Home
http://www.faz.net/-gtm-75bgt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Paris Saint-Germain Kein Platz mehr für alten Adel

Paris Saint-Germain wird von Geld aus Qatar geflutet, ist „chic“ - aber frühere Anhänger wenden sich ab. Frauen in hohen Schuhen, die in der Halbzeit den Eingangsbereich der Damentoiletten blockieren, mag nicht jeder.

© AFP Vergrößern Die Scheichs aus Qatar zahlen nicht nur, sie verändern auch den Verein

Adieu, PSG. Bonjour, PFC. Getreu dem Credo, dass Tradition nichts und Vermarktung alles ist, wagt sich die qatarische Klubführung von Paris Saint-Germain nach der sportlichen Rundumerneuerung an das mediale Feintuning. Um den Verein als Marke mit globalem Wiedererkennungswert zu etablieren, soll der Namenszusatz Saint-Germain auf dem Vereinsemblem getilgt und zum griffigeren Paris FC verschlankt werden.

Auch Lilie und Wiege, als royale Familieninsignien der Bourbonen seit 42 Jahren als Symbol der geographischen Geburtsstätte des Klubs auf dem Wappen abgebildet, sollen weichen. Neben dem Herrscherhaus von Doha ist kein Platz für alten Adel mehr.

Mehr zum Thema

Um den Prestigefaktor von PSG zu mehren, ist den Qatarern, die weltweit in Luxusgüter mit hoher Symbolkraft investieren, jedes Mittel recht. Ohne Rücksicht auf gewachsene Strukturen hat sich die Eignergesellschaft Qatar Sports Investment (QSI) den Verein so hemmungslos gründlich einverleibt, dass die eigenen Fans ihn nicht wiedererkennen.

Noch keine zwei Jahre ist es her, da dachte, wer über PSG sprach, an rassistische Ausschreitungen und Ultras, die sich lieber miteinander prügelten als mit denen des Gegners. PSG, das war die Rivalität der Kurven Boulogne und Auteuil und vor allem sportliches Mittelmaß. Jetzt ist Paris - Herbstmeister der Ligue 1 - „chic“ und bietet Fußball als Society-Erlebnis für die gehobene Pariser Klasse.

Zlatan Ibrahimovic wird stilecht vor dem Eiffenturm präsentiert © dapd Vergrößern Zlatan Ibrahimovic wird stilecht vor dem Eiffelturm präsentiert

Wo sich früher rechtsgesinnte Bürgersöhne und Migranten aus der Banlieue grölend gegenüber standen, stehen jetzt Frauen in hohen Schuhen und edlen Jeans, die in der Halbzeit den Eingangsbereich der Damentoiletten blockieren, weil sie sich die Haare richten müssen. In Blocks, in denen einst die Stimmung überkochte, animieren nun professionelle Einheizer das träge Publikum zum Klatschen, während unten auf dem Rasen Cheerleader die Buchstaben des Vereinsnamens tanzen. Die QSI hat den Fußballklub im Schnellverfahren zu einem Lifestylezirkus umgewandelt, der den Fan nur noch als zahlenden Kunden duldet.

Es zählen nur mehr Erfolg und Publicity, und insofern liegt Paris auf Kurs. Als einziger französischer Teilnehmer zog der Gruppensieger ins Achtelfinale der Champions League ein und trifft dort auf den FC Valencia, erfüllte mit dem Gewinn der Herbstmeisterschaft am letzten Hinrundenspieltag auch national seine Pflicht und verfügt mit Zlatan Ibrahimovic über die unumstrittene Attraktion der Liga. In 16 Spielen erzielte der schwedische Liga-Liebling mehr als die Hälfte der Pariser Tore und lenkte mit seinen 18 Treffern die internationale Aufmerksamkeit nach Frankreich. Mit dem 40-Millionen-Euro-Brasilianer Lucas traf nun im Trainingslager in Doha ein weiterer „Wunderspieler“ bei der Mannschaft ein.

Nicolas Sarkozy hat auch seine Liebe zu PSG entdeckt © AFP Vergrößern Nicolas Sarkozy hat auch seine Liebe zu PSG entdeckt

Doch das neue PSG materialisiert sich nicht nur in teuren ausländischen Stars, es visualisiert sich vor allem auf den Tribünen. Mit den „Bobos“, den bourgeoisen Bohemiens, haben die Schönlinge und Erfolgsfans den Fußball für sich entdeckt. In nagelneuen Vereinstrikots bevölkern sie, die dekorative Freundin im Schlepptau, das Stadion. Auf der Strecke geblieben sind der gemeine Fan und die Atmosphäre. Mit der Parole „Der Park ist tot“ rufen frühere Dauerkartenbesitzer seit Saisonbeginn zum Boykott der Heimspiele auf. Die Folge ist eine Stimmungsflaute und die Erkenntnis, dass sich eben nicht alles kaufen lässt. Dabei wurden vergangene Woche bereits neue Finanzmittel akquiriert.

