und die Rückkehr zweier „Oldies“ nicht aus der Ruhe bringen.

Von Roland Zorn, Frankfurt
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„Poldi“ kommt nicht, „Olli“ sagt nichts: Ruhe auf dem Boulevard? Schlagzeilen gibt diesmal das Spiel an sich her. Holland gegen Deutschland, diese Begegnung unter Nachbarn nennt auch der sonst gar nicht so traditionsbewußte Fußball-Bundestrainer einen „Klassiker“.

Ehe es am Mittwoch im Rotterdamer Stadion De Kuip wieder einmal soweit ist, geht es bei den Deutschen eher um solide Rückholaktionen denn um den seit Jürgen Klinsmanns Dienstbeginn sowieso programmatischen jugendlichen Aufbruch. Das Comeback des seit der Europameisterschaft 2004 nicht mehr für Deutschland eingesetzten 31 Jahre alten Dietmar Hamann etwa war ein Thema, die Rückkehr des beim Confederations Cup geschonten, 33 Jahre alten Christian Wörns ein anderes.

„Einem anderen Torwart“

Podolski? Er hat beim 3:2-Sieg seines 1. FC Köln am Sonntag beim VfB Stuttgart zwar hervorragend gespielt, doch umstimmen konnte er damit den Tribünengast Klinsmann noch lange nicht. „Es war mit dem Vereinstrainer so abgesprochen“, erklärte Klinsmann in einem Frankfurter Flughafenhotel am Montag seinen Verzicht, „daß wir Lukas weiter aufbauen wollen, damit er seinen Trainingslevel erreicht. Es würde deshalb keinen Sinn machen, ihn mitzunehmen.“

Die künstlerische Pause für Podolski und den zur Zeit nicht besonders ungestümen Münchner Bastian Schweinsteiger könnte dem Bundestrainer sogar recht kommen, befeuert sie doch den von ihm gern geschürten Konkurrenzkampf in einer Mannschaft, die auf allen Positionen gleichmäßig gut besetzt sein soll. Auch im Tor, wo sich Oliver Kahn mit der neuen Rotationsformel - spielt er, bleibt Lehmann beim FC Arsenal, spielt Lehmann, trainiert Kahn mit den Bayern - nicht anfreunden mag. Um das für ihn leidige Wechselspiel zwischen ihm und, wie er sagte, „einem anderen Torwart“ nicht weiter kommentieren zu müssen, will Kahn bis auf weiteres zwar gefragt bleiben, aber nicht mehr gefragt werden.

Klinsmann lobt Hamann

Souverän ignoriert Klinsmann die leichten atmosphärischen Verstimmungen bei seinem Platzhirsch zwischen den Pfosten. Cool wie ein professioneller Kartenspieler will der Bundestrainer seine Möglichkeiten in dem knappen Jahr ausreizen, das ihm bis zur WM 2006 bleibt, bei der er mit lauter Assen den Titel holen will. „Die international großen Vereine“, sagt Klinsmann, „haben für alle Positionen zwei Karten in der Hand, die sie spielen können. Außerdem wird noch konzentrierter gearbeitet, wenn man weiß, mir sitzt jemand im Nacken, der meinen Platz will.“ Die nach dem Motto „Sicherheit zuerst“ manchmal sehr deutsch geführte Diskussion um garantierte Plätze für verdiente Nationalspieler interessiert den amerikanische Wettbewerbsverhältnisse gewöhnten Kalifornien-Deutschen herzlich wenig. „Die heutige Stammplatzdefinition ist nicht mehr die von vor 15 Jahren.“

Das wissen auch die Rückkehrer Hamann, der am Mittwoch der Organisationschef im defensiven Mittelfeld sein wird, und Wörns, der die Abwehrarbeit regeln soll. Hamann, lobte Klinsmann vorweg, „kann unheimlich viel Einfluß auf das Spiel nehmen“. Der Liverpooler Münchner Herkunft sei nie aus seinem Blickfeld verschwunden und habe nur wegen seiner diversen Verletzungen eine frühere Rückkehr ins Nationalteam verpaßt. „Jetzt“, sagte Klinsmann, „ist es spannend für ihn, sich wieder einzugliedern und aus erster Hand zu sehen, was sich in der Mannschaft seit einem Jahr getan hat.“

Sieg gegen einen Großen des Weltfußballs

Hamann selbst verlor, wie es seine Art ist, keine großen Worte über sein bevorstehendes erstes Länderspiel unter dem früheren Kollegen Klinsmann. Nur soviel: „Die Mannschaft hat beim Confed-Cup viele Gegentore kassiert. Da muß man schon schauen, daß man das ändert, die Chancen des Gegners auf ein Minimum beschränkt und auch mal zu null spielt, um ein Spiel zu gewinnen.“

Wie der Sicherheitsfachmann Hamann denkt auch der Abwehrspezialist Wörns. Der Dortmunder fühlt sich, über den Sommer gut erholt, derzeit wie in einem „Jungbrunnen“, sagt aber im selben Atemzug: „Ein bißchen Erfahrung und Routine kann manchmal auch nicht schaden.“ Die beiden „Alten“ sollen dazu beitragen, daß die Deutschen endlich mal wieder gegen einen Großen des Weltfußballs gewinnen.

Das gelang zuletzt am 7. Oktober 2000 im Londoner Wembleystadion, als die Deutschen durch einen Treffer Hamanns 1:0 gegen England gewannen. Doch an diesen Tag will der in England heimisch gewordene Bayer nicht mehr ständig erinnert werden: „Das ist Lichtjahre her. Damit halten wir uns nicht mehr auf. Wir schauen voraus. Wenn wir schon so lange keinen Großen mehr besiegt haben, wird es Zeit, das zu ändern.“ Das Länderspiel gegen Holland kann kommen.

Die voraussichtliche Aufstellung gegen die Niederlande:

Niederlande: Van der Sar/Manchester United (34 Jahre/100 Länderspiele) - Kromkamp/FC Villarreal (24/4), Boulahrouz/Hamburger SV (23/5), Opdam/AZ Alkmaar (20/0), De Cler/AZ Alkmaar (26/0) - Landzaat/AZ Alkmaar (29/15), Maduro/Ajax Amsterdam (20/3), Cocu/PSV Eindhoven (34/90) - Kujt/Feyenoord Rotterdam (25/10), Van Nistelrooy/Manchester United (29/44), Robben/FC Chelsea (21/14). - Trainer: Marco van Basten
Deutschland: Kahn/Bayern München (36/80) - Friedrich/Hertha BSC Berlin (26/29), Wörns/Borussia Dortmund (33/64), Mertesacker/Hannover 96 (20/12), Schneider/Bayer Leverkusen (31/53) - Ernst/Schalke 04 (26/20), Ballack/Bayern München (28/57), Hamann/FC Liverpool (31/58), Frings/Werder Bremen (28/44) - Klose/Werder Bremen (27/46), Kuranyi/Schalke 04 (23/29). - Trainer: Jürgen Klinsmann
Schiedsrichter: Terje Hauge (Norwegen)

Quelle: F.A.Z., 16.08.2005, Nr. 189 / Seite 30
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