http://www.faz.net/-gtl-75bgt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 29.12.2012, 13:22 Uhr

Paris Saint-Germain Kein Platz mehr für alten Adel

Paris Saint-Germain wird von Geld aus Qatar geflutet, ist „chic“ - aber frühere Anhänger wenden sich ab. Frauen in hohen Schuhen, die in der Halbzeit den Eingangsbereich der Damentoiletten blockieren, mag nicht jeder.

von Charlotte Schneider, Paris
© AFP Die Scheichs aus Qatar zahlen nicht nur, sie verändern auch den Verein

Adieu, PSG. Bonjour, PFC. Getreu dem Credo, dass Tradition nichts und Vermarktung alles ist, wagt sich die qatarische Klubführung von Paris Saint-Germain nach der sportlichen Rundumerneuerung an das mediale Feintuning. Um den Verein als Marke mit globalem Wiedererkennungswert zu etablieren, soll der Namenszusatz Saint-Germain auf dem Vereinsemblem getilgt und zum griffigeren Paris FC verschlankt werden.

Auch Lilie und Wiege, als royale Familieninsignien der Bourbonen seit 42 Jahren als Symbol der geographischen Geburtsstätte des Klubs auf dem Wappen abgebildet, sollen weichen. Neben dem Herrscherhaus von Doha ist kein Platz für alten Adel mehr.

Mehr zum Thema

Um den Prestigefaktor von PSG zu mehren, ist den Qatarern, die weltweit in Luxusgüter mit hoher Symbolkraft investieren, jedes Mittel recht. Ohne Rücksicht auf gewachsene Strukturen hat sich die Eignergesellschaft Qatar Sports Investment (QSI) den Verein so hemmungslos gründlich einverleibt, dass die eigenen Fans ihn nicht wiedererkennen.

Noch keine zwei Jahre ist es her, da dachte, wer über PSG sprach, an rassistische Ausschreitungen und Ultras, die sich lieber miteinander prügelten als mit denen des Gegners. PSG, das war die Rivalität der Kurven Boulogne und Auteuil und vor allem sportliches Mittelmaß. Jetzt ist Paris - Herbstmeister der Ligue 1 - „chic“ und bietet Fußball als Society-Erlebnis für die gehobene Pariser Klasse.

Zlatan Ibrahimovic wird stilecht vor dem Eiffenturm präsentiert © dapd Vergrößern Zlatan Ibrahimovic wird stilecht vor dem Eiffelturm präsentiert

Wo sich früher rechtsgesinnte Bürgersöhne und Migranten aus der Banlieue grölend gegenüber standen, stehen jetzt Frauen in hohen Schuhen und edlen Jeans, die in der Halbzeit den Eingangsbereich der Damentoiletten blockieren, weil sie sich die Haare richten müssen. In Blocks, in denen einst die Stimmung überkochte, animieren nun professionelle Einheizer das träge Publikum zum Klatschen, während unten auf dem Rasen Cheerleader die Buchstaben des Vereinsnamens tanzen. Die QSI hat den Fußballklub im Schnellverfahren zu einem Lifestylezirkus umgewandelt, der den Fan nur noch als zahlenden Kunden duldet.

Es zählen nur mehr Erfolg und Publicity, und insofern liegt Paris auf Kurs. Als einziger französischer Teilnehmer zog der Gruppensieger ins Achtelfinale der Champions League ein und trifft dort auf den FC Valencia, erfüllte mit dem Gewinn der Herbstmeisterschaft am letzten Hinrundenspieltag auch national seine Pflicht und verfügt mit Zlatan Ibrahimovic über die unumstrittene Attraktion der Liga. In 16 Spielen erzielte der schwedische Liga-Liebling mehr als die Hälfte der Pariser Tore und lenkte mit seinen 18 Treffern die internationale Aufmerksamkeit nach Frankreich. Mit dem 40-Millionen-Euro-Brasilianer Lucas traf nun im Trainingslager in Doha ein weiterer „Wunderspieler“ bei der Mannschaft ein.

Nicolas Sarkozy hat auch seine Liebe zu PSG entdeckt © AFP Vergrößern Nicolas Sarkozy hat auch seine Liebe zu PSG entdeckt

Doch das neue PSG materialisiert sich nicht nur in teuren ausländischen Stars, es visualisiert sich vor allem auf den Tribünen. Mit den „Bobos“, den bourgeoisen Bohemiens, haben die Schönlinge und Erfolgsfans den Fußball für sich entdeckt. In nagelneuen Vereinstrikots bevölkern sie, die dekorative Freundin im Schlepptau, das Stadion. Auf der Strecke geblieben sind der gemeine Fan und die Atmosphäre. Mit der Parole „Der Park ist tot“ rufen frühere Dauerkartenbesitzer seit Saisonbeginn zum Boykott der Heimspiele auf. Die Folge ist eine Stimmungsflaute und die Erkenntnis, dass sich eben nicht alles kaufen lässt. Dabei wurden vergangene Woche bereits neue Finanzmittel akquiriert.