Ein millionenschwerer Sponsoring-Vertrag mit der Tourismusbehörde von Qatar (QTA) erlaubt in dieser Winterpause weiterhin ungebremste Transferaktivität und verspricht dank eines gewieften Kniffs auch die Lösung für das Ungemach des Financial Fairplay (FFP). Da der europäische Fußballverband ( Uefa) künftig von allen Vereinen verantwortungsvolleres Wirtschaften fordert und unterbinden will, dass reiche Gönner Defizite ausgleichen, müssen sich auch bei PSG Ausgaben und Einnahmen fortan annähernd decken.

Trainer Carlo Ancelotti hält den Klub sportlich auf Kurs © REUTERS Vergrößern Trainer Carlo Ancelotti hält den Klub sportlich auf Kurs

Insofern kommt gelegen, dass die QTA vier Jahre lang pro Saison zwischen 150 und 200 Millionen Euro für die Trikotwerbung zahlen will. Weil die Pariser Brust damit aber weit mehr wert wäre als die der Spieler von Barcelona, Madrid und Manchester United zusammen und sich selbst bei einer Dreingabe der Namensrechte am Stadion nicht von einem angemessenen Marktpreis sprechen ließe, hat sich die Klubführung etwas einfallen lassen, um dem Vorwurf der Unverhältnismäßigkeit vorzubeugen.

Paris fungiere von nun an als Botschafter des Emirats, als erster internationaler Repräsentant des Wüstenreichs, lautete die Erklärung der Qaterer - als sportliche Projektionsfläche des nahöstlichen Geltungsdrangs, lautet hingegen der Vorwurf der Kritiker. Die Reaktion der Uefa steht noch aus, die Anhänger allerdings haben bereits reagiert und den Vereinsslogan „Paris est magique“ vielsagend umgedeutet. Für sie heißt es jetzt: „Paris, c’est tragique.“

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Qatars Vision 2030 Die Supermacht des Weltsports

Hunderte eingeladene Journalisten und Fans, eingekaufte Spieler: Qatar definiert nicht nur bei der Handball-WM die Supermoderne des Sports neu. Doch das soll noch längst nicht alles gewesen sein. Mehr Von Michael Ashelm

28.01.2015, 10:54 Uhr | Sport
Bayern bereiten sich auf ’Spitzenspiel’ gegen Paderborn vor

Training in München nach dem 0:0 gegen den Hamburger Sport Verein in der Fußball Bundesliga, Vorbereitung auf das Spiel am Dienstagabend gegen den Tabellenführer SC Paderborn. Mehr

22.09.2014, 10:52 Uhr | Sport
Kommentar Das Handball-Fundament steht

Die neuen Funktionäre des DHB sprechen von Demut und Bescheidenheit. Das ist gut so und bildet einen angenehmen Kontrast zu den Zeiten, in denen ihren Vorgängern nachgesagt wurde, sich auf Reisen am meisten auf die Leckereien der Büfetts zu freuen. Mehr Von Rainer Seele

26.01.2015, 13:39 Uhr | Sport
Anschlag in Paris Fahndung nach Brüderpaar

Nach dem Anschlag auf das Pariser Satire-Magazin Charlie Hebdo" hat sich ein mutmaßlicher Beteiligter auf einer Polizeiwache nahe der Grenze zu Belgien gestellt. Mehr

08.01.2015, 07:25 Uhr | Politik
Handball-WM Nun geht es um Olympia

Kampf um Olympia statt Hoffen auf den WM-Titel: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft muss sich nach der Viertelfinal-Niederlage gegen Qatar nun auf einen neuen Job konzentrieren. Mehr Von Rainer Seele, Doha

29.01.2015, 14:57 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 29.12.2012, 13:22 Uhr

Umfrage

Wo landet der BVB am Saisonende?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Wo lag der Fehler im System?

Von Anno Hecker

Der deutsche Sport geht reumütig vor Claudia Pechstein in die Knie. Die DOSB-Huldigung bildet aber nicht den Anfang vom Ende einer leidigen, schmerzhaften Geschichte, sondern den Beginn einer neuen Fragerunde. Mehr 1 4

Ergebnisse, Tabellen und Statistik