Ein millionenschwerer Sponsoring-Vertrag mit der Tourismusbehörde von Qatar (QTA) erlaubt in dieser Winterpause weiterhin ungebremste Transferaktivität und verspricht dank eines gewieften Kniffs auch die Lösung für das Ungemach des Financial Fairplay (FFP). Da der europäische Fußballverband ( Uefa) künftig von allen Vereinen verantwortungsvolleres Wirtschaften fordert und unterbinden will, dass reiche Gönner Defizite ausgleichen, müssen sich auch bei PSG Ausgaben und Einnahmen fortan annähernd decken.

Trainer Carlo Ancelotti hält den Klub sportlich auf Kurs © REUTERS Vergrößern Trainer Carlo Ancelotti hält den Klub sportlich auf Kurs

Insofern kommt gelegen, dass die QTA vier Jahre lang pro Saison zwischen 150 und 200 Millionen Euro für die Trikotwerbung zahlen will. Weil die Pariser Brust damit aber weit mehr wert wäre als die der Spieler von Barcelona, Madrid und Manchester United zusammen und sich selbst bei einer Dreingabe der Namensrechte am Stadion nicht von einem angemessenen Marktpreis sprechen ließe, hat sich die Klubführung etwas einfallen lassen, um dem Vorwurf der Unverhältnismäßigkeit vorzubeugen.

Paris fungiere von nun an als Botschafter des Emirats, als erster internationaler Repräsentant des Wüstenreichs, lautete die Erklärung der Qaterer - als sportliche Projektionsfläche des nahöstlichen Geltungsdrangs, lautet hingegen der Vorwurf der Kritiker. Die Reaktion der Uefa steht noch aus, die Anhänger allerdings haben bereits reagiert und den Vereinsslogan „Paris est magique“ vielsagend umgedeutet. Für sie heißt es jetzt: „Paris, c’est tragique.“

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Borussia Mönchengladbach Nur die Kirsche muss noch auf die Torte

Das Hinspiel in den Playoffs in Bern gewann Mönchengladbach mit 3:1. Was soll da noch schiefgehen beim Einzug in die Champions League. Trainer André Schubert fällt da einiges ein. Mehr Von Richard Leipold, Mönchengladbach

24.08.2016, 16:46 Uhr | Sport
Alternative Ernährung Berlin als Trendstadt für Veganer

Immer mehr Menschen wollen sich vegan, also ganz ohne tierische Produkte ernähren: 900.000 sollen es in ganz Deutschland sein. Fast zehn Prozent davon leben Schätzungen zufolge in Berlin, und so ist es nicht überraschend, dass die deutsche Hauptstadt hier Trendsetter ist. In Berlin gibt es mehr vegane Restaurants als in Paris oder London, und immer mehr vegane Betriebe schießen aus dem Boden. Mehr

23.08.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
DFL-Generalversammlung Bloß kein Streit ums TV-Geld – jedenfalls nicht öffentlich

Knapp 1,2 Milliarden Euro an Fernsehgeldern gibt es von 2017 an in den Fußball-Bundesligen zu verteilen. Dem Profifußball steht ein hartes Ringen um neuen Verteilungsschlüssel bevor. Mehr Von Roland Zorn, Berlin

24.08.2016, 17:21 Uhr | Sport
Elf Jahre altes Wunderkind Indischer Messi darf mit den Bayern trainieren

Chandan Nayak, ein elf Jahre alter Junge aus dem indischen Slum Bhubaneswar, wird bald eine Gelegenheit bekommen, von der viele junge Fußballer auf der ganzen Welt träumen dürften. Das Fußball-Wunderkind wurde ausgewählt, um für zwei Monate beim FC Bayern München zu trainieren. Mehr

24.08.2016, 12:35 Uhr | Sport
Comic-Galerie Die große Welt der kleinen Bilder

Wer Comic-Originale sammelt, kommt an der Galerie Huberty & Breyne in Brüssel nicht vorbei - denn im Hinterzimmer des vollgestopften Ladens warten Raritäten. Mehr Von Andreas Platthaus/Brüssel

24.08.2016, 13:01 Uhr | Feuilleton

Ein neuer Stil für die Fußballfrauen

Von Daniel Meuren

Der Olympiasieg der Fußballfrauen ist erst vier Tage alt – und scheint so weit entfernt. Die neue Bundestrainerin Steffi Jones will vieles anders machen als Silvia Neid und zeigt das auch gleich. Mehr 3